Ungewöhnliches Hobby

Hildesheimer gibt den Parade-Schotten

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Foto: Ein Mann mit vielen Talenten: Eoin Ashford.

Hildesheim - Der gebürtiger Glasgower Eoin Ashford arbeitet alltags bei der niedersächsischen Polizei. Nach Dienstschluss betritt der gelernte Klempner die große Bühne und gibt als Pipemajor den Ton an.

Viel Luft. Die Anstrengung zeichnet sein Gesicht. Hoch konzentriert pustet der Mann in das schmale Mundstück am Dudelsack. Langsam bläht sich der schlaffe, weinrote Samtstoffbeutel auf - gleicht immer mehr einem knuddeligen Sofakissen, gespickt mit drei langen Rundhölzern. Dann, mit einer ruckartigen Bewegung, klemmt sich Eoin Ashford sein aufgeblasenes Instrument unter den linken Arm. Blick nach rechts, Blick nach links: das Signal zum Aufbruch. In der rotkarierten Paradeuniform mit Gamaschen und hohem Federhaupt zieht er die Blicke Tausender auf sich. Ein Schotte wie aus dem Bilderbuch. Dabei lebt er in Hildesheim.

Denn abseits der großen Bühnen führt der Pipemajor ein eher unauffälliges Leben. Der gelernte Klempner, der in Glasgow geboren wurde, arbeitet als Hausmeister bei der Polizeiinspektion Hildesheim. Alltags wechselt er defekte Glühbirnen aus, repariert quietschende Türen oder schippt verschneite Gehwege vor dem großen Bürokomplex am Rande der Hildesheimer Innenstadt frei. Wer dem kleinen, leicht untersetzten Mann dabei begegnet, ahnt wohl kaum, dass er einen zertifizierten Pipemajor vor sich hat.

Davon gibt es in Deutschland vielleicht drei oder vier. Er ist der musikalische Kopf so gigantischer Events wie der Musikschau Schottland. Sie gilt als größte schottische Indoor-Show überhaupt. Mehr als 200 Dudelsackpfeifer, Trommler, Tänzerinnen und Sängerinnen treten auf - auch in den größten Hallen Deutschlands. Ashford und seine Alba-Pipe-Band touren seit vier Jahren durch die Lande. Auf der Bühne hört alles auf sein Kommando. Besser gesagt, auf seinen linken Fuß. Der wippt nicht nur einfach so den Takt vor. Nein, der geht im Ganzen vom Boden auf und ab. Auf der Stelle. Präzise wie ein Sekundenzeiger. Militärisch eben.

Seit seinem neunten Lebensjahr spielt Ashford Dudelsack, später auch bei der British Army. Sein Dudelsack, berichtet der Mann, komme aus dem östlichen Mittelmeerraum. „Aber wir haben ihn perfektioniert“, schiebt Ashford nach und klingt mächtig stolz. Sonst macht er eigentlich nie viele Worte. Mit dem Pipe-Virus infiziert hat er nicht nur seine drei Töchter, sondern viele Alba-Pipe-Band-Mitglieder.

Da ist Sabine Brennecke-Kohn. Sie hat ihren Dudelsack geschultert. „Mit Dudeln hat das nichts zu tun“, sagt die 50-Jährige. Überhaupt sei es sehr schwer, einen vernünftigen Ton herauszubekommen. Sie nimmt das kleine Rohr und demonstriert mit dicken Wangen, wie ein mächtiger Klang durch strömende Luft entsteht.

Nach einem dreistündigen Konzert hat sie Bauchmuskelkater - wie ihr Mitstreiter Jürgen Gerke aus Alfeld. Er schlägt die große Basstrommel, die den Takt akzentuiert. „Die 15 Kilo merkt man tief in den Knochen.“ Nicht zu vergessen der schwere Full-Dress, die üppige Paradeuniform der Schotten. Noch mal mindestens 20 Kilo mit allem Drum und Dran. Ashford trägt sie mit Leichtigkeit - am 22. Februar in der TUI-Arena Hannover.

Von Renate Klinke

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