Tugces gewaltsamer Tod vor Gericht

„Ich gab ihr eine Ohrfeige, dann fiel sie um“

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Darmstadt - Das Schicksal der Studentin Tugce hat viele Menschen stark berührt, nun wird der Fall vor Gericht verhandelt. Der Angeklagte räumt zu Beginn die Attacke ein und sagt, dass es ihm unendlich leid tue.

Früh am Morgen schon stehen die Großeltern von Tugce Albayrak vor dem Landgericht Darmstadt. Sie wollen dabei sein, wenn der Prozess gegen den 18-jährigen Sanel M. beginnt, der mit einem Schlag den Tod ihrer Enkelin verursacht hat. Die Großeltern tragen ein T-Shirt mit einem Foto von Tugce. Sie lächelt darauf.

Als Sanel M. den Gerichtssaal betritt, versteckt er sein Gesicht hinter einem DIN-A4-Umschlag. Er ist schmal, auffallend blass und wirkt jünger. Der 18-Jährige trägt Jeans und ein weißes Sweatshirt. Von den Zuhörern ist er durch Sicherheitsglas getrennt, das bis zur Decke reicht. Als er wenig später vor Gericht zu sprechen beginnt, bricht er in Tränen aus.

„Ich habe in der Tatnacht der Tugce eine Ohrfeige gegeben“, sagt er weinend, „und dann ist sie umgefallen.“ Stockend spricht er weiter. „Es tut mir unendlich leid, was ich getan habe. Ich habe niemals mit ihrem Tod gerechnet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich der Familie an Leid und Schmerz angetan habe.“

Oberstaatsanwalt Alexander Homm wird später außerhalb des Saals sagen, dass die Erklärung von Sanel M. sehr emotional gewesen sei. Der Anwalt der Familie von Tugce Albayrak, Macit Karaahmetoglu, misstraut Sanel M.s Tränen. „Er hat sich nicht mit der Tat auseinandergesetzt“, sagt er: „Es waren floskelhafte Sätze.“

Die Staatsanwaltschaft wirft Sanel M. vor, der 22-jährigen Tugce Albayrak in der Nacht auf den 15. November 2014 um kurz nach 4 Uhr auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach „mit der flachen rechten Hand derart heftig“ ins Gesicht geschlagen zu haben, dass sie auf den Asphalt fiel und mit dem Kopf aufschlug. Vor der Attacke auf dem Parkplatz sei es auf der Damentoilette des Schnellrestaurants zu einer Auseinandersetzung gekommen. Tugce Albayrak habe zwei Mädchen geholfen, die von Sanel M. und seinen Freunden belästigt worden sein sollen.

Tugces älterer Bruder betont vor Gericht, seine Schwester sei ein „sehr lebensfroher Mensch“ gewesen. „Sie hatte einen großen Gerechtigkeitssinn. Und sie hat gern gelächelt“, sagt der 25-jährige Dorus Albayrak. Sie sei sehr fleißig und zielstrebig gewesen. Richter Jens Aßling fragt ihn, wie seine Schwester sich in Konfliktsituationen verhalten habe. „Sie war sehr respektvoll, eher die Ruhige“, sagt ihr Bruder. Was er über seine Schwester erzählt, klingt sehr anders, als das, was Sanel M. wenig später über sein eigenes Leben berichten wird.

Sanel M.s Familie kommt aus Serbien. In der Grundschule sei er ein guter Schüler gewesen. Auf Wunsch des Vaters kam er aufs Gymnasium. Er schaffte es nicht, flog auch von der Realschule und wechselte erst zu einer, dann zur nächsten Berufsschule, wo er 2014 den Hauptschulabschluss machte.

Tugces Großeltern haben einen der wenigen Plätze im Saal bekommen. Wie alle anderen sehen auch sie die Aufnahme der Überwachungskameras. Sie zeigen, wie Tugce auf den Asphalt fällt. Die Bilder sind gnädig unscharf. Tugces lächelndes Gesicht auf den T-Shirts der Großeltern ist nicht zu sehen. Der Richter hatte sie gebeten, es unter ihren Jacken zu verbergen. „Ich habe Verständnis für all die Trauer“, sagt er, „aber dies ist eine Strafverhandlung und kein Ort für Demonstrationen.“ Tugces Großmutter knöpft ihre Jacke zu.

Hilfe, die tödlich endete

Fälle von Zivilcourage endeten schon für so manchen Helfer tödlich. Einige Beispiele:

Oktober 2012: Am Berliner Alexanderplatz wird der 20-jährige Jonny K. von mehreren jungen Männern so brutal zusammengeschlagen, dass er kurz darauf an einer Gehirnblutung stirbt. Der gebürtige Thailänder hatte bei einem Streit einem Freund helfen wollen.

Oktober 2011: In Bocholt in Nordrhein-Westfalen wird ein Kneipengast erstochen. Der an einem Streit unbeteiligte 26-Jährige hatte dem Wirt helfen wollen, der von mehreren Männern angegriffen worden war.

Mai 2010: Ein 21-Jähriger wird vor einer Frankfurter Discothek erstochen. Er wollte zwei Frauen zu Hilfe kommen, die von dem Täter belästigt worden waren.

September 2009: Der Geschäftsmann Dominik Brunner stellt sich schützend vor vier Schüler und wird an einem Münchner S-Bahnhof von Jugendlichen verprügelt. Er stirbt im Krankenhaus – jedoch nicht an seinen Verletzungen, sondern an Herzversagen.

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