Aussage gegen Hells-Angels-Chef

Hanebuth soll Mordauftrag gegeben haben

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Foto: Frank Hanebuth soll nach Aussage eines Ex-Rockers auch in Kiel seine Finger im Spiel gehabt haben.

Kiel - Ein Ex-Rocker als Kronzeuge: Der Chef einer früheren Hilfstruppe der Hells Angels hat vor dem Kieler Landgericht Einblicke in das Innenleben der Bande gegeben. Hannovers Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth soll demnach „grünes Licht“ für den Mord an einem Türken gegeben haben.

Das Kieler Landgericht gleicht an diesem Donnerstagmorgen einer Festung. Mehrere Dutzend Polizisten schirmen das Gebäude ab. Auch auf den Gängen sind Beamte postiert. Besucher und Journalisten müssen sich strengsten Leibesvisitationen unterziehen. Die Sicherheitsvorkehrungen haben guten Grund. Denn an diesem Tag wird vor der 28. Strafkammer nicht irgendein Verfahren fortgesetzt. An diesem Tag packt ein Aussteiger aus – gegen seine ehemaligen Kumpel, gegen Mitglieder des mächtigsten Motorradklubs der Welt: die Hells Angels.

Steffen R. bricht damit ein eisernes Gesetz der Höllenengel, das Schweigegelübde, das sich die Rocker bereits in den Gründungstagen des Jahres 1948 auferlegt haben: Ein Hells Angel spricht niemals mit der Polizei. Aus diesem Grund sind auch die Sicherheitsvorkehrungen für den Zeugen extrem hoch. In einem gepanzerten Wagen wird der 40-Jährige zum Gericht gefahren. Im Verhandlungssaal trägt er eine schusssichere Weste, sitzt hinter Sicherheitsglas.

Steffen R. redet lange über sich selbst. Über seine Jugend in der DDR, das Heranwachsen ohne Familie, seine Sehnsucht nach Kameradschaft. Immer sei es ihm darum gegangen, „in der Gruppe“ etwas zu machen. Das war ja das Tolle, sagt er, bei den Hells Angels: „Zusammenhalt bis zum Schluss, bis du in den Knast kommst.“ Jetzt droht ihm der Knast. Und deshalb packt er aus, als Kronzeuge. Erst am Nachmittag kommt er zur Sache.

Frank Hanebuth, Chef der Hells Angels in Hannover, soll den Mord an einem Türken in Auftrag gegeben haben. Das Opfer habe „Streit mit Hanebuth“ gehabt, sagt R.: „Es ging um Drogen, es ging um Frauen, Prostitution und Geld.“ Der Türke sei „in Ungnade gefallen“, weil er „sich eingemischt hat in die Geschäfte von Herrn Hanebuth“. Irgendwann habe es geheißen: „Es reicht!“ Der Vorsitzende Richter fragt nach, wer das gesagt habe. R.: „Die Endentscheidung hat Hanebuth getroffen.“ Er habe es im Dezember 2010 auf einer Weihnachtsfeier von mehreren Hells Angels erfahren.

Steffen R.s Spitzname ist „Kugelblitz“, ein Bauch wölbt sich über dem Bund der Jeans, er trägt einen Ring im linken Ohr. Manchmal knetet er seine Hände. Doch er spricht mit ruhiger Stimme. Steffen R. muss sich seit November 2011 unter anderem wegen Menschenhandel, Zuhälterei und Körperverletzung vor dem Landgericht Kiel verantworten.

Der Türke Tekin Bicer, der seit zwei Jahren vermisst und dessen Leiche intensiv von der Polizei gesucht wird, sei von zwei Hells Angels in einen Lagerraum bei Kiel gebracht und „über mehrere Stunden gequält worden“, berichtet R. Sie hätten sich über den Mann lustig gemacht, weil er geklungen habe „wie ein Seehund“. Schließlich habe ein Höllenengel geschossen – und ihn in Gesicht oder Hals getroffen. Die Leiche hätten sie erst in einem Müllcontainer versteckt und dann im Fundament einer neu gebauten Lagerhalle bei Kiel einbetoniert.

