Von Hamburg nach Cuxhaven

Hier geht es lang – ein Leben als Schifflotse

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Foto: Alles hört auf ihn: Lotse Klaus Zoellner leitet den Autofrachter „Hafnia Seaways“ von Cuxhaven auf die offene Nordsee – vorbei an dicken Containerschiffen.

Cuxhaven - Ohne sie läuft nichts auf der Elbe: An 365 Tagen im Jahr begleiten Lotsen die Schiffe von Hamburg nach Cuxhaven. Es ist ein besonderer Beruf. In Deutschland gibt es nur rund 800 von ihnen, 270 sind zuständig für die schwierige Strecke zwischen Hamburg und der Elbmündung.

Die Sicht ist nicht besonders gut, sie reicht nur drei bis vier Kilometer weit. Es ist neblig, bald wird es dunkel. In der grauweiß wabernden Wand vor der „Hafnia Seaways“ zeichnet sich ein großer Schatten ab. Klaus Zoellner, der eben noch entspannt mit überschlagenen Beinen und hinter dem Kopf verschränkten Händen zurückgelehnt in seinem Sessel saß, wird aktiv. Über Funk nimmt der 64-Jährige Kontakt zu seinen Kollegen an Bord des Schattens auf, der sich als chinesisches Containerschiff entpuppt. Dann korrigiert er den Kurs des Autopiloten leicht, um den seitlichen Abstand zu der 335 Meter langen „Xin Fei Zhou“ zu erhöhen. Größer und größer wird der Koloss in den Fenstern der Brücke. Als er sich schließlich links vorbeischiebt, entspannt Zoellner sich wieder.

Klaus Zoellner ist Schiffslotse. Nur rund 800 gibt es in Deutschland, 270 von ihnen sind in der Lotsenbrüderschaft Elbe zusammengeschlossen. Sie ist zuständig für die Strecke zwischen Hamburg und der Elbmündung bei Cuxhaven. Egal, ob Öltanker, Container- oder Kreuzfahrtschiff: Wer auf diesem Teilstück der Elbe fahren will, muss einen Lotsen an Bord nehmen - sofern das Schiff länger als 90 oder breiter als 13 Meter ist. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Die Lotsen kennen die Unterelbe und die Besonderheiten der Fahrrinne genau. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden täglich, bringen sie Schiffe wie die „Hafnia Seaways“ und die „Xin Fei Zhou“ sicher durch ihr Revier.

Ein Frau unter 800 Schiffslotsen

Bei Schiffen, die im Cuxhavener Hafen ankern, können die Lotsen von Land aus an Bord gehen. Doch wenn die Pötte aus Hamburg kommen und auf die Nordsee wollen, findet der Lotsenwechsel vor der Küste statt. Sandra Koep, die die „Bothniaborg“, ein 154 Meter langes Frachtschiff, sicher auf die Nordsee leiten soll, besteigt deshalb an der Kaimauer in Cuxhaven ein kleines rotes Boot. Es ist das Taxi, das sie zu ihrem Arbeitsplatz bringen soll. Koep ist eine Rarität: Unter den 800 Lotsen in Deutschland ist sie zurzeit die einzige Frau. Auch wenn in der Schifffahrt überwiegend Männer arbeiten, ist das eine Besonderheit, auf die Koep sich nicht reduzieren lässt. Letztendlich hat sie sich für den Beruf entschieden, um einen Kompromiss zwischen der Liebe zum Meer und der Liebe zu ihrem Mann zu finden. „Er wollte, dass ich nicht immer nur auf See bin“, sagt die 40-Jährige.

Das Meer wird über den Tag immer rauer. Gegen Abend herrscht Windstärke 9. Trotzdem hangeln sich Koep und ihre Kollegen über die Lotsenleiter, eine an der Schiffswand baumelnde Strickleiter, an Bord der Schiffe. Dazu fährt das Lotsenboot bis an die Wand des Frachters heran. Die Wellen bringen das Boot zum Schaukeln. Für Ungeübte ist es schwierig, sich überhaupt auf den Beinen zu halten. Trotzdem klettert Koep mit Leichtigkeit an Bord der „Bothniaborg“. Was spektakulär und gefährlich wirkt, ist für sie Alltag. „Das Hochklettern ist Routine, aber auf der Brücke, da rotiert der Kopf“, sagt Dirk Homann. Er ist seit 2001 dabei.

