Boston-Attentäter Tamerlan Zarnajew

„Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund“

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Das FBI, die amerikanische Bundespolizei, ist überzeugt, dass Tamerlan und Dschoschar verantwortlich sind für die Marathon-Bombe.

Boston - Was bewog den Attentäter von Boston? War er eifersüchtig auf all diejenigen, die ganz selbstverständlich dazu gehören? Hat er deshalb versucht, so viele wie möglich von den anderen, den „echten“ Amerikanern umzubringen?

Tamerlan Zarnajew gehört zu der Sorte Immigranten, die alles tun würden für die amerikanische Staatsbürgerschaft und einen amerikanischen Pass. Dachte man. Ein junger Mann, der ehrgeizig war. Der sich in den zehn Jahren seit seiner Flucht aus der trostlosen Kaukasusrepublik Dagestan eingefügt hat in den „American way of life“. Der am Bunker Hill Community College in Boston studierte, Ingenieur werden wollte. Ein Herumgeschubster, der endlich ein Zuhause haben wollte. Ein 26-Jähriger, dessen größter Traum es war, als Boxer für die amerikanische Olympia-Mannschaft antreten zu dürfen. „Boxe für einen Pass“ steht über einem Fotoaufsatz, in dem der Fotograf Johannes Hirn vor wenigen Jahren den talentierten Schwergewichtler porträtiert hat.

Tamerlan Zarnajew hat die amerikanische Staatsbürgerschaft nie erhalten. War er enttäuscht deshalb? Wütend? War er eifersüchtig auf all diejenigen, die ganz selbstverständlich dazu gehören? Hat er deshalb versucht, so viele wie möglich von den anderen, den „echten“ Amerikanern umzubringen? Ist Tamerlan Zarnajew der Mann mit der schwarzen Baseballmütze, der größere, ältere, gewichtigere im Bomberduo von Boston? Ist das überhaupt denkbar, dass ein Athlet mit Olympia-Ambitionen eine Bombe bastelt und legt und zündet, die ausgerechnet Sportler bei einem fröhlichen Wettbewerb töten und verstümmeln soll?

Alles scheint derzeit möglich, was Tamerlan Zarnajew angeht. Alles scheint auch möglich, was seinen kleinen Bruder Dschoschar angeht - den 19-Jährigen, dessen Ergreifung gestern die intensivste Verbrecherjagd in der Geschichte der USA galt.

Das FBI, die amerikanische Bundespolizei, ist überzeugt, dass Tamerlan und Dschoschar verantwortlich sind für die Marathon-Bombe. Tamerlan, der Ältere, ist in der Nacht zum Freitag auf der Jagd nach den Tätern von der Polizei erschossen worden. Er soll zu dem Zeitpunkt, vier Tag nach dem Attentat auf die Marathon-Läufer, Bomben an seinem Körper getragen haben. Die Klinik, in der er starb, ließ deshalb mitteilen, dass nicht zweifelsfrei festzustellen sei, ob er an den Schusswunden starb oder an Verletzungen durch eine Explosion. Plante er einen zweiten Terroranschlag?

Die muslimische Familie Zarnajew stammt ursprünglich aus Tschetschenien, wurde in der Stalin-Zeit nach Kirgisien zwangsumgesiedelt. Tamerlan wurde in Russland geboren, Dschoschar in der Teilrepublik Dagestan an der Grenze zu Tschetschenien. Schon 2002 kamen sie als Flüchtlinge in den USA an. Mit großen Hoffnungen, offensichtlich, und der Bereitschaft, dazuzugehören.

