Auschwitz-Prozess in Lüneburg

„Ich glaube Ihnen nicht“

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„Versprechen gehalten“: Max Eisen berichtet über seine Erlebnisse in Auschwitz.

Lüneburg - Wo liegt die Wahrheit? Im Auschwitz-Prozess in Lüneburg zweifeln die Anwälte der Opfer die Angaben des Angeklagten ehemaligen SS-Mannes Oskar Gröning offen an.

Am Ende des Tages, als die Anwälte schon die Akten in ihre Taschen räumen, tut die Auschwitz-Überlebende Eva Kor das, was sie sich schon am Morgen vorgenommen hatte. Sie, die in diesem Saal geschildert hatte, wie sie bei den Experimenten des Auschwitz-„Arztes“ Josef Mengele fast gestorben wäre, geht zum Angeklagten, zu Oskar Gröning. Gibt ihm die Hand. Redet ihm ins Gewissen, er solle Jugendliche vor Neonazis warnen. Und dann umarmt sie ihn. Ihn, den früheren SS-Mann.

Es ist eine bewegende, aber zugleich auch eigenartige Szene - denn mit ihrem Konzept der geradezu offensiven Vergebung steht die 81-jährige Eva Kor unter den Überlebenden recht allein. Die meisten empfinden anders. Dieser dritte Tag im Lüneburger Auschwitz-Prozess, in dem sich der 93-jährige Gröning vor dem Landgericht wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen verantworten muss, steht im Zeichen der Auschwitz-Überlebenden. Und deren Wahrnehmung vom Geschehen an der Rampe, dem entscheidenden Dienstort Grönings, unterschied sich dann doch gründlich von der des SS-Mannes.

„Wir standen wie Ölsardinen, es stank nach Kot und Urin“

„Alles ganz normal, ordentlich, keine Schwierigkeiten“, so hatte Gröning tags zuvor in sehr empathiearmen Sätzen geschildert, wie es bei der Ankunft der ungarischen Juden in Auschwitz-Birkenau 1944 zugegangen sei. An diesem Tag ist es an Max Eisen zu widersprechen. Eisen, 86 Jahre alt, aus Toronto angereist, Nebenkläger und erster Zeuge, berichtet, wie er und seine Familie mit 100 anderen Juden in einen Waggon gepfercht wurden. „Wir standen wie Ölsardinen, die Älteren weinten, schrien, es stank nach Kot und Urin.“ Nach zweieinhalb Tagen gehen mitten in der Nacht die Türen auf, SS-Männer brüllen Befehle. Auschwitz. „In der Luft lag der Geruch von verbranntem Fleisch.“ Eisen schildert Angst, Unruhe, Panik. Nur Gewehre und Gewalt erzwangen Ordnung.

Max Eisens gesamte Familie wurde in Auschwitz ermordet. Als er seinen Vater zum letzten Mal sieht, sagt der zu ihm: „Wenn du das überlebst, musst du der ganzen Welt davon erzählen.“ „Versprechen gehalten“, sagt Eisen nach seiner Aussage.

Was an der Rampe in Birkenau genau geschah und wie oft Gröning dort im Einsatz war, ist für das Urteil in diesem Prozess wohl der entscheidende Punkt. Gröning, dessen Hauptaufgabe das Verbuchen des Geldes war, das man den Opfern abnahm, will nur insgesamt dreimal dort gewesen sein, vertretungsweise für SS-Kameraden. Und er habe dort, beteuert er, auch nur das Gepäck bewacht, das die Todgeweihten zurücklassen mussten.

Zweifel bei den Anwälten

Die Anwälte der insgesamt mehr als 50 Nebenkläger zweifeln Grönings Angaben jedoch offen an. Sie wollen mithilfe weiterer Zeugen belegen, dass Gröning bei früheren Ermittlungen in den Siebzigerjahren bereits weit mehr Einsätze an der Rampe zugegeben hat. Und Grönings Entsetzen über die SS-Gräuel in Auschwitz halten sie ebenso für eine Schutzbehauptung wie seine Versetzungsgesuche.

Tatsächlich schildert Gröning in diesem Prozess immer wieder, wie ein anderer SS-Mann einen Säugling an einer Lkw-Stoßstange erschlug. Es ist ein wiederkehrendes Element seiner Ausführungen, ebenso wie seine Beteuerungen, er habe insgesamt dreimal gebeten, von Auschwitz an die Front versetzt zu werden.

Beweisen kann Gröning diese Versetzungsgesuche jedoch bislang nicht, seine Personalakte soll verschwunden sein. Ist es plausibel, dass jemand seinen ungefährlichen lauen Job in einem KZ aufgeben will, um an die Front zu kommen? Obwohl er im KZ gleichsam in seinem gelernten Beruf wie eine Art Sparkassenkaufmann arbeitet? Und ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als sein älterer Bruder kurz zuvor vor Stalingrad gefallen ist? „Ich glaube Ihnen Ihre Versetzungsgesuche nicht“, sagt der Nebenklageanwalt Cornelius Nestler.

Dem 93-Jährigen kommt die Versöhnungsgeste der Eva Kor nach einem solchen Tag sehr recht. Gröning wirkt überrascht - und gerührt. Er küsst sie auf die Wange. Zu einem Dialog kommt es nicht, dazu scheinen seine Englischkenntnisse nicht zu reichen. „Good luck“, sagt er nur, als die 81-Jährige sich schon abwendet, um wieder zu ihrem Platz zu gehen.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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