Rattenfänger-Casting

Hameln sucht die Super-Flöte

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Spiel mir das Lied vom Rattenfänger: Die 16-jährige Schülerin Anna Lea Mundhenk hat sich in einem Casting als Rattenfänger durchgesetzt.

Hameln - Der Rattenfänger in Hameln ist viel beschäftigt – zu viel. Deshalb bekommt er jetzt Unterstützung. Sie ist weiblich, 16 Jahre alt und geht noch zur Schule. Anna Lea Mundhenk hat sich am Freitag bei einem Casting gegen ihre männliche Konkurrenz durchgesetzt.

Seit mehr als 20 Jahren gibt Michael Boyer den Rattenfänger mit gelben Schnabelschuhen, Federhut und Klarinette. Ihm halfen bislang vier Kollegen. Zwei der nebenberuflichen Darsteller haben jetzt aufgehört. Trotz der Hilfe hatte der hauptamtliche Schauspieler Boyer 2013 noch 325 Auftritte. Er ist schlicht überlastet – ein Hilfsrattenfänger muss her. Und wie? Mit einem Casting. Die Bewerber in der engeren Auswahl präsentieren sich am Freitag vor einer sechsköpfigen Jury. Um die Rolle wetteifern neben Anna Lea ein Konditor (27), ein Busfahrer (49), zwei Musiker im Rentenalter und ein Kandidat, der anonym bleiben will. 15 Minuten haben sie jeweils Zeit, um Hamelns Tourismus-Chef sowie Theater- und Musicalexperten von sich zu überzeugen.

Kandidat Andreas Wolfram (72) aus Hemmingen fährt Kuhhorn-blasend mit dem Fahrstuhl auf die Bühne. Er trillert auf diversen Flöten, spielt Klarinette und tanzt in Trippelschritten über die Bühne. Der nächste Bewerber, H.F. Schimmelpfennig (65), zieht bereits als Musikant über Mittelaltermärkte. An seinem Auftritt bemängelt die Jury nur, dass er einen Notenständer aufgebaut hat und das Rattenfänger-Gedicht und Weserlied abliest.

Von der ersten Minute an überzeugt Anna Lea Mundhenk mit ihrem Charme. Die 16-Jährige wirkt authentisch. So ist es keine große Überraschung, dass die Wahl der Jury auf das Mädchen fällt. „Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet und bin total überwältigt“, sagt Anna Lea, als alle Kameras auf sie gerichtet sind.

Auch Michael Boyer strahlt. Bei der Auswahl seiner künftigen Kollegen habe er in der Jury nicht den Dieter Bohlen geben wollen, sagt der gebürtige Amerikaner, der seine Rolle liebt. „Ich bin Schauspieler, Stadtführer, Märchenerzähler und Narr, der ungestraft jede Wahrheit sagen darf.“ Wenn er im Kostüm durch Hameln schreitet, wird er an jeder Ecke gegrüßt, und Kinder wollen ihn anfassen. Der Rattenfänger ist so etwas wie ein Popstar. Zumindest in der Stadt, in der es Rattenstandbilder und beim Bäcker Ratten aus Salzteig an jeder Ecke gibt.

Die Rattenfänger-Sage soll nach dem Willen der Stadt Unesco-Kulturerbe werden. Dazu passt auch ein junges Gesicht, wie das von Anna Lea. Die Stadt braucht solche Leute. Denn der Rattenfänger und das Rätsel um die verschwundenen Kinder haben Hameln weltberühmt gemacht. Rund 4,1 Millionen Tagesgäste zählt die Fachwerkstadt im Weserbergland jedes Jahr. Sie kommen aus Japan, den USA oder Holland – und fast alle möchten bei ihrem Besuch den Rattenfänger persönlich erleben. Der mysteriöse, fremde Flötenspieler verjagte im Jahr 1284 erst die Nager aus den Stadtmauern. Als die Stadtoberen ihm seinen Lohn verweigerten, lockte er die Kinder fort. 130 Jungen und Mädchen kehrten angeblich nie wieder zurück.

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