Schweinemast

Hochwürden im Ferkelstall

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Foto: Ungewohnte Arbeitskleidung: Landesbischof Ralf Meister (rechts) hat sein Sakko gegen einen Arbeitsanzug getauscht. Landwirt Karl Harleß stellt ihm seine glücklichen Ferkel vor.

Uelzen - Ein Landwirt aus Uelzen fordert beim Besuch von Landesbischof Ralf Meister die Kirche zum Dialog über Tierhaltung auf. Die Schweine im Stall des Mästers bekommen ein Wohlfühlprogramm, bevor sie zur Schlachtbank geführt werden.

Der Blick ist etwas unsicher. Aber Ralf Meister lässt sich nicht anmerken, dass der penetrante Geruch von Ammoniak in der Nase beißt. Ohne zu zögern folgt er Landwirt Karl Harleß durch das schwere Metalltor in den Schweinestall und hockt sich auf den Boden. Obwohl man vom Landesbischof weiß, dass er sonst wenig mit Schweinen zu tun hat, hat Meister keine Berührungsängste. Das liegt allerdings auch daran, dass ihm die Ferkel die Entscheidung abnehmen. Zwar machen sie dem Kirchenmann erst scheinbar respektvoll Platz, legen ihre Scheu vor dem ungewohnten Gast in der Folgezeit aber allmählich ab und beschnuppern ihn neugierig. Es wirkt fast so, als wären die Ferkel gut gelaunt, und das hat einen Grund.

Landwirt Karl Harleß und seine Frau Gesine behandeln ihre Tiere nach eigenen Angaben besonders gut. „Ich kann nicht garantieren, dass es den Schweinen gut geht. Aber ich kann behaupten, dass wir alles dafür tun“, beschreibt Harleß seine Maxime. Als konventioneller Mäster tut er das nicht aus reiner Tierliebe. Natürlich will das Ehepaar mit dem Verkauf der Schweine Geld verdienen und seinen Söhnen einen florierenden Betrieb hinterlassen, betont der Bauer. Immerhin hat der Familienbetrieb den Stall in Linden (Landkreis Uelzen) für bis zu 1232 Tiere erst vor vier Jahren gebaut und dafür rund eine Million Euro investiert. In einen Maststall, in dem zwar nicht biologisch, aber tierfreundlich gemästet wird. „Wir haben die gesellschaftliche Debatte zum Thema Tierhaltung sehr genau beobachtet und wollen den Wunsch nach besseren Bedingungen für die Tiere erfüllen“, sagt Harleß.

Was der Landwirt damit meint, hat er dem Landesbischof Meister gestern bei einem Rundgang gezeigt. „In der Kirche wird viel über die Bedingungen der Tiermast gesprochen, aber mehr über uns als mit uns“, sagt Harleß. Deshalb habe er den Geistlichen eingeladen. In Harleß’ Stall haben die Tiere vor allem eines - mehr Platz. Statt der gesetzlich vorgeschriebenen 0,75 Quadratmeter pro Tier haben die Sauen und Eber hier 1,1 Quadratmeter für sich. Aus zwei Einzelbuchten hat Harleß zudem eine Doppelbucht gemacht, in der die sozialen Tiere fressen, ruhen und spielen können. Oder wie es der Landwirt selbst ausdrückt: „Die Schweine können sich ihre Wohnung selbst einrichten.“

Zum Wohlfühlprogramm gehört auch, dass sich die Mäster immer wieder neue Spielzeuge zur Beschäftigung einfallen lassen, um ihre Schweine bei Laune zu halten. So gibt es in den Boxen beispielsweise Seile und Holzstücke zum Anknabbern, Gummimatten zum Ausruhen und einen mit Schrauben gefüllten Plastikball. Mehr Abwechslung im Alltag lasse die Tiere erkennbar glücklicher werden, berichtet Gesine Harleß: „Jedes Tier hat bei der Freizeitgestaltung andere Vorlieben, ich vergleiche das gern mit Kindern in einer Schulklasse.“

Was sich fast schon niedlich anhört, hat einen ernsthaften Hintergrund. Für ihre Bemühungen ist die Familie Harleß mit einem Tierschutzsiegel ausgezeichnet worden. Das haben mehrere Universitäten, die Landwirtschaftskammer, der Tierschutzbund und der Schlachtbetrieb Vion entwickelt. Vion-Konzeptmanager Stephan Kruse erklärt, dass das Fleisch in der Produktion und somit auch später im Verkauf teurer ist. „Dafür weiß der Verbraucher, dass sich die Tiere wohlgefühlt haben.“ Die Mäster in Linden betreiben Pionierarbeit. Ihr Betrieb ist nur einer von insgesamt 15 dieser Art in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Das Fleisch wird bislang nur in Supermärkten in Berlin angeboten - in einem Testlauf.

Sollte das Fleisch auch in Niedersachsen in den Verkauf kommen, wird vielleicht auch Landesbischof Meister zugreifen. Jedenfalls haben ihn der Rundgang und die tierfreundlichere Mast beeindruckt. „Ich finde es bemerkenswert, wie viel Zeit und Ideen hier investiert werden, um das Wohlbefinden der Schweine zu fördern“, sagt Meister, der anschließend froh wirkt, wieder seine gewohnte Kleidung anziehen zu dürfen.

Die strenge Kleiderordnung hat Landwirt Harleß nicht aufgestellt, weil er gern mal einen Landesbischof im grünen Arbeitsanzug sehen will. Dahinter steht die Angst vor der Schweinepest. „Wenn sich unsere Tiere anstecken, müssen alle getötet werden, das wäre ein immenser Verlust“, sagt Harleß. Nicht vorgeschrieben ist das Tragen einer Kopfhaube, trotzdem legt Gesine Harleß Meister eine an und teilt ihm auch mit, warum: „Sonst riechen Sie bei Ihrem nächsten Termin noch nach Schweinestall.“

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