Alltag an deutschen Hochschulen

Jede zweite Studentin sexuell belästigt

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Sexismus an deutschen Universitäten ist keine Seltenheit. Das bestätigt eine EU-Studie.

Hannover/Oldenburg - Schmutzige Bemerkungen, unsittliche Berührungen - Sexismus ist Alltag an den deutschen Hocnschulen. Laut einer EU-Studie, an der sich auch die Universität Oldenburg beteiligt hat, ist jede zweite Studentin schon sexuell belästigt worden.

Anzügliche Witze, obszöne Sprüche, unerwünschte Berührungen - sexuelle Belästigung gehört für Studentinnen in Deutschland zum Alltag. In einer EU-Studie gaben 54,7 Prozent der befragten Frauen an, dass sie sexuell belästigt worden sind. Besonders betroffen waren junge Studentinnen im ersten oder zweiten Semester. An dem über drei Jahre dauernden Forschungsprojekt hatten sich 33 europäische Hochschulen in fünf Ländern beteiligt, davon 16 in Deutschland. Dazu gehörte auch die Universität Oldenburg. Deutschlandweit wurden 12663 Studentinnen befragt, in Oldenburg waren es 756.

„Sexuelle Belästigung, Stalking und sexuelle Gewalt kommen in unterschiedlichsten Zusammenhängen vor“, sagt der Oldenburger Uni-Vizepräsident Nikolaus Lange, „auch Hochschulen bilden hier leider keine Ausnahme. Um so wichtiger ist es, bei diesem Thema aufmerksam hinzusehen und nicht etwa die Augen zu verschließen.“ Oldenburg gehört mit Bremen und Bielefeld zu den drei Hochschulen in Deutschland, die für Opfer von sexuellen Übergriffen eine eigene Beratungsstelle haben. Schon seit 1996 hat die Uni eine entsprechende Richtlinie, die für den fairen Umgang zwischen den Geschlechtern wirbt.

Die Täter- und Opferrollen sind laut Studie klar verteilt: „Sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt zeigen sich fast ausschließlich als männliches Verhalten gegenüber Frauen.“ Oft würden die Studentinnen von Kommilitonen oder Hochschulmitarbeiterinnnen von Kollegen belästigt, seltener von Dozenten oder Vorgesetzten. Das haben die befragten Frauen zumindest in der Studie angegeben.

Sabine Jösting, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Osnabrück, weist darauf hin, dass es hier auch eine deutlich höhere Dunkelziffer gibt: „Es ist leichter, sich über einen Kommilitonen zu beschweren als über einen Dozenten, von dem man bei der Notengebung abhängig ist oder über einen Professor, den man bewundert.“ Gerade jüngere Studentinnen seien anfangs beeindruckt vom akademischen Leben und fühlten sich geschmeichelt, wenn ein renommierter Professor mit ihnen rede. Sobald sie dann merkten, dass ein sexuelles Interesse dahinter stecke, seien sie geschockt. Es komme auch vor, dass Dozenten Studentinnen mit dem Versprechen von Arbeitsverträgen unter Druck setzten. „Da wird die finanzielle Abhängigkeit ausgenutzt.“

Wer klar Grenzen setze und sich wehre, sei weniger gefährdet, Opfer zu werden. „Täter spüren, wenn jemand unsicher ist“, sagt Jösting. In einer lockeren Atmosphäre, wenn sich Professor und Studenten duzten und auch schon mal privat besuchten, passierten Übergriffe schneller als im distanzierteren Wissenschaftsbetrieb, wie beispielsweise im Fachbereich Jura. „Ein stärker formalisierter Umgang wirkt oft wie ein Schutzschild.“

Sexismus auf dem Campus ist ein Thema, das mittlerweile viele Hochschulen beschäftigt. Es gibt Selbstverteidigungskurse oder Beratungsgespräche für Frauen. „Das Thema muss in die Öffentlichkeit“, fordert Jösting.

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