Neuer Flughafen

Kassel-Calden fehlen die Flieger

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Nein, der Mann fährt nicht in den Urlaub, sondern bloß Pakete umher. Heute eröffnet der Flughafen Kassel-Calden, aber schon einer der ersten Flüge fällt aus: zu wenig Buchungen.

Kassel - Heute landet erstmals ein Flugzeug in Kassel-Calden – an Bord ist Hessens Ministerpräsident, dessen Prestigeprojekt ein Millionengrab zu werden droht.

Und es ist doch noch möglich, in Deutschland einen Flughafen fertigzustellen. Mit ordentlicher Verkabelung und funktionstüchtiger Brandschutzanlage. Vielleicht blicken sie ja heute von Berlin aus ein wenig neidisch aufs kleine Kassel, wo Deutschlands neuester Flughafen den Betrieb aufnimmt. Gut, Kassel-Calden fällt um ein Vielfaches kleiner aus als der geplante Hauptstadtflughafen BER. Aber: Kassel-Calden ist fertig.

Nach immerhin mehr als elf Jahren Planung und zwei Jahren Bauzeit landet heute die erste Maschine auf dem neuen Flughafen in Nordhessen. An Bord sitzen hessische Spitzenpolitiker wie Ministerpräsident Volker Bouffier und Finanzminister Thomas Schäfer (beide CDU) sowie einige Journalisten; aus Frankfurt kommen sie angereist. Und sobald sie 17 Kilometer nordwestlich vom Stadtzentrum Kassels entfernt, auf dem Rollfeld in Calden, aufsetzen, wird die Maschine der Fluggesellschaft Germania feierlich durch eine Wasserfontäne der Feuerwehr fahren. Es folgen die Eröffnungsreden.

Kassel-Calden ist gerüstet für den Ernstfall. Beim Testbetrieb zwischen Januar und März dieses Jahres probten 7000 Statisten, wie es wohl wäre, von Calden aus nach Mallorca oder Antalya zu fliegen. Der Übungsurlaub endete natürlich schon bei der Gepäckaufgabe, aber im Großen und Ganzen lief alles glatt. Die Versuchspassagiere entdeckten bloß ein paar kleinere Mängel. Zum Beispiel funktionierten die Lautsprecherdurchsagen auf den Toiletten nicht.

Zur Belohnung erhielten die Tester kein Geld, aber eine „Ahle Wurscht“ in Flugzeugform. Mittagessen gab es auch, ebenso wie die Hoffnung auf eine echte Reise – es gab Flugtickets zu gewinnen. Der Stadt Kassel verhelfen schon die vielen Statisten zu einigem Optimismus: Das große Interesse an den Statistenrollen zeige, wie sich die Nordhessen auf ihren Flughafen freuen, heißt es dort. Bei einer Verlosung in der Tageszeitung für einen Rundflug am Eröffnungstag kamen auf 20 Plätze 2700 Bewerber, sagt ein Sprecher der Stadt Kassel.

Doch die muntere Geschäftigkeit während des pannenfreien Testbetriebs ist das eine – die Wirklichkeit das andere. Die Buchungszahlen für den April sind bescheiden. So fällt gleich mal ein für morgen geplanter Flug nach Antalya aus. Kein Bedarf. Und die sechs Passagiere, die den Flug dann doch gebucht haben, fahren im Taxi zum 71 Kilometer entfernten Regionalflughafen Paderborn.

Für andere Flugziele fehlt schlicht die Fluglinie. Der deutsche Ferienflieger „XL Airways Germany“ sollte von Kassel-Calden aus nach Palma de Mallorca und nach Teneriffa starten. Im Dezember meldete die Linie Insolvenz an. Als Ersatz sollte die polnische Airline „Enter Air“ einspringen – doch sie sprang ab, zwei Wochen vor der Eröffnung. Gestern war immer noch ungeklärt, welche Fluglinie nun für den Reiseveranstalter Rewe-Touristik die Flüge nach Mallorca und auf die Kanaren übernimmt. „Die Verhandlungen laufen noch“, sagte ein Sprecher von Rewe-Touristik. Der erste Flug auf die Baleareninsel steht für den 15. April auf dem Flugplan. Wer bereits gebucht hat, weiß noch nicht, von wo aus er in den Urlaub startet.

Trotzdem: Die Erweiterung des alten Fluggeländes in Kassel-Calden bringt viel Gutes für die Region, meinen das Land Hessen, die Stadt und der Landkreis Kassel sowie die Gemeinde Calden – die Eigentümer des neuen Regionalflughafens. „Der Ausbau des Flughafens war erforderlich, damit Nordhessen nicht ins Hintertreffen gerät“, sagt Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Der Flughafen sei nicht nur für Urlauber als Start- und Zielort interessant, sondern auch für Geschäftsreisende und für den Frachttransport. Die Flughafenchefin Anna Maria Muller spricht von einem „Spinnrad für die Wirtschaft“.

Finanziert wird dieses „Spinnrad“ zu 100 Prozent mit Steuergeld. Mehr als zwei Drittel trägt das Land Hessen, der Rest verteilt sich auf die Stadt und den Landkreis Kassel (je 13 Prozent) sowie die Gemeinde Calden (sechs Prozent). „Bis 2020 wird der Flughafen ein etablierter Start- und Zielort für Touristen und ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Verkehrsinfrastruktur in der Region Nordhessen und Südniedersachsen sein“ – da ist sich Kassels Oberbürgermeister Hilgen sicher.

