Regierung will handeln

Flickschusterei in Fukushima

+
Der Atomkonzern Tepco bekommt die radioaktiven Lecks im AKW Fukushima alleine nicht in den Griff.

Tokio - Tepco bekommt die Unmengen verstrahlten Wassers in der Atomruine Fukushima nicht in den Griff. Die Regierung will nun eingreifen - doch ob es gelingt, die Krise zu bewältigen, ist fraglich.

Kaum ein Tag verstreicht, an dem nicht neue Hiobsbotschaften über die Lage in der Atomruine von Fukushima um die Welt gehen. Dabei hatte der frühere Ministerpräsident Yoshihiko Noda das zerstörte Atomkraftwerk schon vor vielen Monaten für „kalt abgeschaltet“ erklärt - es sei also unter Kontrolle. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, wie die Lecks an Tanks für die gigantischen Mengen verseuchten Wassers zeigen. Der Leiter der Atomaufsicht NRA, Shunichi Tanaka, räumte dieser Tage ein, dass die Lage „instabil“ sei. Jetzt, zweieinhalb Jahre nach Beginn der Katastrophe, verkündete Ministerpräsident Shinzo Abe, seine Regierung werde eingreifen.

Dass sich der Atombefürworter Abe nun als Retter in der Not gibt, kommt für Kritiker nicht überraschend. Schließlich fällt an diesem Wochenende in Buenos Aires die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) über die Vergabe der Spiele 2020. Tokio, bisher als Favorit gehandelt, befürchtet, dass das Desaster in Fukushima die Chancen Tokios gegenüber den Mitbewerbern Madrid und Istanbul verringern könnte. Abe will daher Entschlossenheit und zügiges Handel demonstrieren, damit sich niemand Sorgen machen muss.

Dabei sind viele der Probleme schon seit langem bekannt. Bereits vor zwei Jahren hatten Experten vor den immer größeren Wassermengen gewarnt. Hätte der Betreiber Tepco sie ernst genommen, sagen Kritiker, wäre das Problem heute nicht so gewaltig. NRA-Chef Tanaka warf Tepco kürzlich einen Mangel an Krisenbewusstsein vor. Doch die Regierung ließ Tepco machen. Meldungen über Lecks an Wassertanks und Leitungen wurden wiederholt ignoriert oder heruntergespielt.

Jeden Tag versuchen im Schnitt 3000 Arbeiter in Fukushima, die geschmolzenen Brennstäbe in den Reaktoren mit Wasser zu kühlen, das dabei radioaktiv verseucht wird. Doch dringen zusätzlich tagtäglich rund 400 Tonnen Grundwasser in die undichten Reaktorgebäude ein und vermischen sich mit dem verstrahlten Wasser. Wohin damit? Tepco hat hunderte Tanks aufgebaut, viele sind in Eile einfach aus Stahlplatten zusammengeschraubt worden. Aus einem von ihnen sickerten kürzlich 300 Tonnen verstrahltes Wasser heraus, weitere Lecks drohen. All diese Maßnahmen sind laut Kritikern nichts weiter als Flickschusterei.

Auch der Plan der Regierung, jetzt mit Hunderten von Millionen an Steuergeldern einen gefrorenen Schutzwall im Erdreich um die Reaktoren zu errichten, um den Zufluss von Grundwasser zu bremsen, sehen Kritiker als weiteres störanfälliges Provisorium an. Abgesehen von den hohen Baukosten würde ein solcher Schutzwall nicht nur enorm viel Strom verschlingen. Was, wenn es zu Stromausfällen kommt? Ende März hatte eine Ratte einen Kurzschluss ausgelöst und die Kühlsysteme von Abklingbecken lahmgelegt. Und wie lange soll der Wall halten?

Bleibt zudem die Frage, was mit den Hunderttausenden von Tonnen an verseuchtem Wasser in den Tanks geschehen soll. Die halten nicht ewig. Ein weiteres schweres Erdbeben könnte zudem viele leckschlagen. Aus Sicht von Experten wird Japan am Ende wohl nichts anderes übrig bleiben, als das Wasser nach Senkung der Strahlung unter die Grenzwerte ins Meer abzulassen. Dagegen wehren sich jedoch die Fischer der Region. Sie haben weiterhin die Hoffnung, vor der Atomruine eines Tages wieder verzehrbare Fische fangen zu können.

Wann und ob das eines Tages wieder möglich sein wird, ist völlig unklar. Derweil lässt die Regierung ganze evakuierte Landstriche mit Unsummen dekontaminieren, damit die geflohenen Bürger wieder in ihre Häuser zurückkehren. Zwar sinkt dadurch die Strahlung, doch schwemmt Regen neue Radioaktivität aus den Bergwäldern wieder heran. Zudem weiß niemand, wohin mit den Bergen an radioaktiv verseuchtem Abraum. Doch die Regierung versucht, den Eindruck von Normalität zu wecken.

Schließlich will Abe, der sich die Überwindung der Wirtschaftskrise auf die Fahnen geschrieben hat, so bald wie möglich einige der 49 heruntergefahrenen Reaktoren im Lande wieder anschalten - und Olympia nach Japan holen. Ob seine Regierung jedoch die Probleme in Fukushima wirklich bald in den Griff bekommt, ist höchst fraglich.

Bilder aus der Todeszone von Fukushima

Bilder aus der Todeszone von Fukushima

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare