Helmstedt

Ein Gymnasiallehrer sieht rot

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Foto: Die Mehrarbeit treibt die Lehrer immer wieder auf die Straße.

Helmstedt - Ein Helmstedter Studienrat stellt sich gegen einen Beschluss seiner Schule, sagt aus Protest gegen Mehrarbeit für niedersächsische Lehrer eine Kursfahrt ab – und bekommt Fanpost von Lehrern und Eltern.

Eigentlich wollte Carsten Werckmeister mit den 20 Schülern seines Mathematik- und Physikkurses im Juli für eine Woche nach Prag fahren. Vor ein paar Tagen hat der Studienrat vom Gymnasium Julianum in Helmstedt jedoch eine E-Mail an die Eltern des 11. Jahrgangs geschrieben und die Studienfahrt abgesagt. Aus Wut und aus Protest.

Aus Wut darüber, dass Lehrern „immer neue Aufgaben ohne Ausgleich“ aufgebürdet werden. Und aus Protest dagegen, dass Gymnasiallehrer in Niedersachsen ab August eine Stunde mehr unterrichten sollen.

Es sei beamtenrechtlich fragwürdig, nur eine Gruppe der Lehrer zu belasten, sagt der 47-Jährige. „Hier ist nicht nur eine Grenze der Zumutbarkeit überschritten, sondern hier werden Arbeitnehmerrechte, anerkannte Arbeitsbedingungen und Motivation mit Landtagsabgeordnetenfüßen getreten.“ Es gehe ums Prinzip, sagt Werckmeister. Deshalb sei es auch recht und billig, dass er schon in diesem Schuljahr die Kursfahrt streiche, obwohl die Lehrer erst ab dem nächsten Schuljahr mehr unterrichten müssen: „Das machen Politiker doch auch nicht anders, erst wird etwas beschlossen und dann kündigt man im Nachhinein Verbesserungen an.“ Er bekomme Unterstützungspost aus dem ganzen Land, sagt der Mathematiklehrer – von Kollegen, aber auch von Eltern. Gezählt habe er die E-Mails und Briefe noch nicht: „Aber es sind viele. Sie verstehen, dass meine Absage so etwas wie ein Hilferuf ist.“

Die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung sei unfair und gerade für engagierte Lehrer „ein Schlag ins Gesicht“. Was solle man denn auch sonst streichen als freiwillige Leistungen wie Klassenfahrten oder Theaterbesuche, fragen die Philologen. Die Unterrichtsvorbereitung etwa?

Wer als Lehrer Fahrten absage, bestrafe sich auch selbst, meint jedoch Dieter Stephan, Chef der Direktorenvereinigung. Denn gerade diese Veranstaltungen außerhalb des Klassenraums bereicherten das Schulleben und schweißten Lehrer und Schüler enger zusammen. Auch Dagmar Schulze, Rektorin des Julianums, findet: „Schule ist mehr als die Summe der Unterrichtsstunden, Klassenfahrten sind Unterricht mit anderen Mitteln.“ Mit der Absage seiner Kursfahrt stellt sich Werckmeister gegen einen schulinternen Beschluss. Denn im Herbst hatte das Helmstedter Gymnasium entschieden, sich nicht der Welle des Klassenfahrtenboykotts anzuschließen, der von hannoverschen Schulen gestartet worden war und mittlerweile von mehr als der Hälfte der 265 Gymnasien landesweit getragen wird.

Am Ende bleibt es die Entscheidung des Einzelnen. Gezwungen werden kann niemand zur Klassenfahrt. Engagieren will sich Werckmeister auch weiterhin für seine Schüler: „Ich bin Pädagoge mit Leib und Seele.“ Nur eben nicht in Prag.

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