Steffen R. war bis zur Festnahme im Mai 2011 Chef der „Legion 81“, einer Hilfsgruppe der Hells Angels, zuständig für Schutzgelderpressung, Zuhälterei, Waffen- und Drogenhandel. Er hatte die „Legion 81“ 2009 gegründet. Um sie zu gründen, hätten sie bei Hanebuth anfragen müssen, „man musste sich vorstellen, Geld abführen et cetera“. Zuständig „bei uns im Norden ist Frank Hanebuth“, sagt er. Und: „Es ist so, dass Frank Hanebuth die Finanzen der Hells Angels in Kiel regelt und die verschiedener anderer Hells-Angels-Gruppen.“ Er sei „verantwortlich für die Kriegskasse“. Er verstummt, berät sich mit seinem Anwalt Andreas Meyer, sagt dann: „Und ist es so, wenn eine Schusswaffe in Gebrauch ist, braucht es immer die Genehmigung von Hanebuth. Er hatte die Entscheidungsgewalt, ob geschossen wird oder nicht.“ Das Codewort der Hells Angels für Racheakte laute „Hausbesuche“. Er sagt: „Wenn es darum geht zu schießen, wusste Hanebuth Bescheid.“

"Du bist tot, Mann!"

Im Jahr 2009, den genauen Zeitpunkt wisse er nicht mehr, wurde R. aus seinem Urlaub in der Türkei zurückgerufen. Es hieß, die Bandidos, ein verfeindeter Klub, wollten in Preetz im Kreis Plön ein neues „Chapter“ gründen. Und dann gab es noch den Vorfall im Internet. Ein „Bandit“ soll ein Foto veröffentlicht haben, auf dem zu sehen gewesen sei, wie jemand auf eine Kutte der Hells Angels pinkele. Es habe eine „Sondersitzung“ in einem thailändischen Restaurant in Kiel gegeben, mit Hanebuth. „Er war extrem sauer“, erzählt R. Hanebuth und der Kieler Boss hätten die „Legion“ beauftragt, „sich drum zu kümmern“. Den Bandidos sollte „ein Denkzettel“ verpasst werden. 3000 Euro habe ihm Hanebuth damals für die Aktion in einem Umschlag überreicht. „Er hat ja die Kasse verwaltet.“ Dem Bandido sei mit einer Waffe Angst eingejagt worden. Die Botschaft sei gewesen: Das nächste Mal zielen wir nicht vorbei.

Als Frank Hanebuth am Nachmittag von den Vorgängen in Kiel erfährt, ist er fassungslos: „Ich kenne den Mann nicht, wir beschäftigen uns mit Unterstützerklubs gar nicht, die stehen auf der untersten Stufe“, poltert er. Mit dem Charter in Kiel habe er nichts zu tun. „Jeder Klub agiert eigenverantwortlich, es gibt auch keine Art von Dachorganisation“, sagt der Rockerchef. Mit dem Präsidenten des inzwischen verbotenen Kieler Charters verbinde ihn eine langjährige Freundschaft: „Ansonsten ist da gar nichts, die wollen einfach nur unseren Ruf ruinieren.“

Doch Steffen R. bleibt bei seiner Linie und lässt dabei nichts aus. Die Hells Angels Kiel verkauften Waffen an andere Klubs im Norden, an eine kurdische Organisation und die NPD, behauptet er. Er berichtet von Beamten, die die Hells Angels für ihre Unterstützung bezahlten: bei der Stadt, der Polizei, in den Gefängnissen. Er berichtet von Hells Angels, die als Türsteher arbeiteten und Drogen verkauften, „Speed, Grass“. Ein Mitglied hätte die „Legion“ zu einer rechtsextremen Organisation machen wollen. Doch R. habe sich geweigert. Denn: „Hells Angels sind nicht rechts, nicht links, es geht ums Kohleverdienen.“ Jetzt würden wohl viele Leute Schwierigkeiten bekommen, sagt R. noch. Ein sonnengegerbter, tätowierter Zuschauer steht auf, ruft: „Du bist tot, Mann!“, und stürmt aus dem Saal.

Eines hat der Kieler Prozess immerhin schon bewirkt: Die Politik befasst sich mit einem potenziellen Verbot von Rockerbanden wie den Hells Angels. Beim Treffen der Innenminister in Mecklenburg-Vorpommern sprachen sich mehrere Teilnehmer für eine härtere Gangart aus. Offenbar sind die Länder dabei, Material für ein bundesweites Verbot zu sammeln. Dies bestätigte Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) am Rande der Tagung. Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Lorenz Caffier (CDU) erklärte, es gebe Anzeichen für eine enge Vernetzung der Klubs, die juristische Voraussetzung für deren Zerschlagung. Auch Klaus Schlie (CDU), Innenminister in Schleswig-Holstein, äußerte gegenüber dieser Zeitung „große Hoffnung“, dass eine länderübergreifende Struktur der Hells Angels nachgewiesen werden kann.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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