Urteil zum Fährunglück in Korea

36 Jahre Haft für Kapitän der „Sewol“

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Der Kapitän der untergegangenen Fähre Sewol wird im Distrikt-Gericht von Gwanju von Sicherheitskräften exkortiert.

Seoul - Die „Sewol“-Katastrophe spaltet Südkorea, nach der Verurteilung des Kapitäns noch mehr als vorher. Die Angehörigen der etwa 300 Toten kommen kaum zur Ruhe. Zu viele Fragen bleiben unbeantwortet.

Für die Angehörigen klingt das Urteil des südkoreanischen Gerichts wie ein Hohn. „Haben Sie gehört, wie viele Jahre die nun ins Gefängnis müssen?“, fragt Kwon Oh Hyun, der Sprecher der Angehörigen der Opfer, am Telefon. Es sei völlig unverständlich, dass ein solches Urteil für den Tod Hunderter Menschen ausreiche. Wenige Minuten zuvor war Kapitän Lee Joon Seok, Hauptverantwortlicher der „Sewol“-Katastrophe mit 295 Toten und 9 Vermissten, zu 36 Jahren Haft verurteilt worden. 13 Besatzungsmitglieder müssen mehrere Jahre ins Gefängnis.

Die Staatsanwaltschaft hatte die Todesstrafe verlangt. Weil diese in Südkorea seit 1997 nicht mehr vollstreckt wird, hätte es für den 69-Jährigen aber voraussichtlich gar keinen Unterschied gemacht. Den Rest seines Lebens verbringt er wohl im Gefängnis.

Das ist die Strafe für „grobe Fahrlässigkeit“ und „Verletzung seiner Dienstpflichten“, entschieden die Richter am Bezirksgericht in Kwangju. Er hätte die goldene Seefahrer-Regel nicht brechen dürfen: Der Kapitän geht als Letzter von Bord. Er trägt die Verantwortung für Schiff, Besatzung und Passagiere.

Kapitän Lee muss nun die Verantwortung dafür tragen, dass er genau das nicht getan hat. Als einer der Ersten stahl er sich davon. Kaum wieder festen Boden unter den Füssen hatte er nichts Besseres zu tun, als seine Geldscheine zu trocknen, berichteten koreanische Medien kurz darauf. Die Bilder des feigen, gierigen Kapitäns gingen durch das Land.

Lee Joon SeokGesicht wurde das Gesicht des Verantwortlichender tragischen Katastrophe. Als sich eine knappe Woche nach dem Untergang der „Sewol“ bei den Angehörigen langsam die Gewissheit durchsetzte, dass ihre Kinder wohl nicht lebend aus dem Schiffswrack wiederkehren würden, setzte die südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye das Verhalten des Kapitäns mit „Mord“ gleich.

Zu dem Zeitpunkt eine Vorverurteilung, die aber die Erwartungen auf das Urteil bei den Opferfamilien beeinflusste, fast sieben Monate lang. Dieser wollte sich Richter Lim Jung Yeobam Dienstag jedoch nicht anschließen. In der Urteilsbegründung erklärte er, es sei schwierig, zu schlussfolgern, dass dasVerhalten des Kapitänsletztlich zum Tode der Passagiere geführt habe.

Mit dieser Einschätzung sprach das Gericht Lee vom Vorwurf des Mordes frei. Lees erster Maschinist, der zwei verletzte Crewmitglieder sich selbst überlassen hatte und die eigene Haut rettete, wurde hingegen des Mordes für schuldig befunden und zu 30 Jahren Haft verurteilt. „Das Gericht erkennt den Mord an den Passagieren nicht an, wohl aber den am Küchenpersonal“, kommentierte Kwon Oh Hyun, der Mediensprecher der Familien, die in seinen Augen falsche Entscheidung.

Seit dem Untergang am 16. April sind es vor allem Emotionen, die die Diskussion über das Unglück bestimmen. Auf der stark überladenen Auto- und Personenfähre hatten sich damals viele Schüler befunden, unterwegs zur Ferieninsel Cheju. Bei der Katastrophe kippte die „Sewol“ zur Seite und lief mit Wasser voll. Viele Insassen wurden eingeschlossen. Es setzte eine dramatische Rettungsaktion ein. An den Fernsehern erlebten die Südkoreaner mit, wie die Küstenwache mit Hubschraubern und Booten versuchte, die Menschen zu retten, bevor das Schiff binnen weniger Stunden komplett sank.

Mit Kapitän Lee Joon Seok war schnell ein Sündenbock gefunden. Die Justiz ließ sich davon wohl wenig beeinflussen. Zu viele Ungereimtheiten überschatten nach wie vordie Ereignisse. Was genau geschah, soll nuneineunabhängigeUntersuchungskommission in den kommenden anderthalb Jahren herausfinden. Das zur Einsetzung notwendige „Sewol“-Spezialgesetz hat das südkoreanische Parlament am Freitag verabschiedet. Wochenlang hatten Angehörige der Opfer um ihr Mitspracherecht bei der Besetzung des Ausschusses gerungen.

Der Vorsitzende des 18-köpfigen Gremiums wirdvon den Opferfamilien bestimmt werden. Das Warten auf Antworten wird also weitergehen. Mindestens noch 18 Monate lang.

dpa

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