Wer nicht zahlt, wird verflucht

Junge Nigerianerin aus Prostitution befreit

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Foto: In so einem „Lovemobil“ endete Sarahs Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Polizei rettete die Nigerianerin schließlich aus der Zwangsprostitution.

Gifhorn/Braunschweig - Beamte holten die junge Nigerianerin Sarah bei Gifhorn aus der Zwangsprostitution. Durch den Glauben an einen dubiosen Kult geriet die 19-Jährige in die Abhängigkeit.

Sie hatte ihr ein Leben in Wohlstand versprochen. Eine leichte Arbeit, Läden mit allen erdenklichen Waren und genug Geld, um sich und ihre Familie versorgen zu können. Für Sarah (Name geändert) klang das Angebot der Frau, die ihr als „Madam“ vorgestellt worden war, wie die Eintrittskarte ins Paradies. Doch sie führte die 19-jährige Nigerianerin in ein Leben als Zwangsprostituierte bei Gifhorn.

Sarah ist Vollwaise, wuchs bei Verwandten in ärmlichen Verhältnissen auf. Genug zu essen oder ein eigenes Zimmer gab es nur in ihren Träumen. Alles, was die „Madam“ von ihr verlangte, war ein Schwur. Sie müsse in ihre Dienste treten, ihr alle Ausgaben von rund 45 000 Euro zurückzahlen und dies vor einem Juju-Priester bezeugen. Die Entscheidung fiel Sarah leicht. Sie hatte überhaupt keine Vorstellung von der Bedeutung der Summe. Doch was die junge Frau tatsächlich in Deutschland erwartete, waren erzwungener Sex mit fremden Männern, Schulden und ein Leben in Angst vor vermeintlich göttlicher Bestrafung. Ihr Martyrium endete erst, als die Gifhorner Polizei auf die Zwangsprostituierte aufmerksam wurde.

Sarahs Schicksal ist ein Beispiel für die meisten Nigerianerinnen, die als Zwangsprostituierte nach Deutschland kommen. Es werden immer mehr. Allein der Verein Solwodi (Solidarität mit Frauen in Not) zählte 2013 deutschlandweit 80 Zwangsprostituierte aus Nigeria, tatsächlich könnte ihre Zahl um viele Hundert darüber liegen. Ihre Geschichten sind unterschiedlich, doch folgen sie stets demselben Grundmuster.

Viele kombinieren Glauben mit alten Ritualen

Um zwangsprostituierten Frauen wie Sarah zu helfen, soll nun das bundesweit gültige Prostitutionsgesetz nachgebessert werden. Niedersachsen spricht sich in den Debatten auch für eine Erlaub­nispflicht aus. Doch die jungen Frauen aus Afrika dürften davon kaum profitieren.

Etwa 90 Prozent der Nigerianer sind Christen oder Muslime, doch kombinieren viele ihren Glauben mit alten Traditionen und Ritualen. Eine dieser weit verbreiteten alten Glaubensrichtungen ist Juju. Ihre Anhänger sind davon überzeugt, dass Götter in Form von Geistern mit den Menschen in Kontakt treten. Wird ein ihnen geleisteter Schwur gebrochen, so können die bösen Geister die Kontrolle über Körper und Seele übernehmen und den Menschen in den Wahnsinn und den Tod treiben. Auch Sarah glaubte an diesen Kult. Und an das schöne Leben, das augenscheinlich auf sie wartete.

Vier Jahre ist es her, dass ein sogenannter Priester in Nigeria eine Zeremonie mit ihr feierte, die ihr Leben drastisch verändern sollte: Der Zaubermann rieb ihr Ruß in frische Schnittwunden, während sie schwören musste, alles zu tun, was von ihr verlangt werde, ohne jemals darüber zu reden. Anschließend drückte ihr die „Madam“ falsche Papiere und ein Handy in die Hand, nahm ihren Pass und übergab sie Schleusern. Die brachten Sarah nach Deutschland, direkt in ein Bordell.

Solwodi-Mitarbeiter nehmen Sarah in ihre Obhut

Von nun an klingelt das Handy regelmäßig, um sie an ihren Schwur zu erinnern. Zahle sie nicht, geschehe ihr und ihrer Familie etwas Furchtbares, droht der Anrufer. Und Sarah zahlt. Obwohl Essen und Unterkunft so teuer sind, dass sie mehrere Freier am Tag braucht, damit überhaupt etwas übrig bleibt.

Ein paar Jahre später bietet sie ihre Dienste in einem Lovemobil bei Gifhorn an, als die Polizei auf sie aufmerksam wird – und die Braunschweiger Beratungsstelle von Solwodi anruft. Die Mitarbeiter nehmen Sarah in ihre Obhut. Langsam beginnt sich die junge Frau zu öffnen.

„Wir haben Glück, dass die Polizei mittlerweile so für das Thema sensibilisiert ist, dass die Frauen erst zu uns und nicht in Abschiebehaft gebracht werden“, sagt Luca Lehmann vom Solwodi Braunschweig. Denn durch die starke psychische Abhängigkeit und die Angst dauere es lange, bis die Frauen über ihr Schicksal redeten. Der Verein kümmere sich um die Frauen und bringe sie in geheimen Unterkünften unter, um sie vor ihren Erpressern zu schützen.

Drei Monate Bedenkzeit für eine Klage räumt die deutsche Gesetzgebung Opfern von Zwangsprostitution ein, so lange haben Betroffene ein Bleiberecht.Doch nur wenige machen tatsächlich eine Aussage. Zu tief sitzt die Angst vor der „göttlichen“ Rache und vor den Erpressern.

Sarah hat mittlerweile einen Asylantrag gestellt

Nur 49 Verfahren wegen Menschenhandels und Prostitution zählt die Statistik des Landeskriminalamtes für 2013. In sechs Prozent der Fälle seien Nigerianerinnen Opfer, sagt Heinke Traeger vom Sozialministerium. Das sind drei Frauen, die als Opfer ausgesagt haben. Christian Zahel, Leiter der Abteilung für Organisierte Kriminalität, fordert: „Wir brauchen mehr staatliche Kontrollmöglichkeiten, um den Opfern von Menschenhandel besser helfen zu können.“

Diese will auch Niedersachsen durchsetzen, wenn es in diesem Jahr mit den Beratungen zur Verbesserung des Prostitutionsgesetzes weitergeht. Die Landesregierung setzt sich unter anderem dafür ein, dass das Mindestalter auch für freiwillige Prostitution auf 21 Jahre angehoben wird und eine Erlaubnis beantragt werden muss. Sozialministerin Cornelia Rundt hofft, auf diese Weise Zwangsprostitution schneller aufdecken zu können. Doch für skrupellose Zuhälter dürften damit verstärkt Osteuropäerinnen als Opfer attraktiv werden: Denn als EU-Bürgerinnen dürfen diese sich legal in Deutschland aufhalten und arbeiten. Frauen wie Sarah dagegen haben nicht einmal eine Aufenthaltsgenehmigung. Sie sind daher weiterhin auf zufällige Polizeikontrollen angewiesen, damit ihre Situation ans Licht kommt.

Sarah hat mittlerweile einen Asylantrag gestellt und nimmt an einem Alphabetisierungskurs teil. Vielleicht wird sie irgendwann doch noch aussagen. Wenn die „Madam“ je ermittelt wird.

Isabel Christian

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