Reportage aus dem WM-Land

Ein Kick für Brasiliens gefährdete Töchter

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Codó - Armut, Drogen, Straßenstrich: Im Land der WM droht Mädchen ein miserables Leben – ausgerechnet auf dem Fußballplatz aber schaffen jetzt viele die Wende.

Von Norden ein langer Lastzug mit riesigen Baumstämmen. Von Süden ein Lastwagen mit verblichener Reklame für eine Schlafzimmereinrichtung. Von Osten der weiße Jeep einer internationalen Hilfsorganisation. Von Westen, wo eine rostrote Sandpiste in die Schnellstraße mündet, zwei Mädchen auf einem wackligen Herrenfahrrad.

Sie lehnen das Rad an eines der Lehmhäuser neben der Kreuzung, schlendern – superkurze Miniröcke, enge Hemdchen – zum Rastplatz der Überlandfahrer hinter der Tankstelle. In der Hoffnung auf ein paar Real im Gegenzug für Prostitution? In der Hoffnung, dass einer der Männer sie hinaufklettern lässt in seine Fahrerkabine, sie mitnimmt in die glänzenden, alles versprechenden Metropolen Brasiliens?

„Kilometer 17“ nennen die Leute aus der nahen Stadt Codó die Ansammlung geduckter, einfacher Gebäude an der Kreuzung des „Brasilia Highway“ mit der Landstraße MA026. Die Mütter von Codó hassen Kilometer 17. Es ist der Ort, an dem sie ihre Kinder verlieren. An Drogen, die hier im Schutz des Gütertransports umgeschlagen werden. An Prostitution, Aids. Und an die Schlepper, die die Sehnsucht der Mädchen nach einem guten Leben zu ihrem Geschäft machen, sie mit der Aussicht auf festen Lohn locken und ein paar Tausend Kilometer weiter in São Paulo oder Rio de Janeiro als ausgebeutete Dienstboten in private Haushalte verschieben. Sie haben leichte Beute.

Rayane hatte Anfragen von Profiklubs, entschied sich aber für ein Studium.

Quelle: Gätke

Francisca hat auch manchmal daran gedacht, sich davonzuschleichen. Weg aus dem Rohbau mit den unverputzten Wänden, der ihr Zuhause ist. Weg von dem plärrenden Fernseher im fensterlosen Wohnzimmer mit den Plastikstühlen – und stattdessen: hinein in das Treiben, das die kitschigen Telenovelas ihr als einzig lebenswertes vorgaukeln. Sie wollte sich durchschlagen zur ältesten Schwester, in die Hauptstadt Brasília.

Warum sie dann doch nicht gegangen ist? Wegen eines dunkelblauen Trikots, eines Balls und eines Paars nagelneuer schwarzer Fußballschuhe. „Fußball“, sagt die 16-Jährige, „hat mich klüger gemacht.“ Francisca meint das wörtlich.

Es ist nicht einfach, ein Mädchen in Codó zu sein. Seit Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft weiß alle Welt um die Nöte der Menschen in den Favelas der Metropolen. Viele dieser Menschen kommen aus Orten wie dem Kilometer 17. Nirgendwo ist Brasilien so arm wie hier, im Hinterland des nordöstlichen Bundesstaats Maranhão. Die Rohstoffe des Nordens, die Konsumgüter aus dem Süden rauschen auf dem „Brasilia Highway“ an Codó vorbei. Vom Aufschwung Brasiliens zur siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt ist wenig zu spüren. Die Menschen leben mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft, bauen Reis, Bohnen, Maniok an. Die Hälfte lebt von weniger als einem Dollar am Tag. Die paar Geschäfte, das Fitnessstudio, die einzige Fabrik im Ort gehören einer Familie, die alles beherrscht. Größten Einfluss auf die Politik hat ein so geachteter wie gefürchteter Priester der schwarzen Magie.

Das Ziel: Eine offizielle Mädchenfußballliga

„Starke Mädchen durch Fußball“ ist das Ziel der Initiative. In sechs Gemeinden in den nordöstlichen Programmgebieten Codó und São Luís werden insgesamt 32 Teams gegründet, mit jeweils etwa 25 Mädchen zwischen sieben und 18 Jahren. Insgesamt sind rund 8000 Menschen in das Projekt eingebunden – von den Eltern über die ehrenamtlichen Coaches bis hin zu lokalen Beamten und Vertretern der Fußballliga. Ziel ist es, eine offizielle Mädchenfußballliga in Brasilien zu gründen. In beiden Programmgebieten ist das Kinderhilfswerk Plan noch mit weiteren Projekte aktiv, etwa mit Fortbildungen für Jungen und Mädchen zu den Themen Sexualität, Menschenrechte sowie Verbesserung der Wasserversorgung und der Einkommenschancen von Frauen. Ein Spendenkonto für das Mädchenfußballprojekt ist unter www.plan.de aufgeführt.

