Gigaliner

Der Herr über den "Monster-Truck"

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„Da müssen Sie die Kreuzung schon mal dichtmachen“: Ronny Oppelt hat seinen Gigaliner fest im Griff.

Osnabrück - Niedersachsen gehört zu den wenigen Bundesländern, die Gigaliner auf die Straßen lassen. Aber wie fährt man eigentlich so einen überlangen Lastwagen?

Beim Kreisverkehr wird es eng. Anfangs sieht es aus, als würde sich dieser riesige Lastwagen quer stellen. Aber dann wird das lange Gefährt zu einem monströsen Wurm und schlängelt sich ins Straßenrund, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

„Da muss man schon etwas mehr ausholen“, sagt Ronny Oppelt. Der 26-jährige Fahrer hat seinen Lastwagen buchstäblich im Griff. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Lang-Lkw, der schon als Gigaliner oder „Monster-Truck“ Schlagzeilen machte - 25 Meter lang, 40 Tonnen schwer. Seit Anfang des Jahres darf der Mega-Transporter in einem bundesweiten Feldversuch über ausgewählte Strecken rollen. Polizeigewerkschaft, ADAC, Grüne und Sozialdemokraten sehen darin eine neue Stufe auf dem Weg zum totalen Verkehrskollaps. Ronny Oppelt dagegen kann die Aufregung nicht verstehen. „Ernste Probleme habe ich damit nicht“, sagt der junge Mann mit der Brille.

Oppelt pendelt mit seinem EuroCombi täglich fünfmal zwischen Osnabrück und Bramsche, um Tischdekoration aus Papier zu befördern - 20 Kilometer hin, 20 Kilometer zurück. Ausgangspunkt ist das Osnabrücker Logistikunternehmen Hellmann, das in 52 Ländern vertreten ist und 10.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Zum Weitertransport muss die Fracht auf konventionelle Lkw verladen werden. Denn die meisten deutschen Straßen sind für den Gigaliner noch tabu. Die rot-grün regierten Bundesländer verweigern sich dem Feldversuch. Von Osnabrück aus sind damit quasi alle weiterführenden Strecken abgeschnitten: Der extralange Lkw darf nicht über die A1 nach Hamburg fahren, weil das rot-grüne Bremen dazwischenliegt, und schon sechs Kilometer von der Spedition entfernt liegt die - unpassierbare - Landesgrenze nach Nordrhein-Westfalen. Hannover ist nur auf Umwegen erreichbar. Denn die kürzeste Verbindung führt über Bad Oeynhausen, und das liegt in Nordrhein-Westfalen. „Wir bewegen uns hier wie in einer Enklave“, sagt Fuhrparkchef Hendrik Jansen. „Das ist ein Riesenhandicap.“

Trotzdem setzt Hellmann auf den Gigaliner. Zwei weitere sollen bald vom Standort Lehrte (Region Hannover) aus rollen. Denn die Mehrkosten sind überschaubar. Sie beschränken sich im wesentlichen auf die sogenannte Dolly-Achse, die Motorwagen und Sattelauflieger verbindet und „nur“ 30.000 Euro kostet. Die übrigen Komponenten sind auch bei herkömmlichen Trucks im Einsatz. Und obwohl sie nur unwesentlich mehr Sprit verbrauchen, können die Lang-Lkws 50 Prozent mehr Fracht befördern als die rund sieben Meter kürzeren Modelle.

Bezogen auf die Frachtmenge soll damit der Spritverbrauch unter dem Strich um gut 20 Prozent sinken - entsprechend auch der Schadstoffausstoß. So wird der Gigaliner aus Sicht seiner Anhänger zum „Ökoliner“. In Holland und Skandinavien haben die Lang-Lkws mit diesem Argument bereits weitgehend freie Fahrt. Dass die „Monster-Trucks“ den Straßenbelag ruinierten, wie behauptet, sei Quatsch, sagt Fuhrparkleiter Jansen. „Das Gewicht wird auf mehr Achsen verteilt, und die Belastung reduziert.“

Der Fuhrparkchef führt auch den Personalmangel ins Feld. „Das Transportvolumen steigt steil an, aber wir kriegen nicht mehr Fahrer. Da müssen wir nach Lösungen suchen.“

An die Fahrer eines Lang-Lkws sind besondere Voraussetzungen geknüpft: Sie müssen mindestens fünf Jahre Fahrpraxis nachweisen, eine Spezialschulung absolvieren, und sie dürfen nicht mehr als vier Strafpunkte in Flensburg haben. Ronny Oppelt, seit 2007 im Betrieb, erfüllt die Voraussetzungen. Man spürt, wie stolz der junge Familienvater ist, wenn er die Spezialausrüstung in seinem Führerhaus erläutert: die Rückfahrkamera, die ihm zeigt, wer hinter ihm fährt; den Abstandstempomat, der das Gefährt automatisch abbremst, wenn er zu nah auf ein anderes auffährt; der Spurhalterassistent, der warnend rattert, wenn er die Seitenlinie überfährt.

Trotzdem sind nicht alle Risiken ausgeschaltet. Ein Radfahrer, der dicht neben der Zugmaschine herfährt, ist zum Beispiel von Oppelt kaum zu sehen. „Achtung: Toter Winkel“, steht an der Beifahrertür. Aber wer beachtet das schon? Und Oppelt fährt auch über eine Landstraße, die eng und kurvenreich ist. Besonders kritisch ist es beim Abbiegen. „Da müssen Sie die Kreuzung schon mal dichtmachen“, sagt Oppelt. „Sonst kommen Sie nie aus so ’ner Straße.“

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