Rockerklub

Hannovers Hells Angels melden sich ab

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Symbolischer Akt: Die Mitglieder der hannoverschen Hells Angels haben sich die Aufnäher mit dem „Hannover“-Schriftzug aus ihren Lederwesten geschnitten. So auch Klub-„President“ Frank Hanebuth.

Hannover - Der Klub der Hells Angels in Hannover hat sich aufgelöst. Polizei und Politik sehen in dieser Entwicklung einen Erfolg des harten Kurses gegen die Rockergruppe. Aber verschwindet damit auch eine der mächtigsten Rockergruppierungen im Land?

Das Domizil der Höllenengel in der Badenstedter Straße war nicht zu übersehen: Ein riesiges Schild mit der Leuchtschrift „Angels Place“ prangte über der schmalen Zufahrt, die Besucher nehmen mussten, wenn sie zum Klubhaus der berüchtigten Rockergruppe „Hells Angels“ gelangen wollten. Und es fehlte auch nicht der Totenkopf samt Motorradhelm und langem Flügel – jenes Emblem also, mit dem sich nur sogenannte Vollmitglieder des Clubs schmücken dürfen. Am Donnerstag aber war all dies verschwunden. Von dem großen Schild ist nur noch ein klappriges, rot angestrichenes Gerüst übrig geblieben. Und selbst auf dem Innenhof des Gebäudes sind alle Zeichen der Rocker übermalt. Die hannoverschen Höllenengel haben leise den Abflug gemacht – und dabei kaum Spuren hinterlassen.Eine kleine Mitteilung auf dem Internetportal „Ride free“, einer bei Motorradrockern beliebten Seite, eingestellt am Mittwoch um 21.28 Uhr, besiegelte das formelle Ende des Rockerklubs an der Leine. „Mit dem heutigen Datum, 27.06.2012, hat sich der H.A.M.C. Hannover aufgelöst! Pr-Team 81“, hieß es da. Die Zahlen in der Mitteilung stehen für die entsprechenden Buchstaben des Alphabets, für H und A, also für Hells Angels. Am Mittwochabend waren alle 60 Mitglieder des Klubs im Vereinsheim, dem „Angels Place“ in Linden-Mitte, zusammengekommen. Es gab jede Menge Gesprächsbedarf.

Aus dem Umfeld der Rocker hieß es später, es sei darum gegangen, welchen Kurs der Klub einschlagen und wie man auf die anhaltenden Ermittlungen der Polizei und den dadurch entstehenden Druck reagieren wolle. Vor vier Wochen hatten Spezialkräfte der Polizei, die am frühen Morgen per Hubschrauber einflogen, das Privathaus von Hells-Angels-„Präsident“ Frank Hanebuth in der Wedemark durchsucht. Der 47-Jährige muss sich inzwischen gegen Vorwürfe wehren, er sei in ein Mordkomplott verstrickt. Dies hatte ein Kronzeuge der Anklage in einem viel beachteten „Hells-Angels“-Prozess in Kiel ausgesagt.

Seither steht der Hells Angels-Klub in Hannover unter verschärfter Beobachtung, aus der Landespolitik wurde der Ruf nach einem Verbot immer lauter. Dem kamen nun die Klubmitglieder auf ihrer Sitzung am Mittwochabend zuvor. Die dort vertretenen 60 Höllenengel beschlossen kurzerhand, ihren seit 1999 bestehenden Klub aufzulösen. Man habe sich die Aufnäher mit dem „Hannover“-Schriftzug aus den Lederwesten geschnitten, hieß es. Die Klubführung gab eine kurze Erklärung per Mail ab – und nahm dann auch die Internetseite des Klub vom Netz. „Wir sind und bleiben aber Hells Angels“, sagte Frank Hanebuth gestern der HAZ. Einem neuen Klub will sich der 47-Jährige nach eigenen Angaben nicht mehr anschließen. Kein „Kiez“-König mehr und auch kein Rockerpräsident? Das klingt so gar nicht typisch für den Hells Angel, dem man nachsagt, auch überregional eine führende Rolle zu spielen. Über die Jahre hinweg hatte Hanebuth, der schon vor der Gründung der Höllenengel im Steintorviertel aktiv war und dort Bordelle betrieb, seinen Einfluss immer weiter ausgebaut. Er und seine Rocker verwandelten das einst so schmuddelige Milieu in eine Partymeile mit Diskotheken und Cocktailbars. Hanebuths Securityfirma stellte die Türsteher für diese Klubs. Mehrmals pro Jahr lockte er mit großen Festen wie den „Harley-Days“ viele Tausende Gäste an. Beraten wurde Hanebuth auch dabei von seinem Rechtsanwalt Götz von Fromberg. Die Polizei begleitete diese Entwicklung stets mit großer Skepsis. Der „Partyplan“ und der damit einhergehende Schritt in die Legalität sei von den Rockern nur ersonnen worden, um illegale Machenschaften wie Drogen- und Waffenhandel besser kaschieren zu können, so die besorgte Analyse der Fahnder. Ihnen fehlte die Handhabe, gegen die Rocker vorzugehen. Dann jedoch wendete sich das Blatt. Die Hells Angels spielten sich immer wieder als Ordnungsmacht in dem Viertel auf. Sie regelten Streitigkeiten selbst, ohne die Polizei einzuschalten, nahmen unberechtigt Taschenkontrollen bei den Gästen vor. Die Polizei ihrerseits erhöhte den Druck. Die Zahl der Einsatzkräfte im Rotlichtviertel wurde verstärkt. Es gab Kontrollen und Durchsuchungen.

Im September des vergangenen Jahres hatte Frank Hanebuth schließlich genug. Entnervt zog er sich aus dem Steintorviertel zurück und behielt lediglich seine beiden Bordellbetriebe. Der mächtige Rocker wollte in Ruhe gelassen werden, doch die Ruhe stellte sich nicht ein. Nach der Razzia in seinem Privathaus wurde es ihm offenbar endgültig zu viel. „Wenn die mich hier nicht mehr haben wollen, müssen sie es nur sagen, dann gehe ich nach Mallorca oder sonst wohin“, beschwerte er sich. Dem Vernehmen nach hat er sogar versucht, ein Gespräch mit Innenminister Uwe Schünemann (CDU) zu bekommen. Der Vorschlag, den der Rocker dem Politiker unterbreiten wollte, ging so: Die Hells Angels schließen alle ihre Unterstützerklubs und begrenzen die Zahl der jeweiligen Klubmitglieder auf 30. Im Gegenzug sollten die Behörden die Engel künftig in Ruhe lassen. Natürlich hat der Minister Hanebuth nicht getroffen. Noch ist vollkommen unklar, wie es jetzt mit den Hells Angels in Hannover, aber auch im ganzen Norden, weitergeht. Rudolf Triller, der Pressesprecher der Höllenengel in Deutschland, kündigte bereits an, ein Zusammenschluss aller Klubs in Deutschland sei durchaus denkbar. Dann würde man schon sehen, was man davon hätte, so Triller. Es klingt nicht beruhigend.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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