Religion in der Schule

Islamunterricht berichtet von Christi Geburt unter Dattelpalmen

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Foto: Professor Rauf Cylan (r.) hat Unterrichtshefte für Islamkunde herausgegeben.

Osnabrück - Im Islamunterricht lernen muslimische Schüler viel über ihre Religion. Aber auch das Christentum ist dort Thema.

Lehrerin Sarrah Trabelsi steht vorn am Pult. Vor ihr liegt ein Adventskranz mit roten Kerzen. „Wer kennt noch nicht die Geschichte von Jesu Geburt im Koran oder ist sich nicht mehr so sicher?“, fragt die junge Pädagogin. Zehn der insgesamt 23 Kinder zeigen auf. Es ist die sechste Stunde an einem Tag kurz vor Weihnachten. Die muslimischen Kinder der vierten Klassen an der Osnabrücker Rosenplatzschule haben Religionsunterricht.

Sarrah Trabelsi liest ihnen aus dem Koran vor, erzählt vom Engel, der Maria verkündet: „Du wirst einen Sohn bekommen.“ Sie berichtet vom Weg Marias in der Wüste, ihrem Alleinsein dort und von der Geburt Jesu auf der Erde unter einer Dattelpalme. Eine Woche zuvor haben die Kinder die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel gehört. Jetzt sollen sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der christlichen und der islamischen Version herausarbeiten.

Das Verhältnis zu den anderen großen Glaubensgemeinschaften ist ein Schwerpunkt im noch jungen islamischen Religionsunterricht an niedersächsischen Grundschulen. Erst langsam entstehen die notwendigen Unterrichtsmaterialien. Sarrah Trabelsi und ihre 23 Schüler nutzen jetzt unter anderem eine neue Arbeitshilfe, die am Institut für islamische Theologie der Universität Osnabrück entstanden ist: „Bismillah - wir entdecken den Islam“ heißen die bunten Hefte, die im Schulbuchverlag Schroedel erschienen und in allen Bundesländern zugelassen sind.

Gleich auf den ersten Seiten ist das bunt gezeichnete Bild eines dunkelhäutigen Jungen mit seiner kleinen blonden Freundin, daneben der Satz: „Vor Allah sind alle Menschen gleich, wir sind Schwestern und Brüder“. Und auch das wird erklärt: „Allah heißt auf Deutsch Gott.“ Vielen Kindern - egal, ob muslimisch oder christlich geprägt - sei das nicht klar, berichtet Lehrerin Trabelsi.

Professor Rauf Cylan, Herausgeber der Unterrichtshefte, erklärt: „Die Kinder lernen eine reflektierten Islam, der interreligiös anschlussfähig ist und zugleich Grundkenntnisse der eigenen Religion und Tradition vermittelt.“ Zweieinhalb Jahre haben er und die beiden Autorinnen Fahimah Ulfat und Annett Abdel-Rahman an dem Werk gearbeitet. Die Grundschulkinder finden neben den bunt bebilderten Geschichten über die Kindheit des Propheten Mohammed auch erste Sätze aus dem Koran und sogar eine illustrierte Erläuterung zum Besuch in einer Kirche oder einer Synagoge.

Lehrerin Trabelsi ist erleichtert über die neuen Arbeitsmaterialien: „Das ist eine echte Hilfe.“ Die Hefte gefallen ihr, weil sie gut bebildert und methodisch vielfältig sind. Neben Lesetexten enthalten die Seiten Bilder zum Ausmalen und Ausschneiden sowie kleine Rätsel. Zwei Stunden jede Woche unterrichtet Trabelsi die Kinder in islamischer Religion. „Die Kinder gehen selbstbewusster mit ihrem Glauben um“, hat sie beobachtet.

Der Umgang untereinander zwischen den verschiedenen Religionsgruppen sei selbstverständlicher geworden. Im kommenden Jahr wollen die muslimischen Schüler die Geburt Jesu unter der Dattelpalme auch bei der gemeinsamen Schulfeier vor den Weihnachtsferien szenisch darstellen. Die Kinder im Religionsunterricht diskutieren in Kleingruppen die Geburt Jesu. „Maria ist allein in der Wüste, da ist kein Josef wie in der Bibel“, hat sich Rashad aus dem Koran gemerkt. „In der Weihnachtsgeschichte sind sie in einem Stall“, ergänzt Mitschülerin Sanem.

Auch Gemeinsamkeiten finden sie: „Kein Mann hat Maria angefasst“, erklärt Faruk knapp und unmissverständlich den Glauben an die jungfräuliche Geburt. Nur Gottes Sohn, wie die Christen glauben, das ist Jesus in den Augen der Muslime natürlich nicht. Das haben die Kinder verstanden. „Jesus ist ein Prophet“, fasst Lehrerin Trabelsi zusammen. Trotzdem werden viele ihrer Schüler ähnlich wie die christlichen Kinder Weihnachten mit Geschenken und einem Festessen feiern. Ein Satz aus den Notizen der Kinder prangt zum Schluss der Stunde mithilfe des Overheadprojektors groß an der Wand: „Jesu Geburt ist ein Wunder.“

Bernhard Remmers

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