Germanwings-Flug 4U9525

Hätten die Ärzte die Schweigepflicht brechen müssen?

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„Die Feier zum 60. Jubiläum der Lufthansa wird aus Respekt vor den Opfern des Absturzes nicht stattfinden“: Konzernchef Carsten Spohr.

- Vor sechs Jahren litt der Todespilot Andreas Lubitz an schweren Depressionen – und die Lufthansa wusste das. Von seiner aktuellen Erkrankung erfuhr sie aber nichts. Hätten die Ärzte die Schweigepflicht brechen müssen?

Im Jahr 2009 fasste sich der damalige Flugschüler Andreas Lubitz ein Herz und offenbarte sich gegenüber der Lufthansa: Er habe eine schwere depressive Episode gehabt, erklärte er in einer E-Mail. Aber es gebe zum Glück auch eine gute Nachricht: Die Depression sei wieder „abgeklungen“.

Die Lufthansa zeigte sich verständnisvoll. Lubitz durfte seine Ausbildung wieder aufnehmen, wurde schließlich Copilot. Allerdings bekam er, wie es heißt, einen internen Vermerk in seine Akten, wonach er unter engmaschiger Kontrolle von Ärzten bleiben solle.

Ein zweites Mal hat Andreas Lubitz den Mut zur Offenheit nicht gefunden. Zu viel stand auf dem Spiel: Hätte die Lufthansa eine Ahnung bekommen, dass der junge Mann eines Tages eine ernste Gefahr für seine Passagiere werden könnte, hätte man ihn sofort vom Dienst suspendiert – und damit gegen keines der geltenden Gesetz verstoßen.

Die Depression, das weiß man heute, kam wieder. Aber diesmal verheimlichte Lubitz alles. Mehr noch: Er zerriss die von seinem Arzt ausgestellten Krankschreibungen – auch jene, die für den 24. März gegolten hätte, den Tag, an dem er den Germanwings-Flug 4U9525in den französischen Alpen zerschellen ließ und 149 Menschen mit ihm starben.

Hätte der Arzt sich an Lubitz vorbei bei der Lufthansa melden müssen? Die Frage berührt den Kern des Arzt-Patienten-Verhältnisses: Wo endet die ärztliche Schweigepflicht?Rund ein Viertel aller Menschen durchleidet irgendwann im Leben einmal eine depressive Phase. „Wenn man all diese Menschen von verantwortungsvollen Berufen ausschließen würde, würde unser Land stillstehen“, sagt der Psychiater Manfred Lütz, Chefarzt in Köln. In Politik und Verbänden aber wird jetzt ein Umdenken gefordert, zumindest ein genaueres Hinsehen. „Wenn Arbeitnehmer, die in sicherheitsrelevanten Bereichen arbeiten, psychische Probleme haben, sollte eine unabhängige Stelle davon erfahren“, sagt Thomas Prinz, der Arbeitsrechtsexperte des Arbeitgeberverbandes BDA. Der Verkehrsexperte der CDU, Dirk Fischer, geht sogar noch einen Schritt weiter: Piloten, fordert er, müssten zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden. Sowohl gegenüber dem Arbeitgeber als auch gegenüber dem Luftfahrtbundesamt „müssen diese Ärzte von der Schweigepflicht entbunden sein“, erklärt Fischer.

Die Schweigepflicht ist Teil des hippokratischen Eides – und heute sogar im Strafrecht verankert. Ein Arzt muss über alle Informationen schweigen, persönliche wie medizinische, die ein Patient ihm anvertraut. Die Schweigepflicht bindet den Arzt sogar über den Tod des Patienten hinaus. Sie soll sicherstellen, dass sich jeder Kranke ohne Angst vor Nachteilen einem Arzt offenbaren kann. Es gibt wenig, das für das ärztliche Selbstverständnis so zentral ist wie die Schweigepflicht.

Andererseits: Wenn die Lockerung helfen würde, Tragödien wie den Germanwings-Absturz zu verhindern – muss dann das Schutzbedürfnis des Individuums nicht zurückstehen?Genau diese Folgerung halten die meisten Ärzte für vorschnell, leichtfertig – und sogar gefährlich. Es bedeute eine „hochgradige Stigmatisierung“, warnt der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Wenn jemand zum Beispiel als Jugendlicher in psychiatrischer Behandlung war und deshalb von bestimmten Berufen für immer ausgeschlossen bliebe, wäre dies Diskriminierung. „Die allermeisten dieser Kranken können hundertprozentig geheilt werden“, betont Montgomery.

Ähnlich entschieden klingt Matthias Gudjons, Allgemeinarzt und Flugmediziner aus Hannover. Seit 30 Jahren untersucht er Berufspiloten, Fluglotsen und Hobbyflieger auf ihre Flugtauglichkeit. Gudjons ist überzeugt: „Ohne die Schweigepflicht gäbe es einen gewaltigen Vertrauensverlust. Da wären Medizin und Behandlung gar nicht denkbar.“ Nur wenn Patienten sicher seien, dass der Arzt Diagnosen nicht weitergibt, würden sie sich ihm überhaupt wirklich anvertrauen. Die Vorstellung aber, dass ein Amokpilot seine Pläne vorab offenbart, hält er für naiv: „Wenn jemand ein Problem nicht erzählen will, dann erzählt er es auch nicht.“ Ohnehin müssen Gudjons und seine Kollegen schon heute die Behörden informieren, wenn sie von einer geplanten Straftat erfahren. Wenn Ärzte oder Psychotherapeuten hören, dass jemand sich oder andere gefährdet, sind sie verpflichtet, ihr Schweigen zu brechen. Eltern, die ihre Kinder misshandeln, ­Männer, die einen Mord ankündigen – Mediziner dürfen in solchen Fällen nicht nur reden, sie können sich sogar strafbar machen, wenn sie schweigen.

Copilot Lubitz hat nach Erkenntnissen der Ermittler seinen Therapeuten in diesen Tagen weder von Suizidgedanken noch von Amokplänen berichtet. Auch die Lebensgefährtin von Lubitz hat die Schwere der Erkrankung nicht erkannt. Dem Staatsanwalt in Düsseldorf sagte sie, sie habe von der Krankheit gewusst. Doch sie seien überzeugt gewesen, als Paar die Krise meistern zu können.Wegen dieses dramatischen Falles die Schweigepflicht generell infrage zu stellen, hält auch der Flugmediziner Sami Mohtadi für grundfalsch: „Durch die Schweigepflicht werden weit mehr Menschen gerettet als ohne sie“, sagt er – weil ohne sie viel weniger Betroffene über ihre Probleme reden würden.

Das belegt auch der Fall des einst depressiven Piloten Rainer S. Er suchte während der Behandlung selbst den Kontakt zu Vertrauensleuten seines Unternehmens – aus ­Angst, Menschen wegen seiner Medikamente in Gefahr zu bringen. Längst fliegt er wieder, die Depression ist überwunden. „Ohne die Schweigepflicht, ohne diese Sicherheit hätte ich mich wohl gar nicht in Behandlung begeben“, sagt er. Was möglicherweise viel gefährlicher gewesen wäre.

Von Thorsten Fuchs

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