Mordkomplott gegen Lehrer

Jugendkriminalität: Brutale Fälle schocken - Zahlen sinken

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Auf diesem Garagenhof wollten drei Schüler einen Lehrer der angrenzenden Schule mit Hämmern ermorden. Foto: Bernd Thissen

Gleich mehrere Gewalttaten mit minderjährigen Tatverdächtigen haben in jüngster Zeit Aufmerksamkeit erregt. Das hat auch zu einer Debatte über Jugendkriminalität geführt.

Essen/Dortmund (dpa) - Ein junger Mann wird urplötzlich an einer U-Bahn-Haltestelle attackiert. Tagsüber, mitten in Essen. Sechs Täter schlagen und treten auf ihn ein, schubsen ihn auf die Gleise. Erschreckend auch: Der mutmaßliche Haupttäter ist erst 14 Jahre alt.

Der Vorfall, der sich Ende Juni ereignete, ist nur einer von mehreren Gewalttaten im Ruhrgebiet in den vergangenen Wochen, bei denen Minderjährige als Täter verdächtigt werden.

So sollen in Dortmund zwei Kinder einen Jugendlichen unter anderem mit Tritten am Verlassen des Gleisbetts an einer U-Bahn-Haltestelle gehindert haben. Laut Polizei hatten die 12- und 13-Jährigen vor rund einer Woche zunächst einen Ball des Jugendlichen in das Gleisbett geworfen. Der hechtete hinterher, wollte dann wieder herausklettern, doch das Duo hinderte ihn daran.

Und noch mal Schauplatz in Dortmund: Drei Schüler im Alter von 16, 17 und 18 Jahren sollen sogar ein Mordkomplott gegen einen Lehrer geplant haben. Das Trio ist am Mittwoch wegen versuchten Mordes und wegen der Verabredung zu einem Verbrechen angeklagt worden.

Für Entsetzen hatte auch ein drastischer Angriff in Mülheim an der Ruhr Anfang Juli gesorgt. Dort wurde eine junge Frau in ein Waldstück gezerrt und vergewaltigt. Tatverdächtig sind fünf Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 14 Jahren. "Es war Gewalt im Spiel, massive Gewalt", schilderte ein Polizeisprecher.

Dennoch sieht Kriminalwissenschaftler Klaus Boers keinen Anstieg von Gewalttaten bei Jugendlichen und Kindern. "Spektakuläre Einzelfälle hat es immer gegeben und wird es immer geben. Aber ich erkenne keinen Trend zu mehr Gewaltdelikten", sagte der Experte der Uni Münster der Deutschen Presse-Agentur.

Die Zahlen sind Boers zufolge sogar rückläufig: 2009 seien noch 1,3 Prozent aller Jugendlichen im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen durch Gewaltdelikte aufgefallen. Im Jahr 2018 waren es nur noch 0,8 Prozent.

Gründe dafür sieht der Experte vor allem im sozialen Umfeld der Jugendlichen: "In den Schulen und auch bei der stadtteilorientierten Jugendhilfe wird seit den 2000er Jahren deutlich mehr auf Gewaltprävention geachtet." Außerdem sei das Strafrecht inzwischen stärker auf Erziehungsmaßnahmen als auf Strafe ausgelegt. "Weil das Strafrecht zurückhaltender ist, haben wir einen Rückgang der Jugendgewalt", erläuterte Boers.

Wenn Gewalt ausgeübt wird, dann meist von Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren. "Das Ende des Kindes- und der Beginn des Jugendalters stellt die maximale Belastung dar", sagte Boers. Danach nehme die Gewaltbereitschaft tendenziell wieder ab, was auch an Erziehungsprozessen des Umfeldes der Jugendlichen liege. Boers: "Ich würde schon sagen, dass es eine Erfolgsgeschichte der Gesellschaft ist, dass wir unsere Jugendlichen mit erzieherischen Maßnahmen wieder einfangen."

Statistik des LKA NRW Jahr 2017

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