Prozess um geprellte Millionen

Kickboxer will kein Erpresser sein

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Der Angeklagte Wissam Nasreddine zwischen seinen Anwälten. dpa

Göttingen - Ein Kickboxer und "Big-Brother"-Star soll einen Lottomillionär um 425.000 Euro geprellt haben. Vor dem Göttinger Landgericht begann am Dienstag der Prozess.

Der Prozess gegen den Kickbox-Europameister und Big-Brother-Star Wissam Nasreddine (29) startete gestern mit einer Überraschung. Nasreddine sei kein Erpresser, sondern die eigentlichen Kriminellen seien die ermittelnden Polizeibeamten. Das behauptete zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Göttingen der angeklagte Mittäter Marvin O. (29). Auf seinem Geständnis stützt sich die Anklage maßgeblich, doch jetzt wirft er der Polizei Manipulation vor.

Wort für Wort, so sagt er, hätten ihm die Polizisten vorgesagt und ins Vernehmungsmikrofon sprechen lassen. Er sei von der Polizei unter Druck gesetzt und mit „vier Jahren Gefängnis bedroht“ worden. Deshalb habe er ausgesagt, was von ihm verlangt wurde.

Nasreddine ist durch seinen Auftritt in der RTL-II-Sendung sowie durch seine Pläne für ein Jugendhilfecamp bei Waake im Landkreis Göttingen bekannt geworden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, einen Lotto-Millionär aus dem Eichsfeld durch Drohung mit Gewalt um 425.000 Euro erpresst zu haben. Das Landgericht ließ nur einen von neun Anklagepunkten zur Verhandlung zu - jenen, der sich auf die polizeilichen Aussagen des Mitangeklagten stützt. Demnach sollen der Kickboxer und sein mutmaßliches Opfer den Mitangeklagten zu einem Stausee in Göttingen gefahren haben. Dort soll Nasreddine den Lottogewinner, der aus dem Eichsfeld stammt, unter Druck gesetzt haben. Er habe eine Schusswaffe gezogen, indirekt gedroht und Geld verlangt, „um Loyalität herzustellen“. Die Anklage unterstellt, dass der kräftig gebaute O. den Ernst der Lage unterstreichen sollte. Das Opfer habe schließlich 20.000 Euro gezahlt, zweimal. Später, so die ursprünglichen Anklagepunkte, habe der Eichsfelder, der im Lotto 1,7 Millionen Euro gewonnen hatte, weitere Überweisungen an Nasreddine vorgenommen. Insgesamt seien 425.000 Euro gezahlt worden, von denen das Opfer bis heute keinen Cent wiedergesehen habe.

Doch der Hauptangeklagte schildert die Vorgänge ganz anders: So habe er den Lottogewinner in einer Spielhalle in Gieboldehausen kennengelernt. Später habe man über ein Projekt in Göttingen gesprochen, wo Nasreddine ein Erziehungscamp für straffällige Jugendliche aufbauen wollte, bei dem er aber aus Geldmangel nicht weitergekommen sei. Nach einem Brandanschlag im April 2011 streite er mit der Versicherung, die ihm mindestens 280.000 Euro Schadensausgleich vorenthalte. Der Lottogewinner habe Hilfe angeboten: „Ich hab‘s ja“.

285.000 Euro habe er danach in mehreren Überweisungen als Darlehen gegeben, die vom Versicherungsgeld zurückbezahlt werden sollten. Wegen des Rechtsstreits habe er sie aber nicht ausgeben können, so dass er 250.000 Euro davon bar zurückgezahlt habe. Erst danach habe es mit dem Lotto-Millionär Streit gegeben, weil 35.000 Euro noch offen waren. Von Erpressung keine Spur.

Das Gericht ließ sich gestern den Tonbandmitschnitt der Aussagen des Belastungszeugen O. vorspielen. Nichts deutet darauf hin, dass die Vernehmungsbeamten Einfluss genommen haben könnten.

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