Gotteshausherr gesucht

Kirche als Einfamilienhaus

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Das Haus Gottes in dem 2600-Seelen-Ort wird von der Gemeinde nicht mehr benötigt - es steht zum Verkauf.

Rodewald - Drei Zimmer, 300 Quadratmeter Wohnfläche: Im Dorf Rodewald im Landkreis Nienburg/Weser wird eine Kirche verkauft. Der neue Eigentümer kann es sich im Kirchenschiff, im Gemeinderaum, der Sakristei sowie in zwei Toilettenräumen und einer kleinen Küche gemütlich machen.

Das Dorf Rodewald im Landkreis Nienburg/Weser ist kein gewöhnlicher Ort. Mit zwölf Kilometern Länge ist er das zweitlängste Dorf Niedersachsens, die Häuser liegen überwiegend links und rechts der Landstraße 192. An einem solch ungewöhnlichen Ort verwundert es nicht, wenn ein ungewöhnliches Einfamilienhaus angeboten wird: Wer will, kann in die katholische Kirche des Dorfs einziehen.

Noch feiert die Gemeinde ihre Gottesdienste in dem geistlichen Gebäude. Doch im Januar nächsten Jahres wird das letzte Gebet gesprochen, der letzte Segen erteilt, die letzte Kollekte gesammelt sein – die Kirche wird profaniert. Das Kircheninterieur werde dann vier bis fünf Wochen später entfernt, sagt Pfarrer Thomas Jung. Übrig bleiben für den potenziellen Käufer drei Zimmer mit mehr als 300 Quadratmetern Wohnfläche. Diese setzen sich aus dem eigentlichen Kirchenschiff, dem Gemeinderaum und der Sakristei sowie zwei Toiletten und einer kleinen Küche zusammen. Alles liegt nach Angaben der Hannoverschen Volksbank, die die Immobilie verkauft, im Erdgeschoss. Lediglich die rund 30 Quadratmeter große Empore ist über eine Treppe zu erreichen.

Das Haus Gottes in dem 2600-Seelen-Ort wird von der Gemeinde nicht mehr benötigt. Wie so viele Kirchen im Land ist auch diese mit dem Namen Heilige Familie ein Opfer klammer Kassen und des demografischen Wandels. „Wir spüren in Rodewald sehr stark das Älterwerden der Gesellschaft“, sagt Pfarrer Jung. Zudem müsse das Gebäude dringend saniert werden. „Das Bistum Hildesheim hat die Entscheidung in unsere Hände gegeben“, sagt Jung. Die Gemeinde habe lange überlegt, aber sie sei zu dem Ergebnis gekommen, dass sich eine große Investition in den Erhalt der 1961 eingeweihten Kirche nicht lohne. 115.000 Euro soll der Verkauf der Kirche, die im Januar des nächsten Jahres entwidmet wird, einbringen. „Den Erlös teilen wir uns mit dem Bistum“, sagt Jung. Für den künftigen Eigentümer ergeben sich wenige Probleme, da die Nachkriegskirche nicht unter Denkmalschutz steht.

Allerdings soll sich die Nachnutzung nicht mit dem geheiligten Ort beißen.„Ein Sexshop oder eine Kneipe dürfen dort nicht einziehen“, sagt Matthias Maszke von der Hannoverschen Volksbank. Das Bistum Hildesheim, zu dessen Gebiet die Kirche gehört, prüfe vor dem Verkauf die Nachnutzung und könne ihr Veto einlegen. Bei Maszke haben sich in den vergangenen Wochen schon einige Interessenten gemeldet – auch außergewöhnliche. Darunter sei ein Autohändler aus Hamburg, der die Kirche nutzen wollte, um Autos auszustellen. Auch ein Pferdebesitzer habe sich gemeldet, der sich das Gotteshaus als Stall ausgemalt hatte. Wer die Kirche hingegen als Einfamilienhaus nutzen will, muss sich auf hohe Heizkosten einstellen oder Zwischendecken einziehen. Ein Nachteil sei auch die Lage, gibt Maszke zu. Die nächste Autobahn sei 20 Kilometer entfernt. „Da muss man schon hinwollen“, sagt der Immobilienmakler. Allerdings finden sich laut Immobilienanzeige in dem Ort ein Kindergarten, eine Grundschule mit Hort, eine Apotheke, Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten sowie Sportstätten und ein Freibad. Infrastruktur ist also vorhanden. Und der spätere Gotteshausherr kann sich über einen rund 4500 Quadratmeter großen Garten freuen. Das klingt nach einem paradiesischen Ort.

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