Verhafteter Wolfsburger

„Hexenjagd“ auf mutmaßlichen Terroristen?

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Wolfsburg - Die Eltern des am 15. Januar in Wolfsburg festgenommenen Terrorverdächtigen Ayoub B. haben sich in einem offenen Brief gegen eine „reißerische Hexenjagd“ gewehrt. Ihr Sohn sei Aussteiger aus der Szene und kein „Kopf einer Terrorzelle“. Von dem 26-Jährigen gehe keine Gefahr aus, versichern sie.

Die Eltern des verhafteten Dschihad-Rückkehrers Ayoub B. haben sich in einem offenen Brief an die Wolfsburger Bevölkerung gewandt. Darin bestätigen sie, dass sich der 26-Jährige dem „Islamischen Staat“ (IS) in Syrien angeschlossen hatte. Inzwischen bereue er jedoch diesen Schritt und werde selbst verfolgt: „Ayoub wurde nach seiner Flucht als Verräter bezeichnet und umgehend auf verschiedene Todeslisten gesetzt.“ Die Behörden wollten die Angaben in dem Brief gestern nicht bestätigen.

Der Deutsch-Tunesier war am Donnerstag in seinem Elternhaus in Wolfsburg-Reislingen festgenommen worden. Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung. Der 26-Jährige soll sich im Sommer dem IS in Syrien angeschlossen und dort auch eine Kampfausbildung absolviert haben. Im Herbst kehrte er offenbar nach Wolfsburg zurück und wurde seitdem von der Polizei überwacht. Insgesamt sollen 15 Wolfsburger zum IS nach Syrien gegangen sein.

In dem Brief, den die Familie an Nachbarn sowie an Medien und weitere Stellen in Wolfsburg schickte, beklagen die Eltern eine „Hexenjagd“ in den Medien. „Wir möchten Ihnen versichern, von uns geht, ging nie und wird auch in Zukunft keinerlei Gefahr ausgehen“, schreiben die Eltern. Schon am Tag der Rückkehr habe sich der Sohn bei den Behörden gemeldet und seitdem mit ihnen kooperiert, behauptet die Familie. Seit seiner Rückkehr vor sechs Monaten habe er „in Angst vor möglicher Vergeltung gelebt“ und Hilfe bei Psychologen gesucht, „um seine schrecklichen Erlebnisse aufzuarbeiten“. Ayoub habe sich „von Hasspredigern manipulieren lassen“, seine Entscheidung aber bereut.

Unklar ist, wie sehr sich Ayoub B. tatsächlich von den Islamisten distanziert hat. Bei seiner Festnahme reckte er den Zeigefinger in die Höhe – ein IS-Erkennungszeichen – und rief „Allahu akbar“, „Gott ist groß“. Die Familie erklärt dies als „Trotzreaktion“, weil er sich in die Enge getrieben fühlte.

Nach Darstellungen aus dem Umfeld der Familie soll Ayoub B. während seiner Zeit in Syrien beim IS in Ungnade gefallen sein. Die Islamisten hätten ihn für einige Tage inhaftiert, weil er mit syrischen Jugendlichen Fußball gespielt habe – so schilderte es B. nach seiner Rückkehr einem Bekannten in Wolfsburg. Anschließend habe er fliehen können, dafür hätten er oder seine Familie jedoch Geld zahlen müssen. Die Eltern – der Vater arbeitet bei VW – hätten nach der Abreise ihres Sohnes nach Syrien unter Schock gestanden, sagt ein anderer Bekannter. „Sie hatten große Angst, dass er nicht lebend zurückkehrt.“

Nach der Rückkehr sei Ayoub B. verschlossen und schweigsam gewesen. Seine Familie habe aber auf Gespräche gedrängt und ihn zur Offenheit gegenüber den Behörden ermutigt.

Der offene Brief im Wortlaut

Liebe Nachbarn, liebe Wolfsburger,

vieles wurde in den letzten Tagen geschrieben und berichtet. Plötzlich befand sichunsere ruhige Straße und Stadt im Fokus des landesweiten Interesses. Regionaleund überregionale Presse kampierte vor unserer Haustür. Wir wurden überhäuftmit Interview Anfragen, die wir alle ablehnten.

