Drogenbericht

Jeder dritte Mann trinkt gefährlich viel

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Gefährlicher Konsum: Bei den jungen Männern trinkt sogar fast jeder zweite riskant viel, bei den jungen Frauen jede dritte.

Berlin - So nüchtern, wie es nur geht, nennt die Drogenbeauftragte Dyckmans Zahlen zu den millionenfachen Gefahren von Alkohol, Tabak und anderen Suchtmitteln. Der Drogenbericht ist auch so etwas wie ihre Bilanz.

Für viele waren es wohl peinliche Fragen. Wie oft nehmen Sie ein alkoholisches Getränk zu sich? Wie viele alkoholische Getränke trinken Sie üblicherweise an einem Tag? Wie oft trinken Sie sechs oder mehr alkoholische Getränke bei einer Gelegenheit? Und es gab ein erschreckendes Ergebnisse: Jeder dritte Mann und jede fünfte Frau trinken in Deutschland gefährlich viel Wein, Bier oder Schnaps.

Vorgelegt wurde die 188-Seiten-Studie des Robert Koch-Instituts bereits Anfang September 2012. Zwischen September 2009 und Juli 2010 waren 22 050 Erwachsene zu allen möglichen Aspekten ihrer Gesundheit und ihres Lebens befragt worden. Trotz der drastischen Resultate nahm die Öffentlichkeit kaum Notiz davon.

Bei den jungen Männern trinkt sogar fast jeder zweite riskant viel, bei den jungen Frauen jede dritte. In Thüringen und Sachsen gehen die Männer mit rund 40 Prozent riskanten Trinkern besonders leichtfertig mit Alkohol um. Und mehr als einer von fünf Männern und jede zehnte Frau in Deutschland betrinkt sich - nach eigenen Aussagen - mindestens jeden Monat einmal.

Was tun? Es ist wie mit den meisten Daten, die nun auch im neuen Drogen- und Suchtbericht der Regierung aufgeführt sind. Für Suchtexperten sind sie alles andere als überraschend - doch die Politik tut sich schwer damit, die Zahlen zu nach unten zu drücken.

Weder ist in den vergangenen Jahren das Problemtrinken wirklich eingedämmt worden, noch können Drogenpolitiker damit zufrieden sein, dass in Deutschland rund 110 000 Menschen pro Jahr an den Folgen des Rauchens sterben. Zuletzt starben mit 13 800 Frauen im Jahr 36 Prozent mehr an Krebs wegen der Zigaretten als zehn Jahre vorher.

Nüchtern nennt die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP) die Fakten rund um Abhängigkeit, Krankheit und Tod. Das Leid, das dahintersteckt, wird in dem Konferenzsaal im Berliner Regierungsviertel nicht plastisch. Dyckmans sagt: „Wir verfügen in Deutschland über gute Präventionsangebote und ein sehr gutes Suchthilfesystem.“ Das gelte es auszubauen.

Die 62-jährige ehemalige Richterin am Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel will in der nächsten Legislaturperiode nicht mehr als Drogenbeauftragte weitermachen. In ihrer letzten Präsentation eines Drogenberichts stellt sie in den Vordergrund, dass Minderjährige im Schnitt insgesamt weniger der riskanten Stoffe zu sich nehmen. „Wir sind natürlich froh, dass Kinder und Jugendliche weniger Alkohol konsumieren, weniger rauchen und weniger Cannabis konsumieren.“

Bei den Risikogruppen sieht sie Handlungsbedarf. Drogenexperten monieren immer wieder, dass in Deutschland junge Leute immer noch zu leicht zum Beispiel an Alkohol kommen. Wer einmal nachts in die bis unter die Decke mit Flaschen vollgestopften Spätkaufläden in den Partymeilen etwa Berlins oder Hamburgs geht, dem können leicht Zweifel an Lobgesängen auf den deutschen Jugendschutz kommen.

Von einer insgesamt härteren Gangart hält Dyckmans ohnehin nichts. „Selbst wenn Sie Alkohol oder Tabak verbieten, wird es sich auf den illegalen Markt ausweiten.“

Nicht immer konnte Dyckmans, wie sie wollte. Gemeinsam mit Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) wollte sie 2011 Tabakwerbeverbote auch auf Plakaten und im Kino. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) war laut damaligen Berichten dagegen. „Es war auch das Kanzleramt, das gesagt hatte, man sollte die Dinge nicht weiterverfolgen“, blickt Dyckmans heute zurück.

Doch eine Einschränkung der Zigarettenwerbung sei weiter im Gespräch. „Ob man sich in diesem Jahr noch einigt, hängt davon ab, wie es nach der Wahl in der Regierung weitergeht.“ Nach dem, was an Informationen dazu auf dem Tisch liegt, kommt ein solches Vorgehen gegen die Werbe- und Tabakindustrie wohl eher nicht, wenn Rösler und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) weiter das Sagen haben. Auch Dyckmans Vorgängerin Sabine Bätzing (SPD) hat übrigens keinen solchen Schritt auf den Weg gebracht.

dpa

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