Plänen und Prognosen zufolge sollen bis zum Jahr 2020 pro Jahr rund 640 000 Passagiere in Kassel-Calden ein- und auschecken. So viele sollten es jedenfalls sein, damit die Eigentümer – Land, Landkreis, Stadt und Gemeinde – auf ihre Kosten kommen. Defizite im Betrieb trägt das Land Hessen bislang ohne Limit. Woher nun aber diese 640 000 Fluggäste kommen sollen, ist nicht ganz klar.

Offene Fragen dieser Art nähren natürlich die Zweifel der Calden-Kritiker. Die Baukosten haben inzwischen 271 Millionen Euro erreicht – und liegen damit doppelt so hoch wie ursprünglich gedacht. Der Anstieg der Baukosten trübte auch die Begeisterung einstiger Unterstützer. Noch bevor auch nur ein einziges Flugzeug abgehoben ist, liegen schon heute die Verluste des Flughafens bei 17 Millionen Euro, wie die „Hessische Niedersächsische Allgemeine“ errechnet hat.

Zwar wird Hessens Finanzminister Thomas Schäfer nicht müde zu betonen, dass Kassel-Calden inmitten einer „Boom-Region“ liege – die Opposition im hessischen Landtag glaubt ihm nicht. Die Grünen bezweifeln, dass sich die Investitionen eines Tages mal auszahlen werden. Fraktionssprecher Tarek Al-Wazir erklärt die Infrastrukturpolitik der Landesregierung für „vollständig gescheitert“. Der Bund der Steuerzahler rechnet „mit dauerhaften jährlichen Verlusten“. Und die Nachbarn aus Niedersachsen sind auch dagegen: Die rot-grüne Landesregierung äußert lautstark Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Flughafens: „Ich bezweifle, dass der Flughafen EU-rechtskonform ist, weil er ausschließlich mit Steuergeld finanziert ist“, sagt Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD).

Es ist ja nicht so, dass sie in Kassel nicht nach privaten Investoren gesucht hätten – nur eben ohne Erfolg. „Da wird sich auch keiner finden, weil sich das Ding nicht rechnet“, sagt Steffi Weinert von den Bürgerinitiativen gegen den Neubau des Flughafens. Weinert hat zwei Jahre lang in der Einflugschneise des Flughafens Hannover-Langenhagen gewohnt. Dort war es ihr zu laut, und Weinert zog ins ruhige Breuna, eine Nachbargemeinde von Calden. Und zwar just in dem Moment, als die Planungen für den Neubau des Caldener Flughafens konkret wurden. Mit Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss versuchte die Bürgerinitiative, den Bau zu stoppen. Doch der hessische Verwaltungsgerichtshof und auch das Bundesverwaltungsgericht wiesen die Klagen ab. Nichts tat sich während der juristischen Auseinandersetzungen, bloß die Kosten wuchsen in die Höhe. Im Frühjahr 2010 kamen sie erneut unter die Lupe. Sie hatten sich inzwischen von 150 Millionen auf 225 Millionen Euro erhöht. Die Staatshilfen stiegen, die Europäische Kommission stimmte der umstrittenen Förderung dreimal zu, und dem Bau stand nichts mehr im Wege.

Beim ersten Spatenstich 2011 protestierten 30 Gegner des Neubaus mit Trillerpfeifen und Sprechchören. Für die Eröffnung heute sind keine Aktionen von Bürgerinitiativen geplant, sagt Weinert. Sie habe eine persönliche Einladung erhalten und werde wohl auch hingehen. „Wir akzeptieren die demokratische Mehrheit und sind quasi auf Stand-by“, sagt Weinert, die inzwischen Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kasseler Kreistag ist.

Der Hannover Airport schaut aufmerksam nach Calden. Schließlich verschärft der neue Regionalflughafen den Wettbewerb um Fluggäste im südlichen Niedersachsen. „Wir werden das spüren“, sagt Flughafensprecher Sönke Jacobsen. Dennoch sehe man der Eröffnung „mit einer gewissen Entspanntheit“ entgegen. Bei Flügen nach Mallorca oder in die Türkei hätten Kunden nun eine Option mehr. „Wir setzen auf unser gutes Marketing“, sagt Jacobsen.

Schärfere Töne sind dagegen aus Paderborn zu vernehmen, dem von Kassel-Calden nur rund 70 Kilometer entfernten Regionalflughafen. Dort ist schon vom „Kannibalismuseffekt“ die Rede. „Wenn Calden tatsächlich mal einen veritablen Flugplan hat, werden wir das merken“, sagt Flughafensprecherin Beate Nessel. Wie viele andere Regionalflughäfen kämpft auch Paderborn gegen den Rückgang der Passagierzahlen und wenig verlässliche Fluglinien. In einem Jahr – „frühestens“ – schätzt Nessel, könnte sich die Konkurrenz in der Nachbarschaft bemerkbar machen. Bis dahin, so lautet die Paderborner Rechnung, könnte der Flughafen Paderborn von den Startschwierigkeiten in Kassel profitieren. Flughafensprecherin Nessel sagt: „Fluggäste, die jetzt noch verunsichert sind, buchen vielleicht erst mal lieber in Paderborn oder Hannover.“

Heidi Senska

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