Armut und Tradition verbünden sich gegen die Mädchen. Die Schulen sind schlecht, die mäßig ausgebildeten Lehrer überfordert. Viele Eltern schicken ihre Töchter lieber zum Arbeiten aufs Feld statt in die Schule. Knapp 60 Prozent der Frauen im Bundesstaat Maranhão können nicht lesen und schreiben. Männer haben das Sagen. Häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung – alle 15 Sekunden, heißt es bei der Weltgesundheitsorganisation WHO, wird in Brasilien eine Frau angegriffen. Und vor lauter Angst, dass ihre Töchter auf der Straße an Crack geraten oder ihre Körper verkaufen, halten die meisten Mütter ihre Töchter unter ständiger Aufsicht zu Hause.

All dies ist der Grund dafür, dass Francisca zweimal in der Woche das blaue Trikot anzieht und zum Training oder einem Freundschaftsspiel geht. Dann kickt sie gegen die Enge, die Mutlosigkeit, die eigenen Grenzen an. Genau darum geht es den Profis und Hunderten Freiwilligen des Kinderhilfswerks Plan International, das das Fußballprojekt ins Leben gerufen hat: Sport und der respektvolle Umgang in einem Team sollen die Mädchen stärken, körperlich und seelisch. Aufklärung und Bildung sollen ihnen Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben eröffnen. Bei Francisca schlägt die Bewegungstherapie an.

„Soll das immer so sein? Nein!“: Francisca in ihrem Zuhause.

Quelle: Gätke

Das Mädchen mit den gegelten schwarzen Locken ist vielleicht kein herausragendes Balltalent, aber konzentriert dribbelt Francisca den Ball um die rot-weißen Hütchen auf dem Trainingsfeld, als schnelle Läuferin erwischt sie auch missratene Pässe ihrer Mitspielerinnen. Francisca ist glücklich auf dem Spielfeld. „Weißt du“, sagt sie nachdenklich, „Frauen sollen immer alles im Haus machen. Der Mann arbeitet, und dann trifft er seine Freunde, trinkt ein Bier. Und die Frau kommt nie raus. Soll das immer so sein? Nein!“ Deshalb lernt Francisca. In der Schule ist sie in den vier Monaten, die sie nun Fußball spielt, besser und engagierter denn je. Der regelmäßige Schulbesuch ist eine Bedingung für den Platz in einer Mannschaft.

Die Mutter, die selbst nur ihren Namen schreiben kann, glaubt, den Grund für Franciscas neuen Lerneifer zu kennen: „Sie hat zum ersten Mal etwas, worauf sie sich freuen kann. Sie ist fröhlicher und selbstbewusster als früher. Und sie hat mehr Energie.”

Manchmal bringt der Bruder sie mit dem Motorrad zum Fußballplatz. Es imponiert ihm, dass Francisca in einer richtigen Mannschaft spielt, nach internationalen Regeln. Auch er ist passionierter Spieler – „aber es ist doch etwas anderes, wenn Mädchen bolzen”. Fünfmal schon war eine Brasilianerin, Marta Vieira da Silva, Weltfußballerin des Jahres – aber Frauenfußball ist selbst im WM-Jahr keine Selbstverständlichkeit hier. Bis weit in die achtziger Jahre hinein war es Frauen und Mädchen sogar gesetzlich verboten, Fußball zu spielen.

Es geht auch um solche Themen, einmal in der Woche, in den Workshops für die Fußballerinnen. Auch diese sind Pflicht, wie die Schule. 148 Stunden diskutieren die Mädchen eines Projektjahrgangs über Bürgerrechte und freie Meinungsäußerung, über die Rolle von Frauen und Familien, über Sexualität, Erwachsenwerden, Verantwortung in einer demokratischen Gesellschaft. Francisca mag diese Treffen: „Mein Vater hat eigentlich nie mit uns Kindern geredet. Jetzt habe ich ihm etwas Eigenes, Wichtiges zu sagen, und er hört mir zu.”

