Carneval Club Tripkau

Karnevalsexoten in der DDR

+
„Es ging nicht nur ums Singen und Tanzen“: Olaf Hengevoß, Hendrik Stille und Ralf Voß (von links) vom Carneval Club vor der geschmückten Festhalle.

Tripkau - Der Carneval Club Tripkau ist ein ganz besonderer Verein, mit einer ganz besonderen Geschichte. Denn als er gegründet wurde, gingen die Bütten noch gegen das DDR-System. Die Kritik am Staat wurde in Satire versteckt.

Am Anfang lief es nicht rund. Als man in Tripkau zur Karnevalssitzung rief, hörten darauf keine 100 Leute -– dabei fasst die Festhalle mehr als 1000. Traurig, das erste Fest. Doch es war nur das erste Fest nach der Wende: Die Sitzung fand am 11. November 1989 statt. Und die magere Narrenzahl ist seit 55 Jahren der einzige Ausrutscher des Carneval Clubs.

Carneval Club Tripkau gelb/weiß 1958 e. V. heißt die Truppe mit vollem Namen. Als sie sich zusammen tat, gehörte das Dorf noch zur DDR. Erst Niedersachsen, dann DDR, dann wieder Niedersachsen: Die Geschichte des Carneval Clubs ist bei Weitem konstanter als die Geschichte des Ortes. „Als der Carneval Club gegründet wurde, ging es nicht nur ums Singen und Tanzen“, sagt Präsident Hendrik Stille, 38. „Nicht nur um Kultur und Unterhaltung im Zonenrandgebiet. Es ging vor allem darum, Kritik am Staat zu üben, in Satire versteckt.“

Die Politik hatten die Tripkauer Karnevalisten schon bei der Auswahl ihrer Vereinsfarben im Hinterkopf: Gelb-Weiß, die Farben des Königreichs Hannover, zu der das Dorf lange Jahre gehört hat - und sich dorthin noch zugehörig fühlte, auch nachdem die Amerikaner ihren Landstrich nach dem Zweiten Weltkrieg den Russen überlassen hatten. Die Feiern und Bütten aus Mainz kannten die Gründer in Schwarz-Weiß aus dem Westfernsehen, und die junge Deutsche Demokratische Republik hatte ihre Spitzel - Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes - noch nicht überall. Abgesehen von mangelnden Kostümen also beste Voraussetzungen für den Beginn des Exotenkarnevals im Norden. „Die Leute haben darauf gewartet“, sagt Stille, „das war ein Ventil.“

Doch dass die Reden nicht kontrolliert wurden, das ging nur ein paar Jahre gut. Später mussten die Schreiber ihre Bütten nach Hagenow schicken zur Zensur. Und wie jeder gute Autor in einem undemokratischen System lernten die Tripkauer Karnevalisten schnell. Ralf Voß, 45, stellvertretender Schatzmeister des Vereins, erklärt: „Die Kunst lag darin, so zu schreiben, dass die Zensoren nichts damit anfangen konnten.“

Kritik am Staat üben, ohne verhaftet zu werden - das bedeutete die fünfte Jahreszeit in der Deutschen Demokratischen Republik.

Heute liegen die Pointen anders. Und die Probleme auch. War es zu DDR-Zeiten ausgeschlossen, über Politiker herzuziehen, juckt das heute niemanden. Juckte es zu DDR-Zeiten niemanden, über Privatleute herzuziehen, gehen die heute gern mal vor Gericht, wenn ihnen ein Witz quer kommt. Doch über manche Themen an der Elbe können selbst die Karnevalisten nicht mehr lachen: die seit 20 Jahren geplante Brücke zwischen Ost- und Westufer des Flusses. Die Angst um die Dorfgrundschule, während ein paar Kilometer stromabwärts für 1,4 Millionen Euro ein Biber-Zoo gebaut wird.

Nicht Mitglied im Carneval Club zu sein, scheint eine Art undenkbarer Gedanke im Dorf zu sein. 170 Mitglieder zählt der Verein, 240 Einwohner der Ort. Manch ein Aufnahmeantrag kommt per Fax aus der Geburtsklinik. Und ein Drittel der Mitglieder sind zwischen sieben und 16 Jahre alt. „Karneval saugt man in Tripkau mit der Muttermilch auf“, sagt der Präsident. Ein Generationenvertrag sei das, sagt Geschäftsführer Olaf Hengevoß. Nachwuchsmangel wie anderorts gibt es im Ort nicht. Warum? Kinder und Jugendliche müssen nichts zahlen - weder für Kostüme noch Mitgliedsbeitrag. Und die Leute mit der wechselvollen Geschichte um sich herum wissen, wie sie den Gegebenheiten begegnen müssen: Das Prinzenpaar ist seit Ende der Sechziger Jahre abgeschafft. Zu teuer für die Betroffenen. Da trifft Konstanz auf Pragmatismus.

Carolin George

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare