Werkstatt für seltene Renaissanceflöten

Ein Hauch von Zauberei

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„Im Schulunterricht klingt es oft furchtbar“: Martin Praetorius schätzt Holzflöten als anspruchsvolle und faszinierende Instrumente.

Beedenbostel - Martin Praetorius baut in seiner Werkstatt seltene Renaissanceflöten – und zur Entspannung auch Milchschäumer.

Es macht ganz leise Kratzgeräusche, wenn Martin Praetorius mit dem Unterschneidemesser durch die runden Löcher kreist. Aber es muss leise sein, sonst ist es beinahe nicht zu hören. Erst beim Anblasen breitet sich ein voller, runder Ton in seiner Werkstatt aus, von einem Stimmgerät auf die Tonhöhe kontrolliert. In der abgelegenen Werkstatt in Beedenbostel, zehn Kilometer von Celle entfernt, liegt ein Duft von frischem Holzstaub in der Luft und ein bisschen Zauberei. Wenn Martin Praetorius eine Flöte fertigt, denkt er dabei an den Musiker, der sie bekommen soll. An die Beschaffenheit seiner Finger, an die Eleganz seines Spiels und an besondere Wünsche, die der Musiker an das Instrument hat. Martin Praetorius ist Flötenbauer, Renaissanceflötenbauer. Einer von ungefähr zehn weltweit, wie er schätzt.

Auch wenn die gute alte Holzblockflöte in den Wintertagen wieder mehr Beachtung findet: Blockflöte spielen ist unbeliebt. Der Verband deutscher Musikschulen hat die Zahlen seit 1976 aufgezeichnet und dokumentiert: Im Vergleich zum Jahr 1995 lernen heute nur noch halb so viele Kinder das Spielen einer Blockflöte - 50 000 Mädchen und Jungen, das sind 6 Prozent aller deutschen Musikschüler.

Klingt furchtbar für jemanden mit musikalischem Gehör

Praetorius wundert das nicht. „Die Kinder spielen im Schulunterricht in großen Gruppen Blockflöte. Mit Instrumenten, die dafür eigentlich nicht die optimalen Eigenschaften haben. Und das klingt dann oft furchtbar für jemanden mit musikalischem Gehör. Ich kann absolut verstehen, dass die Musikalischen sagen, ,ich spiel was anderes’, und die Unmusikalischen aufhören. Nur ganz wenige bleiben dabei und lernen die Blockflöte als hoch anspruchsvolles und faszinierendes Instrument kennen.“

Praetorius’ Söhne Simon und Daniel spielen Klavier und Trompete. „Simon, warum spielst du keine Blockflöte?“, fragt Praetorius. „Weil Blockflöte langweilig ist und man da nur einstimmig spielen kann.“ Der Vater nimmt’s gelassen.

Seine Instrumente verkauft er bis nach Asien, Amerika und Australien. Außer der Renaissanceblockflöte fertigt Praetorius Barockblockflöten, Dulciane und Schalmeyen - mit seltener Liebe zum Detail und höchster Präzision. „Ich muss schon begeistert sein. Wenn noch etwas fehlt, lege ich sie noch mal einen Tag weg. Ich gehe mit großer Achtsamkeit vor, gucke mir die Flöten von allen Seiten an. Ich versuche, sehr liebevoll mit ihnen umzugehen. Ich muss da eine Seele einbauen“, sagt Praetorius.

Dass er sich den Flöten in dieser Intensität widmen kann, war nicht immer so. Nach dem Zivildienst, im Alter von 22 Jahren, bewarb er sich als Dulcianbauer bei einem kleinen Betrieb in Berlin und bei Moeck Musikinstrumente in Celle und entschied sich schließlich für das Unternehmen in Niedersachsen, wo es auch eine Abteilung für historische Holzblasinstrumente gab. Die lagen Praetorius besonders am Herzen.

Bei dem 1930 gegründeten Instrumentenhersteller Moeck werden Blockflöten in großen Stückzahlen industriell hergestellt. Als Abteilungsleiter der Stimmabteilung trug Praetorius dort hohe Verantwortung für die musikalische Qualität der Blockflöten, konnte aber nur selten selber Hand anlegen. Praetorius blieb 15 Jahre im Unternehmen. Dann machte er sich selbstständig - wie einige Lehrlinge von Moeck, die auf diese Weise eine echte Flötenhochburg rund um Celle entstehen ließen.

Einen „typischen Arbeitstag“ gibt es bei Praetorius seither nicht. „An manchem Morgen drehe ich erst eine Runde mit dem Rad, bevor ich in die Werkstatt gehe. Und an manchen Tagen ist es auch gut, die Flöte ganz beiseite zu legen.“ Dann baut Praetorius handbetriebene Milchschäumer, so 20 bis 30 Stück am Morgen. Die Geräte hatte er vor einigen Jahren für die eigene Küche entwickelt, dann patentieren lassen und mit einigen Vertriebspartnern auf den Markt gebracht. Die kleinen Küchenhelfer „müssen auch nicht klingen, die kann man auch mal unausgeschlafen machen“.

Rund 1000 Instrumente haben seine Werkstatt inzwischen verlassen, schätzt Praetorius. Sein teuerstes Instrument liegt gerade auf der Werkbank. Der Contrabass-Dulcian ist knapp zwei Meter lang und kostet 7500 Euro. Bis zu sieben Wochen arbeitet Praetorius an so einem Instrument. Kleinere Flöten, Schalmeyen und Dulcian gehen schneller. Mehr als 50 Instrumente pro Jahr baut er aber nicht. Die Auftragslage würde es zwar zulassen, aber „mir gefällt es, wie es ist“, sagt der Meister lachend.

Von Nina Reckemeyer

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