Abkehr vom Turboabitur

Hamburg ficht einen neuen Schulstreit aus

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Das bundesdeutsche Meinungsbild ist eindeutig. Die meisten jener alten Bundesländer, die vor zehn, zwölf Jahren die Gymnasialzeit um ein Jahr verkürzten, schwenken heute um

Hamburg - Elterninitiative fordert Abkehr vom Turboabitur. Für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium in der Hansestadt braucht die Volksinitiative 63.000 Stimmen.

Gestern hat es stark geregnet in Hamburg, und Regen kann Mareile Kirsch jetzt gar nicht gebrauchen. Bei Regen haben es Passanten eilig. Keine Zeit für Gespräche, da mag das Thema noch so wichtig sein. Und Mareile Kirsch weiß: Die Frist läuft ab. Nur noch bis heute Nacht, 24 Uhr, haben Kirsch und ihre Mitstreiter von der Volksinitiative „G 9-Jetzt-HH“ Zeit, um die benötigten 63.000 Unterschriften zu sammeln – für eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium in der Hansestadt, kurz: G 9. Oder, wie Mareile Kirsch es formuliert: „Für mehr Zeit zum Selbstdenken.“

Das bundesdeutsche Meinungsbild ist eindeutig. Die meisten jener alten Bundesländer, die vor zehn, zwölf Jahren die Gymnasialzeit um ein Jahr verkürzten, schwenken heute um. Zurück zu 13 Schuljahren. Niedersachsen stellt um (siehe Kasten), Hessen lässt jedes Gymnasium selbst entscheiden, Schleswig-Holstein setzt ebenfalls auf Wahlfreiheit, Bayern und Baden-Württemberg auch, auch in der nordrhein-westfälischen rot-grünen Regierungskoalition mehren sich die Stimmen von G-8-Kritikern. Im Hamburger Streit ums „Turboabitur“ verlaufen die Fronten aber anders als an anderen Schauplätzen: Die politischen Parteien halten sich raus, die Eltern machen ihre eigene Politik.

Seit Monaten schon führen Mareile Kirsch und ihre Mitstreiter beherzt eine Kampagne für die Rückkehr zum G 9. Die letzten drei Wochen hat Kirsch vornehmlich auf Einkaufsstraßen und Marktplätzen verbracht, das Klemmbrett mit den Unterschriftenlisten unterm Arm. Ihren Sohn, einen Elftklässler, habe sie in der Zeit kaum gesehen. Kirsch war früher mal CDU-Mitglied, aber wegen der Schulpolitik unter Ole von Beust sei sie aus der Partei ausgetreten. Es wundere sie nicht, dass die CDU, größte Oppositionspartei im Hamburger Senat, nicht auf den Protestzug der Eltern aufspringt, sich nicht gegen die Schulpolitik der regierenden SPD stellt. Plausibel wäre dies, immerhin wählt Hamburg im Februar eine neue Bürgerschaft. Kirsch meint: „Wir haben es mit einem G-8-Kartell zu tun: Alle Parteien und die Wirtschaft halten fest an der verkürzten Schulzeit. Die Eltern sind allein.“

Schulpolitik ist in Hamburg ein Minenfeld. Die Erinnerungen an den Schulstreit von 2010 sind noch wach. Da wollte die damalige schwarz-grüne Regierung die sechsjährige Grundschule einführen, es kam zum Volksbegehren – die Koalition zerbrach.

Ist das Volksbegehren der G-9-Gegner erfolgreich, werden die Hamburger abstimmen dürfen über die Einführung der Möglichkeit, das Abi nach 13 Jahren abzulegen. Die Initiatoren des Volksbegehrens treten für Wahlfreiheit an Gymnasien ein. Aber das lehne Hamburgs Schulsenator Ties Rabe ab, sagt sein Sprecher Peter Albrecht. In Hamburg gibt es zwei weiterführende Schultypen: Neben den 60 Gymnasien existieren 59 Stadtteilschulen – Gesamtschulen, die auch das Abitur nach 13 Jahren anbieten. „Da sehen wir nicht die Notwendigkeit, auch an Gymnasien das G 9 zu ermöglichen“, sagt Albrecht und verweist auf eine Umfrage, die die Schulbehörde in den Schulkonferenzen ihrer Gymnasien durchführen ließ. Heraus kam: 87 Prozent sind gegen eine Rückkehr zum G 9.

Mareile Kirsch führt dagegen eine NDR-Umfrage an, wonach 84 Prozent der Hamburger G 9 besser finden als G 8. „Die Landesregierung trickst und verunsichert die Bevölkerung.“ Ob sie heute Nacht 63 000 Unterschriften beisammen haben wird? „Da unsere Initiative dezentral vorgegangen ist, habe ich keinen Überblick. Aber die Resonanz unter den Eltern ist extrem positiv“, sagt Kirsch. „Ob es nun klappt oder nicht: Wir haben eine Debatte angestoßen, die nicht so schnell abebben wird.“ Das klingt vorsichtig. Aber auch entschlossen.

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