In besagtem Fotoaufsatz steht Tamerlan fünf Jahre später mit wehendem Schal, Mobiltelefon am Ohr, vor seinem Mercedes, Sporttasche umgehängt, auf dem Weg ins Boxstudio. Er boxt, vor der Kulisse des Sternenbanners, mit nacktem Oberkörper gegen eine junge, hübsche Sparringpartnerin. Er sagt Sätze wie diesen: „Ich bin sehr religiös. Ich rauche nicht und ich trinke nicht, Allah verbietet Alkoholgenuss.“ Oder: „Es gibt keine Werte mehr. Die Leute haben sich selbst nicht unter Kontrolle.“

Und er sagt diesen einen Satz, der jetzt viele Jahre und vier Tote später, aufhorchen lässt: „Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund. Ich verstehe sie nicht.“

Irgend etwas ist nach dem vielversprechenden Anfang schief gelaufen für Tamerlan. Seit 2007 hatten beide Brüder eine permanente Aufenthaltsberechtigung für die USA, waren „legal residents“. Im Jahr 2009, so berichtet das Magazin „Foreign Policy“, wird er in Boston wegen häuslicher Gewalt festgenommen, nachdem er seine Freundin verprügelt hat. Trotzdem: Dem „Boston Globe“ erzählen die Nachbarn aus der Norfolk Street im Universitätsviertel Cambridge, dass die Brüder ganz „normale Typen“ waren. Dschoschar vielleicht ein wenig freundlicher, sonniger, fröhlicher als Tamelar, aber beide eben durch und durch unauffällig. Nur ein angeblicher Onkel, Ruslan Tsarni, sagt dem Bostoner Lokalsender WBZ, dass „der Junge den Tod total verdient hat. Er war ein Verlierer. Und er hat nur noch vom Islam geredet.“

Der amerikanische „The Atlantic“ berichtet, dass Tamerlan mehrere islamistische Videos auf YouTube verbreitet hat.In einem Video vom Mai 2012 wendet sich ein Prediger an seine „salafistischen Brüder aus Tschetschenien“. Ein anderes wettert gegen Harry Potter und wieder ein anderes beschäftigt sich ausführlich mit Suren, die häufig von Al Qaida zitiert werden.

Und der kleine Bruder? Es ist schwer einzuschätzen, ob Dschoschar vom Älteren beeinflusst worden ist. Der Junge mit den müden braunen Augen und dem wilden Lockenkopf, den ein gigantisches Polizeiaufgebot gestern Tag und Nacht suchte, hat keine eindeutigen Spuren im Netz hinterlassen. Er hat ein Profil auf der russischen Facebook-Variante vk.com. „Islam“ hat er dort unter „Weltanschauung eingetragen, „Karriere und Geld“ und „Ziele“. Anders als Tamerlan hatte Dschoschar offensichtlich amerikanische Freunde, auch unter den Kindern von Bostoner Politikern. „Wenn jemand mich fragen würde, was für ein Kind das war“, sagte seine Highschool-Lehrer Larry Aaronson dem „Boston Globe“, dann würde ich sagen: Er hatte ein Herz aus Gold. Er war ein außerordentlich mitfühlender Junge.“

So äußern sich alle, die sich überhaupt äußern. Auch der Vater der jungen Männer, den die Nachrichtenagentur Associated Press in Machatschkala, der Hauptstadt Dagestans, erreichte. „Ein Engel“ sei sein jüngerer Sohn, ein intelligenter Medizinstudent, sagte Anzor Zarnajew unter Tränen. Der Vater glaubt: „Die beiden sind reingelegt worden.“ Und wenn dem Jungen auf der Flucht vor der Polizei etwas passiere, dann werde „die Hölle über Boston hereinbrechen“.

Für den Moment ist die Geschichte der Brüder Zarnajew eine Geschichte voller Fragen. Wenn Dschoschar überlebt, wird er viele beantworten müssen. Nicht zuletzt die über das Warum. Und wann, wo, von wem sie so radikalisiert worden sind, dass sie töten wollten.

Eine der traurigsten Folgen ihrer Geschichte aber ist bereits eingetreten: In diesen Tagen soll in Washington ein neues Gesetz zur Besserstellung von Einwanderern verabschiedet werden. Die Opposition macht bereits dagegen mobil.

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