Ex-Model klärt über Demenz auf

Oma Ilses weite Welt

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Lüneburg - Sophie Rosentreter hat neun Jahre lang ihre demenzkranke Großmutter gepflegt. Heute klärt das Ex-Model andere über die Krankheit auf und hat in Kooperation mit der Universität Lüneburg eine Firma gegründet, die in Erinnerung an ihre Oma „Ilses weite Welt“ heißt.

Der dämlichste Satz zu einem Demenzkranken? „Der lautet: Denk doch mal nach.“ Sophie Rosentreter hat diesen Satz selbst hunderte Mal zu ihrer Großmutter gesagt. Als die alte Dame nicht mehr wusste, wo sie ihren Schlüssel hingelegt hatte oder wie die Kaffeemaschine funktioniert. Damals wusste die Enkelin nicht, wie wenig Sinn ihr Satz ergibt.

Die 39-Jährige ist Ex-Model, Ex-Moderatorin und Ex-Fernsehredakteurin. Angekommen, sagt Sophie Rosentreter Jahre später, fühlte sie sich nie. Das ist jetzt anders. 2011 gründete sie in Kooperation mit der Uni Lüneburg ihre nach der Großmutter benannte Firma „Ilses weite Welt“ und klärt seitdem über Demenz auf.

Wenn Sophie Rosentreter über Demenzkranke spricht, sagt sie „demenziell Veränderte“. Um keinen Preis will sie die Menschen auf ihre Krankheit reduzieren.Und sie strahlt, wenn sie über die alten Leute spricht, mit denen sie Kontakt hat in ihrem neuen Beruf. Denn bei ihnen funktioniert nur noch Ehrlichkeit und Authentizität.

15 Jahre ist es her, da wurde Sophie Rosentreters Großmutter „komisch“. Verlegte fünf Mal am Tag ihren Hausschlüssel. Wusste nicht mehr, wie die Kaffeemaschine funktioniert. Erzählte morgens, dass nachts ein Fremder in ihrem Schlafzimmer gewesen sei. Die Reaktion von Tochter und Enkelin lautete damals: „Omi, jetzt denk doch mal nach.“ Weil sie nicht wussten, was sich im Gehirn der alten Dame verändert hatte. Dass sie sehr wohl nachdenkt, aber andere Dinge dabei herauskommen als früher.

„Wir möchten uns in solchen Situationen den bekannten Menschen wiederholen“, sagt Sophie Rosentreter. „Wir werden wütend, dass der Mensch auf einmal so anders ist. Und wütend darüber, dass wir wütend sind.“ Als Omi sie nicht mehr erkannte, „tat uns das unglaublich weh“, erzählt die 39-Jährige. „Niemand hat uns erklärt, dass sie es nicht persönlich meint. Dass das Teil des Krankheitsbildes ist.“

Es hat ihnen auch niemand erklärt, dass es nichts nutzt, an Demenzkranke mit Realität und Logik heranzugehen. Dass es besser ist, die Realität des Kranken anzunehmen. Seine Ängste wahrzunehmen, einfach mal Trost zu spenden anstatt zu argumentieren. „Übers Gefühl sind die Menschen immer noch und bis zum Schluss zu erreichen. Nur über den Verstand eben nicht mehr.“

Das erste Jahr ihrer Firma hat Sophie Rosentreter mit Eigenkapital finanziert, dann fand sie Investoren und Sponsoren. Die Chefin hat Kontakt mit Kommunikationsprofis, Hirnforschern und Ärzten, hält deutschlandweit Vorträge über das Leben mit Demenz und verkauft selbst gedrehte Filme für Betroffene – Filme über Hundewelpen oder Mädchen im Wildpark. Denn das normale Fernsehprogramm, sagt Rosentreter, ist für die Erkrankten viel zu schnell. Angst und Überforderung sind die Folge.

Zwei Jahre und einen Tag nach dem Tod ihrer Großmutter starb Sophies Mutter an Krebs. Die Tochter ist überzeugt: „Sie war mit der Pflege überfordert. Pflegende Angehörige werden oft selbst zu Pflegefällen, weil wir uns nicht trauen, Hilfe anzunehmen. Und weil unsere Gesellschaft nicht über Tod, Alter und Krankheit reden will.“

Von Carolin George

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