Dennoch ist es unser Wunsch und unser Selbstverständnis von guterNachbarschaft, Sie aufzuklären und Ihnen die Ereignisse aus unserer Sicht zuschildern. Denn die Berichterstattung, so umfangreich sie auch war, verkennteinige wichtige Fakten.Zu Beginn möchten wir Ihnen versichern, von uns geht, ging nie und wird auch inZukunft keinerlei Gefahr ausgehen.

Die Entwicklungen der Letzten Tage, können aus unserer Sicht nur als reißerischeHexenjagd bezeichnet werden. Tatsachen wurden verdreht und die Realität,bewusst oder unbewusst, falsch dargestellt, sodass aus einem Aussteiger, derKopf einer Terror Zelle wurde.Was Sie mit Sicherheit nicht der Presse entnehmen konnten, ist das unser SohnAyoub B. sein Handeln zutiefst bereut.

Die Frage, auf die wir Ihre Aufmerksamkeit lenken möchten:Wie wird man ein Aussteiger?Ayoub´s Flucht ist in den Augen des IS ein Verrat, auf dem die Todesstrafe steht.Ayoub wurde nach seiner Flucht als Verräter bezeichnet und umgehend aufverschiedene Todeslisten gesetzt. Dieser Umstand war den Sicherheitsbehördenbekannt. Ayoub B. erhielt in regelmäßigen Abständen Morddrohungen und auchdavon hat er die Behörden in Kenntnis gesetzt.Wenn sich die Presse die Mühe gemacht hätte, die gängigen deutschen SalafistenSeiten zu verfolgen, hätte man breite Solidarität mit den verhafteten in Berlin,Belgien und Frankreich beobachten können, nicht jedoch mit dem SyrienAussteiger Ayoub B..

Schon am Tag seiner Rückkehr aus Syrien hat sich Ayoub B. bei den Behördengemeldet. Ihnen die Ereignisse detailliert geschildert und mit ihnen kooperiert.Seit dem Tag vor sechs Monaten hat es diverse Treffen gegeben,. Sechs Monate indenen er seine schrecklichen Erlebnisse mit Hilfe von Psychologen versucht hataufzuarbeiten. Sechs Monate in denen er in Angst vor möglicher VergeltungFAMILIE VONAYOUB B.gelebt hat.

Woche für Woche haben wir die immer mehr Normalität und das Verschwindendes Kriegstraumas beobachtet. Um so schockierender für uns war es zu sehen,wie er während seiner Festnahme, in alte Verhaltensmuster zurückfiel. Wer sich dasFoto der Festnahme genau anschaut, sieht die Angst und das Entsetzen in Ayoub`sAugen. Aus dem Gefühl, in die Enge getrieben worden zu sein`, erklärt wir unsseine Trotzreaktion.

Was Sie der Presse ebenfalls nicht entnehmen konnten, ist das EngagementAyoubs für Aufklärung und Prävention. Weil er vielen Jugendlichen glaubhaft vonseinen grausamen Erlebnissen und dem größten Fehler seines Lebens erzählt hat,konnte er sie von der Ausreise abhalten und von diesen verirrten Ideen befreien.

Liebe Nachbarn und Mitbürger, ist Ayoub B. ein Syrien-Rückkehrer? Ja!, hat er sichvon Hasspredigern manipulieren lassen, Ja! Hat er seine Entscheidung bereut unddurch Wort und Tat versucht seinen Fehler wieder gut zu machen, Ja! Ist Ayoub B.ein Terrorist und geht von ihm Gefahr aus, mit Sicherheit NEIN!!!Wir als Familie, wünschen uns einen fairen Prozess, ohne mediale Hetze, ohnegesellschaftliche Stigmatisierung und Vorverurteilung.

Im Namen unserer gesamten Familie, bedanken wir uns bei allen, die uns in dieserschweren Zeit Kraft gaben. Genauso bedanken wir uns bei denen, die trotz derBerichterstattung fair geblieben sind.

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