Die richtige Betonung

Der Kai, der Hai und die Ukraine

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Foto: Manche Sprachprobleme im EM-Gespräch lassen sich umschiffen: Gdansk etwa kann man auch einfach Danzig nennen.

Hannover - „Ukra-ine“ spricht der eine, der andere sagt „Ukreine“. Wir verraten, wie man den Namen des Gastgeberlands richtig ausspricht – und was das alles mit Jever zu tun hat.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sagt „Ukra-ine“. ARD-Moderator Matthias Opdenhövel sagt „Ukreine“. Jogi Löw sagt „Ukra-ine“. Aber Jogi Löw sagt auch „Anschla Mergel“, wenn er die Bundeskanzlerin meint. Und Mergel sagt Ukra-ine. Also was denn nun?

Die Ukrainer schreiben ihr Land „Україна“, entkyrillisiert heißt das „Ukrajina“, und wenn der Ukrainer den Namen seines Landes sagt, hört man das „j“ auch leicht mit, also „Ukra-jina“, mit der Betonung auf dem „ji“. Und das, obwohl der Wortstamm der slawische Begriff „krai“ ist, was übersetzt sowohl „Rand“ als auch „Land“ heißen kann. Zusammen mit dem vorangestellten Präfix „u“, das „neben“ bedeutet, könnte man es mit „Grenzgebiet“ übersetzen.

Deutlicher als die Bedeutung ist in der mutteraussprachlichen „Ukrajina“ aber der Bruch zwischen dem „a“ und dem „i“. Also nicht „Ukreine“, wie es Opdenhövel sagt, sondern „Ukra-ine“, so wie wir „naiv“ aussprechen.

Wobei die „Ukreine“-Fraktion teilentschuldigt ist. Und das nicht nur, weil „Ukreine“ im Gegensatz zu „Ukra-ine“ bei gleicher Buchstabenanzahl eine Silbe spart. Vor allem ist die saubere phonetische Trennung von „a“ und „i“ bei „ai“ im Deutschen eher die Ausnahme: Rainer als Ra-iner ist reiner Unsinn, auch die Gitarrensaite möchte gern im Stück gesprochen werden, genau wie der Saibling, der Mai, der Hai und der Kai, wie jeder Laie weiß. Die Taille ist ein Grenzfall, und Haiti ist phonetisch im Vereine mit der Ukraine. Franz Beckenbauer würde hingegen toben, wenn Jogi Löw ihn als Ka-iser bezeichnen würde. Aber wer „Anschla Mergel“ sagen darf, sollte sich mit ein bisschen „a“ und „i“ högschdens am Rande beschäftigen.

Die Engländer haben’s gut. Die sagen einfach „Jukrehn“, fertig. In Deutschland ist man meinungsfreudiger. Auch mit eigenen Orten. Unsere Ukraine ist das friesische Örtchen Jever, das wegen einer Bierwerbung von Außerfriesischen beharrlich falsch „Jewer“ ausgesprochen wird. Auch in Hannover übrigens, obwohl man es hier wirklich besser wissen müsste. Da muss man sich über eine Ukraine-Diskussion nicht wundern.

Es hätte schlimmer kommen können. Bei Lwiw und Gdansk kann man zu den vertrauteren Städtenamen Lemberg und Danzig greifen. Und zum Glück ist das ­Konsonanteninferno Błaszczykowski kein ukrainischer Austragungsort, sondern ein von Borussia Dortmund bekannter Spieler der ausgeschiedenen Polen.

Aber ist ja egal jetzt. Die Ukra-ine ist raus aus dem Euro-Turnier, und die deutschen Spiele finden in Danzig und – sorry, Griechenland! – Warschau statt. Erst im Endspiel geht es wieder in die Ukra-ine. Nach Kiew.

Oder Ki-ew?

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