Internethandel für Speiseinsekten

Heuschrecken in den Warenkorb

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Foto: Seit einem Jahr betreibt der 43-jährige Stefan Krauß aus Aukrug bei Neumünster seinen Internethandel für Speiseinsekten.

Aukrug/Witzeeze - Mehlwürmer auf dem Spiegelei, Heuschrecken im Salat - klingt nach mangelnder Hygiene oder Dschungelcamp, das gerade Millionen Zuschauer hat. Für manche sind die kleinen Viecher allerdings Delikatessen – auch in Norddeutschland.

Heuschrecken oder gar Würmer auf dem Teller? Was bei vielen Menschen Ekel hervorruft, ist für zwei Kleinunternehmer aus Norddeutschland normal. Sie haben zeitgleich ein Geschäft daraus gemacht und handeln mit Speiseinsekten.

Seit einem Jahr betreibt der 43-jährige Stefan Krauß aus Aukrug bei Neumünster seinen Internethandel für Speiseinsekten. Hauptberuflich arbeitet er als selbstständiger Datenschutzbeauftragter. „Von Insekten kann man noch nicht leben“, sagt er. Aber der Verkauf von essbaren Insekten sei erstaunlich gut angelaufen. Umsatzzahlen nennt er nicht, als Ziel nennt er aber, von Insektenverkauf und „Eventcooking“ leben zu können.

Krauß berichtet von einem Fernsehbericht über einen Mann, der alles gegessen habe - auch die Krabbeltiere - da sei er neugierig geworden. Er vertiefte sich in das Thema und stieß auf einen Bericht der Welternährungsorganisation FAO, die seit Jahren für die verstärkte Nutzung von Insekten als Nahrungsmittel wirbt. Auch Folke Dammann aus dem kleinen Örtchen Witzeeze nahe der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern stieß durch den FAO-Bericht auf das Potenzial von Speiseinsekten. Der 32-Jährige vertreibt ebenfalls seit etwa einem Jahr Insekten. Leben könne auch er davon noch nicht, „aber es ist zu sehen, dass da Potenzial drinsteckt“.

Dammann beliefert mit seinen Produkten unter anderem Restaurants und Kochschulen. „Insekten werden nicht nur als Witz gekauft“, sagt er. Am besten verkauften sich daher nicht die mit Mehlwürmern garnierten Schokoladen, sondern gefriergetrocknete Kochinsekten. Krauß entschied sich hingegen für die Alternative, selber frische Tiere zuzubereiten und frittiert zu verkaufen. Seine Produkte können sofort verzehrt werden - als Alternative zu Chips, mit Dip oder ohne oder auch zerkrümelt auf dem Spiegelei. Die Basics des Insektenkochens hat er in einem Kurs in der Nähe von Hannover gelernt. „Der Rest war Learning by Doing.“

Unter Krauß' Kunden sind nach seinen Worten auch viele Frauen. Vor allem seien es Menschen, die einmal etwas besonderes ausprobieren wollten. Und auch sein dreijähriger Sohn esse gerne Krabbeltiere: „Ich habe ihn neulich gefragt, ob er lieber Pommes oder Zophobas (Schwarzkäferlarven) essen will“, sagt Krauß und schiebt hinterher: „Und er hat sich für die Zophobas entschieden“.

Speiseinsekten haben durchaus ihren Preis: Bei Krauß kosten 100 Gramm frittierte Heuschrecken 49,88Euro. Angeboten werden die Tierchen allerdings in Acht-Gramm-Portionen. „Das sind so zehn, elf Tiere“, sagt Krauß. Bei Dammann gibt es gefriergetrocknete Heuschrecken für 84,95 Euro. Die Preise seien gerechtfertigt, finden beide. Schließlich stammten die Insekten aus kontrollierter Zucht für Speiseinsekten etwa aus Frankreich, den Niederlanden oder Belgien und entsprächen den deutschen Lebensmittelstandards. InDeutschland selbst gibt es nach Angaben vonDammann noch keine Züchter von Speiseinsekten.

Ein Supermarkt-Produkt sind Insekten für den menschlichen Verzehr nicht. „Mir ist nicht bekannt, dass Insekten sortimentsmäßig irgendwo erfasst sind“, sagt Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels. Mit Umsatzzahlen könne sein Verband nicht dienen. Es gebe bestimmt Szenen, in denen sich das Essen von Insekten verbreite. Dass dies aber ein messbarer Trend werde, könne er sich in Deutschland nicht vorstellen.

Ähnlich sieht dies der Hauptgeschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, Christoph Minhoff. „Fernsehformate wie aktuell das Dschungelcamp können natürlich dazu beitragen, dass die Neugierde auf traditionelle Speisen aus anderen Ländern der Welt auch hier wächst, aber Insekten werden sicherlich wenn überhaupt nur ein Nischenprodukt in Deutschland sein.“

Um die Hemmschwelle abzubauen, haben die beiden Anbieter aus dem Norden auch tierische Süßigkeiten im Programm. „Ursprünglich waren die Mehlwurm-Lollis nicht geplant“, sagt Krauß. „Aber sie nehmen die Scheu.“ Und Dammann rät: „Um die anfängliche Skepsis beim Insektenverzehr etwas leichter zu überwinden, empfehlen wir Einsteigern die Schokoladenvariante.“

dpa

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