Auf der Schiffsbrücke geht es vor allem darum, eine Vielzahl an unterschiedlichen Messinstrumenten und Monitoren im Auge zu behalten und richtig zu deuten - und das auf jedem Schiff, vom kleinen 90-Meter-Frachter bis zum großen 360-Meter-Pott. Steuern muss der Lotse nicht selbst, das übernimmt der Autopilot. Doch dessen Kurs muss ständig überprüft und an die Gegebenheiten angepasst werden. Zoellner, Homann und die anderen sind erfahrene Kapitäne. Sie haben jahrelang die Weltmeere befahren. Der Lotsenberuf ist die höchste Stufe ihrer Karriereleiter. „Containerschiffe, Tanker, Schlepper“, zählt Holger Bullmann die Schiffstypen auf, auf denen er früher unterwegs war. Heute jedoch muss er im Bürostuhl Platz nehmen: Bullmann hat Wachdienst. Er sitzt in der Lotsenwache im Hafen von Cuxhaven, koordiniert seine Kollegen und führt Buch über die lotsenpflichtigen Schiffe. Vier Bildschirme, ein Funkgerät, ein Telefon, eine große weiße Tafel mit Informationen über ankommende und abfahrende Schiffe - das sind seine Arbeitsgeräte. Natürlich zeigt der Bildschirmschoner Fotos von Schiffen. Und wenn eine neue E-Mail eingeht, ertönt ein Tonschnipsel: „Brücke an Captain, es kommt eine Nachricht herein.“ Der stammt zwar vom „Raumschiff Enterprise“, aber das ist ja auch ein Schiff.

Erst am Abend vorher wissen, was einen morgen erwartet

Dass Bullmann heute den Verwaltungsposten innehat, ist kein Zufall. Die Reihe wollte es so. Da jeder der Lotsen Freiberufler ist und alles fair ablaufen soll, werden die eingehenden Aufträge - Lots- und Wachdienst, bei Nebel mit Sichtweiten unter zwei Kilometern zusätzlich Radardienst - der Reihe nach verteilt. Erhält ein Lotse einen Auftrag, rutscht der Mann hinter ihm einen Platz nach vorn. „Die Reihe ist heilig“, sagt Homann. Die Freiberufler können ihre Plätze lediglich tauschen - von der eigentlichen Reihenfolge abgewichen wird nicht. Doch die zu lotsenden Schiffe melden sich selten bereits Tage im Voraus an. Darum wissen die Lotsen meist erst am Abend vorher, was sie am nächsten Tag erwartet. Und auch dann sind die Zeitangaben lediglich ungefähr, weil sie sich jederzeit - etwa wegen eines Wetterwechsels - verschieben können.

Untrennbar mit dem Beruf des Lotsen verbunden ist deshalb das Warten. Warten, bis man an der Reihe ist. Warten, bis das verspätete Schiff endlich kommt. Warten, bis man von einem anderen Schiff wieder mit nach Cuxhaven genommen werden kann. Auf der schwimmenden Lotsenstation Elbe 1, auf die Homann und seine Kollegen kommen, nachdem sie ein Schiff sicher auf die Nordsee geleitet haben, fehlt es deshalb nicht an Annehmlichkeiten. Es gibt warmes Essen, einen Gemeinschaftsraum mit Fernsehgerät und gemütliche Kajüten mit Betten, die deutlich größer als die sonst üblichen Kojen sind.

400 Meter-Kolosse

In Kategorien wie Wochenende oder Tag und Nacht denken Lotsen nicht. „Gefühlt sind zwei Drittel der Arbeitszeit nachts, und Wochenende ist dann, wenn mal zwei freie Tage hintereinanderliegen“, sagt Homann. Was für jemanden mit einem „normalen“ Bürojob schwer nachzuvollziehen ist: Wie Koep hat auch Homann sich für den Beruf des Lotsen entschieden, um näher bei seiner Familie zu sein. „Eines Abends, ich war gerade von einer langen Reise zurückgekehrt, da kam mein Sohn in unser Schlafzimmer und sagte: ,Mama, der Mann soll weggehen‘“, erzählt Homann. Danach habe er sich umgehend für die Lotsenausbildung beworben. Das bereut er nicht, nennt sich selbst „Filetkapitän“: „Ich darf unterschiedliche Schiffe auf anspruchsvollen Strecken manövrieren und gehe von Bord, wenn der langweilige Teil auf offener See oder der Papierkram im Hafen beginnt.“

Homann trägt heute Anzug. In der Nacht hat er das größte Containerschiff der Welt, die 400 Meter lange „Marco Polo“, von Hamburg nach Bremerhaven gelotst. Diese spektakulären Aufträge machen für ihn den Lotsenberuf so reizvoll. „Ich gebe ein Kommando, und 400 Meter Eisen machen, was ich will“, sagt er.

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