Kind sein in Brasilien

  1. 640 000 Jungen und Mädchen zwischen fünf und 14 Jahren müssen mindestens 28 Stunden in der Woche arbeiten, vor allem in der Landwirtschaft des Nord- und Südostens
  1. 258 000 Jugendliche arbeiten als Dienstmädchen oder Helfer in privaten Haushalten – häufig unter ausbeuterischen Bedingungen.
  1. 24 000 Kinder leben und arbeiten auf den Straßen brasilianischer Metropolen.
  1. 7300 Jungen und 616 Mädchen wurden allein im Jahr 2011 ermordet. Viele von ihnen waren zuvor in den Metropolen Rio des Janeiro und São Paulo von kriminellen Gangs rekrutiert und zum Beispiel im Bereich Drogenhandel und Prostitution eingesetzt worden.
  1. 600 000 Kinder unter zehn Jahren existieren offiziell gar nicht – sie wurden nach ihrer Geburt nicht registriert. Ohne Geburtsurkunde haben sie weder Zugang zu Schulen noch zu Sozialleistungen.

Im schlichten Gemeindehaus von Timbisa, unter dem glühend heißen Wellblechdach, hört Loreanna sehr genau zu. Gabriel Batista, Plan-Büroleiter in Codó, spricht mit gut 30 Mädchen über Dinge, die „typisch männlich“ sind und „typisch weiblich“. Es gilt, Vorurteile zu erkennen und im eigenen Kopf zu korrigieren. Ganz hinten im Saal sitzt Loreanna. Hoch konzentriert murmelt sie leise eine Antwort auf jedes Stereotyp, das vorne vorgetragen wird: Bitte niemanden um Hilfe? Männlich! Akzeptiere, was man dir sagt, und sei still? Weiblich! Hab keine Angst vor dem Risiko? Männlich! „Quatsch“, murmelt Loreanna. Entschlossen marschiert die 14-Jährige kurz darauf auf den eher trostlosen Bolzplatz. Kein Gras, keine Linien, kein Schatten, aber zwei Tore in korrektem Abstand, es geht schon. Die Dorfjungen sammeln sich am Rand, kommentieren kichernd jede Aktion auf dem Spielfeld. Man muss kein Portugiesisch können, um zu erahnen, dass da auch ein bisschen Neid mitschwingt: auf die 22 gelben und orangefarbenen Trikots, auf die von einer Sportartikelfirma gesponserten Schuhe. Loreanna geht im Spiel auf, sie scheint überall zu sein, schießt eins der beiden Tore ihrer Mannschaft. Und wann immer ihr etwas gelingt, reißt sie die Arme hoch, jubelt wie ein Profi. „Aus der wird was“, glaubt die Trainerin.

Was aus ihr mal werden soll, weiß Loreanna selbst noch nicht genau. Die Mädchen haben große Träume. „Ich würde gerne Psychologin werden”, sagt Francisca. „Geografie und Ingenieur, das interessiert mich”, sagt Loreanna. „Aber mein Großvater meint, als Profifußballerin verdiene ich mehr.” Sind das nicht allzu hochtrabende Ideen?

Wieso, fragen die Mädchen zurück, und verweisen auf Rayane. Rayane ist jetzt 18. Sie ist aufgewachsen bei Großmutter und Urgroßmutter, die beide nie zur Schule gingen. Ihre Mutter, die immerhin fünf Schuljahre gemeistert hat, arbeitet seit Rayanes Geburt in der nächsten großen Stadt als Putzfrau. Rayane war eines der Mädchen im ersten Jahrgang des Fußballprojekts. Sie ist eine begabte Spielerin, zwei Profiklubs haben versucht, sie nach dem Schulabschluss anzuwerben. Sie hat sich dagegen entschieden und studiert stattdessen Ernährungswissenschaften, mit einem staatlichen Stipendium. „Ich habe früher vor lauter Schüchternheit den Mund kaum aufgekriegt”, sagt sie. „Dann hab’ ich Erfolg gehabt beim Fußball und Freundinnen gefunden, das hat mich frei und stark gemacht. Mädchen müssen erleben, dass sie etwas können.”

Noch macht Brasiliens Aufschwung einen Bogen um Codó. Aber auf Dauer werden sich junge Frauen wie Rayane, Francisca und Loreanna damit nicht abfinden.

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