Ausbeutung in New York

Der hohe Preis für schöne Nägel

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Keine andere Wahl: In den Nagelstudios arbeiten häufig illegale Einwanderinnen, die für ihren Lebensunterhalt nur wenige Möglichkeiten haben.

New York - In New Yorker Nagelstudios werden Arbeiterinnen systematisch ausgebeutet. Sie kommen meist illegal über die Grenze, um den amerikanischen Traum zu leben. Doch die Realität sieht mit schlechten Arbeitsbedingungen und Hungerlöhnen anders aus.

Sie gehören zum New Yorker Stadtbild wie die gelben Taxis oder die Hot-Dog-Verkäufer an jeder Ecke. In gehobenen Wohnvierteln von Manhattan wie der Upper West Side muss man nie mehr als zwei Straßen weit laufen, um an einem Nagelstudio vorbeizukommen. Nicht einmal die allgegenwärtige Kaffeekette Starbucks kann mit der Dichte der Kosmetikeinrichtungen mithalten.

Meistens kann man von der Straße aus durch die verglasten Fassaden den gesamten Betrieb einsehen: lange Reihen von Liegestühlen, an denen sich Frauen aus allen Gesellschaftsschichten die Hände und Füße pflegen und manchmal gleichzeitig den Nacken massieren lassen. Und dennoch sind diese Betriebe, von denen es rund 2000 in der Stadt gibt, alles andere als transparent.

Luxus auf dem Rücken der Einwanderinnen

Am vergangenen Wochenende hat die „New York Times“ in zwei langen Artikeln aufgedeckt, dass die Arbeiterinnen in diesen Salons unter Bedingungen arbeiten, die man in der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts nicht für möglich halten würde. Der Luxus mancher Manhattaner Frauen ruht auf dem Rücken eines unsichtbaren Heeres ausgebeuteter asiatischer und hispanischer Einwanderinnen.

Die überwiegende Mehrheit der New Yorker Nagelpflegerinnen sind illegale Einwanderer aus China, Korea, Nepal oder Ecuador. Sie haben keine Papiere und nur sehr begrenzte Englischkenntnisse, ihre Optionen, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen sind begrenzt. Die Arbeit in den Nagelstudios scheint für sie auf den ersten Blick die beste Möglichkeit, im vermeintlichen Land der unbegrenzten Möglichkeiten Fuß zu fassen.

Doch ihr amerikanischer Traum entpuppt sich oft schon nach kürzester Zeit als Albtraum. Die Betreiber der Studios, oft selbst Einwanderer, nutzen die empfindliche Lage der Frauen gnadenlos aus, um im Preiskrieg gegen die Konkurrenz zu bestehen. Die Löhne liegen weit unter dem Existenzniveau, die Arbeit ist entwürdigend, knochenhart und gefährlich.

So erzählte die frisch aus China eingereiste, 30 Jahre alte Jing Ren der „Times“, dass sie, wie die meisten ihrer Kolleginnen, ihrem Arbeitgeber erst einmal 100 Dollar bezahlen musste, um angelernt zu werden. Daraufhin musste sie wochenlang umsonst arbeiten, oft zwölf Stunden am Tag, so lange bis der Besitzer des Studios entschied, dass sie kompetent genug ist, um bezahlt zu werden.

Drei Monate dauerte das im Fall von Jing Ren, dann bekam sie 30 Dollar pro Tag dafür, Hand- und Fußnägel zu trimmen und zu lackieren, Hornhäute zu raspeln und Füße zu massieren. Das ist weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,75 Dollar pro Stunde im Staat New York, aber trotzdem noch besser, als das was Nagelpflegerinnen andernorts verdienen.

Löhne von 1,50 Dollar pro Stunde

Als Einstiegslohn werden den Frauen oft 10 Dollar pro Tag angeboten. Bei Stichproben durch die Arbeitsbehörde wurden Löhne von 1,50 pro Stunde bei einer 66-Stunden-Woche fest gestellt. Im Winter, wenn das Geschäft schlecht läuft, verdienen die Arbeiterinnen oft wochenlang gar nichts. Trinkgelder werden den Frauen regelmäßig vorenthalten.

Sichere Jobs gibt es selbstverständlich in Nagelstudios nichts. Wer einen Fehler macht und beispielsweise Nagellackentferner auf die Schuhe einer Kundin schüttet, sitzt danach auf der Straße. Hinzu kommt, dass die Arbeit überaus gesundheitsschädlich ist. Schwere Atemwegs- und Hauterkrankungen können direkt auf die Chemikalien zurückgeführt werden, mit denen den ganzen Tag hantiert wird. Sogar schwere Behinderungen bei den Kindern der Arbeiterinnen stehen im direkten Zusammenhang mit der Arbeit.

Die Bedingungen, unter denen die Nagelpflegerinnen leben, sind dem Lohn entsprechend verheerend. Oft sind sie in winzigen, schmutzigen Wohnungen in den Außenbezirken zusammen gepfercht, schlafen zu siebt oder zu acht in einem Einzimmerappartement. Von dort werden sie mit Transportern morgens abgeholt und zu ihrer Arbeitsstelle gekarrt, wo sie meist zehn bis zwölf Stunden zubringen.

Immerhin hat die Artikelserie der „Times“ nun die Politik aufgerüttelt. Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo kündigte sofortige Notmaßnahmen an, um die Zahlung der Mindestlöhne zu garantieren und Arbeitsschutz durchzusetzen. Doch die Redakteure der „New Yorker Times“ befürchten, dass diese Notmaßnahmen nicht zu einer dauerhaften Besserung führen. „Boykotte und Razzien lösen das Problem nicht“, hieß es am Montag in einem Editorial, zumal das Problem weit über die Maniküre-Branche hinausgehe. „Es gibt in den USA eine riesige Schattenwirtschaft, in der illegale Einwanderer gnadenlos ausgebeutet werden.“ Sie sind überall – in der Landwirtschaft, in Restaurants, als Hauspflegerinnen, Handwerker und Autowäscher.

Von Sebastian Moll

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