Rückkehr ins Leben

Ein Jahr nach dem Taifun Haiyan

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Tacloban - Tausende Philippiner verloren bei dem verheerenden Taifun Haiyan vor einem Jahr ihr Leben. Die Überlebenden leiden zum Teil bis heute unter den Folgen der Katastrophe. Noch immer hausen Zehntausende unter unzumutbaren Bedingungen.

Das Leben im Provisorium ist für Pacita de la Cruz und ihre Familie inzwischen so etwas wie Alltag geworden. Ein Jahr ist es nun her, dass der Taifun Haiyan ihr früheres Zuhause in der ostphilippinischen Stadt Tacloban fortgespült hat. Seitdem haust die Familie noch immer in einer wackligen Hütte unweit des Flughafens. „Es ist hart, aber wir stehen das durch“, sagt die 46-jährige Mutter, die auf einem hölzernen Sofa vor der Baracke sitzt.

„Man hat uns gesagt, dass wir hier nicht länger bleiben können, weil es ein Gefahrengebiet ist“, sagt de la Cruz. „Wir sollen umziehen, aber unser neues Zuhause wäre ziemlich weit weg. Um in die Stadt zu kommen, müssten wir drei Mal umsteigen.“

Ähnlich geht es auch dem Fischhändler Mateo Delingon und seiner Familie, die in einem anderen Teil der Stadt leben. Gleich mehrere Fracht- und Passagierschiffe krachten während des Sturms in ihr Küstendorf Anibong. Nun sollen die Delingons umgesiedelt werden. „Wir freuen uns nicht gerade darauf, aber wir haben keine Wahl, weil es hier nicht sicher ist“, sagt das 72-jährige Familienoberhaupt. Eines der auf Grund gelaufenen Frachtschiffe liegt direkt gegenüber der provisorischen Hütte, in der die Delingons mit ihren drei Kindern wohnen. „Wie soll ich fischen, wenn wir weit entfernt vom Meer leben?“, fragt der Händler.

Er ist einer von mehr als vier Millionen Menschen, die am 8. November 2013 ihr Zuhause verloren, als Haiyan fast alles zerstörte oder zumindest in Mitleidenschaft zog, was auf seinem Weg über den südostasiatischen Inselstaat lag. Mindestens eine Million Menschen lebten vor dem Unwetter in den besonders betroffenen Küstengebieten und sollen deshalb mit besonderer Priorität umgesiedelt werden. Doch es gibt Kritik an dem Vorhaben. Betroffene klagen, dass die meisten, der ihnen zugedachten Siedlungen, weit weg sind von ihren Arbeitsplätzen, den Schulen der Kinder, von Krankenstationen und Ämtern. Hinzu kommt, auch ein Jahr nach der Katastrophe sind laut Wohnungsbaubehörde noch nicht einmal ein Prozent der benötigten Unterkünfte errichtet worden.

„Das Ausmaß der Katastrophe war so gewaltig, dass die Regierung und die Menschen schlicht überwältigt waren“, sagt Markus Koth, Koordinator der Diakonie Katastrophenhilfe auf den Philippinen. „Es gibt noch jede Menge zu tun, doch gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass schon viel erreicht wurde“, sagt der Helfer.

Am schlimmsten getroffen hat es die Stadt Tacloban. Dort sind gerade einmal 250 der mehr als 70 000 in Gefahrenzonen lebenden Bürger dauerhaft umgesiedelt worden. Die anderen leben noch immer in Schutzräumen, selbstgebauten Hütten oder Zelten. „Wir arbeiten hart daran, sie alle dort rauszubekommen“, versprach Taclobans Bürgermeister Alfred Romualdez kürzlich beim Besuch einer Baustelle für neue Unterkünfte. Diese liegen rund zehn Kilometer von der Innenstadt entfernt. Tacloban - einstmals Drehkreuz für die östlichen Philippinen und Handelszentrum mit mehr als 220 000 Einwohnern - wurde zu fast 90 Prozent durch den Taifun zerstört.

„Etwas mehr als 50 Prozent wurden wieder aufgebaut“, sagt Bürgermeister Romualdez. Und tatsächlich wird wieder reger Handel getrieben, seit wieder Geschäfte, Restaurants, Banken und Hotels geöffnet haben. Der öffentliche Personenverkehr funktioniert wieder und fast in der gesamten Stadt gibt es wieder Strom.

Doch jenseits dessen stellt sich für viele noch immer die Frage, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Die Schäden in der Landwirtschaft und Fischerei gehen in den dreistelligen Millionenbereich. Fischer Edwin Cinco aus der nahe gelegenen Stadt Tanauan hat noch immer kein Boot. Dabei gab es durchaus gut gemeinte Hilfe - die nur nicht immer die Richtigen erreichte. Nichtregierungsorganisationen versorgten Nachbarn von Cinco mit Booten, auch solche, die nicht einmal rudern können.

Der 36 Jahre alte Edwin Cinco versucht sein Glück derweil als Schweinezüchter, Rikscha-Fahrer und Fischverkäufer. „Ich habe die Sau und das Rikscha von dem Geld gekauft, das uns eine Stiftung im Dezember zukommen ließ.“ Er werde nichts unversucht lassen, um zu verhindern, dass seine drei kleinen Kinder Hunger litten, sagt der Vater.

Bis April hatten die Cincos und die de la Cruz Hilfsgüter von örtlichen und ausländischen Spendern erhalten. Seitdem müssen sie aus eigener Kraft über die Runden kommen. Doch jenseits dessen, was der Alltag an Entbehrungen bereit hält, gibt es da noch den Schmerz und die Ungewissheit, die den Überlebenden zu schaffen machen. Pacita de la Cruz verlor vor einem Jahr 15 Angehörige, darunter eine Tochter, zwei Enkel und einen Schwiegersohn. Gefunden wurden lediglich sieben Leichen, die der Tochter und der Enkel sind bis heute nicht aufgetaucht.

Gerade mal zehn Prozent der 3200 bestätigten Toten seien identifiziert, bestätigt Bürgermeister Romualdez. Noch immer würden in Tacloban 600 Menschen vermisst, sagt er. Am 8. November will die Stadt einen Gedenkgottesdienst für die Toten abhalten, die in einem Massengrab beigesetzt wurden. De la Cruz hofft, dass ihre Tochter und ihre Enkelkinder dort ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. „Das wäre das Beste, sie könnten dort ruhen und wir könnten mit unserem Leben weitermachen.“

dpa

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