Feier Durga Puja

Indiens verstoßene Witwen brechen Tabu

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Foto: 50 verstoßene Witwen feiern in Kolkata derzeit mit Millionen anderen das wichtigste Fest des Jahres zu Ehren der Gottheit Durga – und brechen damit ein Tabu.

Kolkata/Vrindavan - Sogar der Schatten einer Witwe gilt in Indien als unheilvoll. Noch immer werden viele Frauen nach dem Tod ihres Mannes von der Familie verstoßen und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Doch nun tanzen einige von ihnen zurück ins pralle Leben.

Ausgelassen werfen die Witwen in weißen Saris ihre Arme in die Höhe. Sie singen und klatschen, wiegen sich hin und her und drehen sich im Kreis auf der mehrtägigen, überschwänglichen Feier Durga Puja im indischen Kolkata. Für die meisten von ihnen ist es das erste Fest seit Jahren oder gar Jahrzehnten. "Es ist wunderbar. Wir genießen unser Leben", ruft die 90-jährige Manu Ghosh. Eigentlich geht das nicht. In Indien brechen die Frauen damit ein seit Jahrhunderten währendes Tabu. Traditionell sollen Witwen nicht feiern, sondern abgeschieden leben und selbst ihren Schatten von anderen Menschen fernhalten.

"Witwen werden als Unheil bringend betrachtet und von der Gesellschaft ausgeschlossen", sagt Kumar Jyoti Nath, früher Direktor am All India Institute für Hygiene und Gesundheit. Heute arbeitet er für die Hilfsorganisation Sulabh, die das Stigma bekämpft. Dafür brachte die Organisation 50 Witwen, die ansonsten in der mehr als 1000 Kilometer entfernten Tempelstadt Vrindavan ihr Dasein fristen, zurück in ihre alte Heimat. In Kolkata feiern sie derzeit mit Millionen anderen das wichtigste Fest des Jahres zu Ehren der Gottheit Durga, die überall in der Stadt als mächtige Kriegerin mit zehn Armen dargestellt wird, die das Böse besiegt. "Wir hoffen, dass wir eine soziale Revolution auslösen können, damit die Witwen ihren rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft erhalten", sagt Sulabh-Gründer Bindeshwar Pathak. Nach Vrindavan, wo der hinduistische Gott Krishna aufgewachsen sein soll, kommen zahlreiche Witwen aus Westbengalen.

Tausende Frauen leben in der für viele Hindus heiligen Stadt in Ashrams, klosterähnlichen Zentren, wo sie auf sich selbst gestellt sind. Jeden morgen stehen die Frauen gegen 4 Uhr auf und singen für 5 Rupien (6 Cent) drei Stunden lang Mantras in den Tempeln. Manchmal erhalten sie Almosen wie Reis oder Kleidung. Und wenn sie sterben und niemand für ihre letzten Riten bezahlen kann, werden sie nachts von Straßenkehrern zerstückelt, in Jutesäcke gepackt und in den Fluss Yamuna geworfen. Vor acht Jahren kam die 43-jährige Kamla Agarwala in den Leela Punj Ashram. "Nicht weil mein Mann starb, sondern weil er mich verlassen hat", sagt sie. "Meine Brüder sind nicht reich, keiner konnte mehr für mich sorgen." Ihre langen schwarzen Haare verbirgt sie unter einem lila eingefärbten Sari. Die anderen rund 20 Frauen, die mit ihr in einem stickigen Schlafsaal liegen, tragen hingegen nur weiß.

Denn Farben und weltliche Freude wie etwa Süßigkeiten werden Witwen oft vorenthalten. In Teilen Indiens heißt es, Frauen seien "ardhangini", der halbe Körper des Mannes. Stirbt dieser, sterben auch sie. Deswegen war es in manchen Gemeinschaften üblich, dass sich die Witwen bei der Einäscherung des Mannes mit in die Flammen stürzten. Die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen, Rashida Manjoo, stellte bei ihrem Besuch in Indien in diesem Jahr fest, dass diese Praxis noch immer vereinzelt existiert. Im Film "Wasser" der indischen Regisseurin Deepa Mehta erklärt der liberale Held Narayan die zugrundeliegenden ökonomischen Faktoren für den Ausschluss der Witwen aus den Familien: "Ein Mund weniger zu stopfen. Vier Saris gespart. Ein Bett und eine Ecke mehr zur Verfügung im Haus." Die 90-jährige Manu Ghosh jedoch erklärt, es sei ihre Entscheidung gewesen, nach Vrindavan zu pilgern, aus Liebe zu Lord Krishna.

"Nach dem Tod meines Mannes sagte ich meiner Familie: Ich bleibe nicht bei Euch, ich gehe an einen heiligen Ort." Seit 40 Jahren lebt Ghosh in Vrindavan, denn dort spüre sie die Präsenz ihres Gottes, wie sie sagt. Nun ist sie zum ersten Mal wieder zurück in ihrer Heimatstadt Kolkata. "Wir treffen so viele Leute, wir sehen die riesigen, bunten Statuen von Durga und all diese Lichter", beschreibt sie begeistert. Ihre Familie hingegen traf sie nicht. Sulabh kontaktierte die Angehörigen der 50 mitreisenden Witwen - eine einzige Familie reagierte.

dpa

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