Uhrmacher

Der Herr der Zeiten

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„Eine Uhr kann man anhalten, aber die Zeit nicht“: Hans-Hermann Otten aus Hagen im Bremischen machte vor 80 Jahren seine Gesellenprüfung zum Uhrmacher.

Hagen - Er ist der älteste Uhrmacher Deutschlands - und mit fast 100 Jahren immer noch aktiv im Dienst der Zeit. Ein Besuch bei Hans-Hermann Otten in Hagen bei Bremen.

Da, wo vor mehr als 100 Jahren alles begann, kann man heute Wasser rauchen. So nennt es Hans-Hermann Otten, wenn die jungen Leute in der Shi- sha-Bar an ihren Wasserpfeifen ziehen. „Kaffee haben die aber auch“, sagt Otten. Wehmut liegt nicht in seiner Stimme, wenn er in die Räume blickt, in denen er so viele Jahre gearbeitet hat. Hier, direkt an der Straße, die durch seinen Heimatort Hagen im Kreis Cuxhaven führt. „Eine Uhr kann man anhalten, aber die Zeit nicht“, sagt Otten. Er muss es wissen. Otten ist 99 Jahre alt und arbeitet mit Uhren, seitdem er denken kann.

Zur Mittagszeit geht es nicht, hatte Otten am Telefon gesagt. Das ist die Zeit für den Mittagsschlaf. Danach führt er den Besuch aber gerne durch sein Haus, vorbei an bunten Tapetenmustern.

Wer in Ottens kleine Werkstatt tritt, der tritt auch in eine andere Zeit. Da steht die Uhrmacherdrehbank vom Typ Boley F1 in Blaugrau. Daneben eine filigrane elektrische Metallsäge und eine Poliermaschine, all das ausgeleuchtet von der beigefarbenen Kaiser-Schreibtischlampe mit Schwenkarm. Die Geräte hat Otten vor Jahrzehnten gekauft. Und nebenan, da lagern Reste einer anderen Leidenschaft. Auch Fernseher und Radios hat Otten viele Jahre lang repariert.

Die Zeit, die hat es nicht immer gut gemeint mit Otten. Wer im Januar 1914 in diese Welt geboren wurde, der kam nicht umhin, so einiges zu erleben. Seine erste Frau starb, seine zweite auch. Auch einen Sohn musste er zu Grabe tragen. Und dann war da noch der Krieg. Als Otten am 28. März 1933 seine Gesellenprüfung macht, haben die Nazis gerade die Macht übernommen. Er war einer der Ersten beim Russlandfeldzug. Zwei Winter in Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt, bei minus 40 Grad. Das Ende des Krieges erlebt er als Gefangener in Italien. Nach sechs Jahren Krieg kehrt er zurück ins väterliche Geschäft. Aus dem Oberfunker der Wehrmacht wird wieder ein Uhrmacher.

Der Vater hatte das Geschäft 1901 gegründet. Beim 50-jährigen Jubiläum war Otten Junior schon selbst Uhrmachermeister, wie der Vater. „Zum Hundertjährigen hat es nicht mehr gereicht“, sagt Otten. Seine Stimme stockt.

Eigentlich war alles geregelt. Ottens Sohn hatte das Geschäft übernommen. Die Uhrmacherkunst der Ottens, überführt in die dritte Generation. Den Ruhestand fürchtete der Senior nicht, an Hobbys hatte es ihm nie gefehlt. In den dreißiger Jahren war er Geiger in einer Tanzkapelle, später wurde er Mitglied im örtlichen Zylinder-Klub. 1972 hat er die Hagener Eiswette mitbegründet. Otten ging mit seiner zweiten Frau nach Bad Lauterberg. Den Ruhestand genießen, im Harz spazieren gehen, Ölbilder malen, das war der Plan. Doch dann, Ende der neunziger Jahre, starb der Sohn. Es war der Vater, der das Geschäft abwickeln musste. Das Erbe des Vaters, des Sohnes, und auch sein eigenes.

Doch die Kunden kommen weiter zu Hans-Hermann Otten. Ist ein Uhrenglas kaputt, hat er in seinen Schubladen Rohlinge, die er mit einer kleinen Presse unter Spannung in die Uhren einsetzen kann. Ist eine Krone zum Stellen der Uhr abgefallen, setzt er eine neue darauf. Doch seine Stammkunden kommen auch, wenn nur eine Batterie gewechselt werden muss. „Braunschweig“, sagt er, als eine Damenarmbanduhr wieder komplett ist, und zeigt auf die grauschwarze Digitaluhr. Jede Uhr stellt Otten nach der Zeit, die von der Atomuhr in Braunschweig übermittelt wird.

In Hagen kennt und schätzt man den „alten Otten“. So nennt ihn eine Frau, die aus der Martin-Luther-Kirche kommt. Über ihr glänzen die Zeiger der Turmuhr in der Sonne. Die Uhr ist neu, den Vorgänger hatte Otten in den fünfziger Jahren aufgebaut und lange betreut. Im Januar 2010 blieb sie stehen - um 5 vor 12, sagt man im Ort. „Da haben wir gedacht: Uih, hoffentlich geht’s dem ,alten Otten’ gut“, sagt die Frau.

Die neue Kirchenuhr hat Otten dann nicht mehr betreut. Und auch die großen Standuhren macht er nicht mehr. „Die Finger werden langsam steif“, sagt Otten. Es mag nicht mehr alles ganz leicht gehen. Aber mit der Pinzette greift er dann doch zielsicher nach einem der winzigen Bauteile, die er in flachen Holzschubladen lagert. Zeiger, Schrauben, Zahnräder. Er nimmt eineUnruhwelle, wenige Millimeter groß. Teile wie dieses hat er früher noch selbst an der Drehbank gemacht.

Und wie sieht Otten, Jahrgang 1914, das mit der Zeit? Ist das Leben hektischer geworden? „Ja, sicher“, sagt er. Aber er müsse da ja nicht mitmachen. „Ich bin 99 Jahre alt. Mich treibt keiner mehr.“

Die Uhrmacher

In Deutschland gibt es knapp 10.000 Uhrmacher. Sie arbeiten in der industriellen Fertigung oder in handwerklichen Betrieben. Denn die dreijährige Ausbildung wird sowohl von der Industrie- und Handelskammer als auch von der Handwerkskammer begleitet. Der Uhrmacherberuf ist kein aussterbender, aber er verlagert sich. Der Marktanteil von industriell gefertigten Uhren nimmt in Deutschland seit Jahren zu. Zugleich besitzen etwa sechs Millionen Menschen eine Uhr im Wert von mehr als 250 Euro. Edelhersteller, wie Lange in Glashütte, expandieren.

Von Gerd Schild

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