Bremer Klinikum

Gutachten über Frühchen-Tod sorgt für Wirbel

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Der Ausbruch multiresistenter Bakterien und der Tod von mindestens drei Frühchen im Klinikum Bremen-Mitte gehen nach Ansicht des Krankenhaushygienikers Walter Popp auf Fehler im Haus der Bremer Gesundheitssenatorin zurück.

Bremen - Ein neues Gutachten zum Tod von drei Frühchen im Bremer Klinikum sorgt für neuen Wirbel. Die Bremer CDU fordert die Fortsetzung des Untersuchungsausschusses zum Hygieneskandal, die FDP fordert den Rücktritt von Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper.

Nach Bekanntwerden eines neuen Gutachtens zum Tod von mindestens drei Frühchen im Klinikum Bremen-Mitte schlagen die Wellen bei der Opposition hoch. Die Bremer CDU forderte am Mittwoch, der Untersuchungsausschuss solle wieder in die Beweisaufnahme einsteigen und beantragte eine Sondersitzung in der Bremischen Bürgerschaft. Die FDP forderte den Rücktritt von Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) und ihres Staatsrates. „In ihrer Aufsichtspflicht und in ihren dienstlichen Zuständigkeiten für die Abteilung Gesundheit haben beide absolut versagt“, sagte der FDP-Landesvorsitzende Prof. Hauke Hilz.

Aus Sicht des Krankenhaushygienikers Prof. Walter Popp wurden die Erkrankungen und der Tod der Kinder im vergangenen Jahr durch Fahrlässigkeit verursacht. Dafür seien auch Fehler im Haus der Gesundheitssenatorin verantwortlich, schreibt er in einem Gutachten für die Staatsanwaltschaft Bremen, das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt.

Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention seien nicht beachtet und vor dem Keim-Ausbruch in der Klinik bekannte Probleme bei Reinigung und Desinfektion nicht abgestellt worden. Außerdem habe es zu wenig Personal und zu wenig Kompetenz in hygienischen Fragen gegeben. „Hätte man ab März 2011 diese Probleme konsequent angegangen, wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Ausbruch mit ESBL-Keimen weit geringer erfolgt, wenn überhaupt.“

„Wahrscheinlich lässt sich heute nicht mehr ermitteln, von wem aus und wie genau der Ausbruch seinen Ausgang nahm“, schreibt Popp in seinem Gutachten. „Insgesamt bedeutet dies, dass viele Fehler in vielen Bereichen gemacht wurden und dass alle diese Fehler zu Übertragungen auf unterschiedlichen Wegen führen mussten.“

„Das Gutachten rückt bisherige Erkenntnisse über die Ursachen des Keimausbruchs in ein neues Licht“, sagte Rainer Bensch, CDU-Fraktionssprecher für Gesundheit. Überraschend deutlich gebe der Autor der Gesundheitsbehörde eine Mitschuld am Keimausbruch und am Tod der infizierten Frühchen. Es sei deshalb unerlässlich, dass der Sachverständige vor dem Untersuchungsausschuss aussage. Auch die zuständige Senatorin und ihr Staatsrat müssten erneut befragt werden.

Jetzt gelte es, noch größeren Schaden abzuwenden. „Jeder weitere Tag im Amt ist eine verlorene Chance“, sagte Hilz. Jürgens-Pieper (SPD) hatte im Untersuchungsausschuss eine persönliche und politische Verantwortung zurückgewiesen. Sie habe zügig und stringent gehandelt, als sie von den Infektionen erfahren habe. Sie habe seitdem daran gearbeitet, das Klinikum so aufzustellen, dass Infektionen künftig mit professionellem Hygienemanagement begegnet werden könne.

Popp gibt in seinem Gutachten den Hygienemaßnahmen auch nach Wiedereröffnung der Frühgeborenen-Station im Januar diesen Jahres nach einer Begehung kein gutes Zeugnis. Er belegt das mit zahlreichen Fakten wie nicht oder unzureichend desinfizierte Gegenständen wie Puppen, Kabel oder Klemmlampen.

„All das erklärt, warum die sogenannten Desinfektionsmaßnahmen z.B. nach Renovierung nicht wirkten: Sie wurden unvollständig und von schlecht geschultem Personal durchgeführt, dessen Defizite auch der externe Desinfektor nicht ausgleichen konnte. Außerdem wurden die Maßnahmen laufend unterlaufen, indem Gegenstände undesinfiziert blieben.“ Mit dem Klebsiella-Keim infizierten sich mindestens 19 Babys. Die Station ist seit Februar geschlossen.

dpa

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