Hamburgs neuer Erzbischof im Interview

„Kirche muss etwas zu sagen haben“

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„Der Islam als solcher ist für mich keine Bedrohung“: Hamburgs neuer Erzbischof Stefan Heße.

Hamburg - Aus dem tief katholischen Köln in die norddeutsche Diaspora:In einer Woche wird Stefan Heße zum neuen Erzbischof von Hamburg geweiht. Der 48-Jährige gilt als einer der Hoffnungsträger der katholischen Kirche in Deutschland und wünscht sich eine „Kirche, die nicht nur mit sich selber beschäftigt ist“.

Er gilt als einer der Hoffnungsträger der katholischen Kirche:Wenn Stefan Heße am 14. März in sein Amt als Erzbischof von Hamburg eingeführt wird, ist der 48-Jährige der jüngste Bischof der Deutschen Bischofskonferenz. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erzählt der Kölner von ersten Eindrücken in seiner neuen Heimat, von der Botschaft des Christentums und ob er sich demnächst einen Facebook-Account zulegt.

Herr Erzbischof, Sie kommen aus dem tief katholischen Köln in die norddeutsche Diaspora. Welche ersten Eindrücke haben Sie von ihrer neuen Heimat?

Mit Kollegen von Ihnen habe ich einen kleinen Rundgang gemacht:Wir haben den Michel besucht, sind in der Hafencity gewesen, an der Elbe, wir waren im Schauspielhaus und im Rathaus. Dort lief mir dann gleich Bischöfin Kirsten Fehrs in die Arme. Das war wirklich sehr angenehm. Und trotz des Schmuddelwetters habe ich einen angenehmen Eindruck von der Stadt und den Menschen. Die ersten Begegnungen sind vielversprechend.

Im Gegensatz zu Köln sind im Erzbistum Hamburg im Schnitt nur noch sieben Prozent der Bevölkerung katholisch. Wie wollen Sie die Menschen wieder für die Kirche begeistern?

Ich glaube, begeistern kann man nicht allein über irgendwelche Maßnahmen oder Strukturen. Begeistern kann man immer nur, wenn man selber begeistert ist. Man muss den Heiligen Geist in sich wirken lassen und wenn der in einem selber wirkt, kann man mit diesem Geist andere Leute ansprechen. Ich glaube, dass eine der wichtigsten Herausforderungen für uns als Kirche ist, dass wir immer wieder aus uns herausgehen, Kontakt suchen und auf andere zugehen.

Was ist denn die wichtigste Botschaft des Christentums?

Die wichtigste Botschaft des Christentums ist, auf den Punkt gebracht:Gott ist nichts anderes als Liebe. Und jeder einzelne Mensch darf sich von dieser Liebe angesprochen wissen. Und diese Botschaft bringen wir als Kirche nicht nur rational rüber, sondern diese Botschaft bringen wir dadurch rüber, dass wir sie vorleben.

Was sind ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für das Erzbistum in den kommenden Jahren?

Wir müssen eine Kirche sein, die etwas zu sagen hat. Die nicht nur mit sich selber beschäftigt ist, sondern eine Kirche im Aufbruch ist. Einzelne können ziemlich viel bewirken. Ich denke da an den Heiligen Ansgar oder Mutter Teresa. Mutter Teresa, ein winziges Persönchen, hat mit ihrer Idee und ihrem Glauben ganze Erdteile verändert. Das können Christen wirklich zuwege bringen, wenn sie das leben, was sie glauben.

Trotzdem wenden sich viele Menschen von der Kirche ab. Bei ihrer Vorstellung haben Sie von einer „neuen Form der Seelsorge“ gesprochen – Was verstehen Sie darunter?

Ich glaube, dass das hier in Hamburg schon auf den Weg gebracht wurde mit den neuen „pastoralen Räumen“. Es ändert sich ja vieles. Nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft. Deshalb müssen wir uns anders aufstellen und uns überlegen, wie wir die Menschen in ihrer konkreten Lebensweise ansprechen. In den größeren Räumen, mit durchaus weniger Personal und auch mit weniger Finanzen, müssen wir trotzdem ein verlässliches Angebot schaffen. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die eine Sehnsucht nach Stille haben, die auch eine Sehnsucht nach Sinn und Erfüllung haben, nicht immer in der klassischen Form der Messfeier, sondern auch anders.

Welche neue Formen, zum Beispiel auch für Gottesdienste, könnten Sie sich da vorstellen?

Dass eben nicht nur die Messe, die Eucharistie als die Hochform die einzige sein kann. Ich kann mir auch Taizé-Gebete vorstellen, ich kann mir Gottesdienste mit Musik vorstellen, mit darstellender Kunst. Ich kann mir auch vorstellen, dass Musik eine Sprache ist, die viele verstehen. Oder auch Literatur. Ich glaube, dass man über solche Dinge auch Menschen ansprechen kann, da können wir kreativ sein.

Gehören auch die Neuen Medien wie Facebook und Twitter dazu?

Klar, auf jeden Fall. Da sind wir im Erzbistum schon unterwegs. Die Neuen Medien sind auch Mittel, um die Menschen zu erreichen.

Und haben Sie schon selber einen Facebook-Account?

Bisher nicht. Das muss man sich gut überlegen. Die Medien müssen sie ja auch pflegen und da muss man auch was tun. Und da muss ich überlegen, wie ich meine Prioritäten setze. Man kann nicht alles. Da muss ich klug entscheiden:Was tue ich und was lasse ich.

Gerade in der Großstadt (Stichwort: Singlehochburg, Patchworkfamilien etc.) entspricht die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht mehr dem klassischen Familienmodell. Müsste die Kirche hier neue Angebote schaffen?

Da gibt es ja schon Angebote, ich denke an die Ganztagsbetreuung in den Kindergärten oder Gottesdienste zum Valentinstag. Wichtig ist einfach, dass wir den Leuten signalisieren:Wir sind für Euch da. In eurer Lebenswirklichkeit, die ist, wie sie ist. Also es bringt ja nichts, immer zu sagen:„Du musst anders werden.“ Sondern es muss erstmal rüberkommen: „Du bist wie Du bist“ und wir müssen auch Verständnis dafür haben, warum die Leute so sind wie sie sind - und darüber ins Gespräch kommen.

Aber genau da gibt es ja Probleme mit der katholischen Kirche. Offiziell sind einige dieser Lebensformen nicht willkommen, ich denke da zum Beispiel an die wiederverheirateten Geschiedenen, die nicht an der Kommunion teilnehmen dürfen. Meinen Sie, dass es da bei der Familiensynode im Herbst in Rom Fortschritte geben wird?

Ich setze große Hoffnungen darauf. Aber unabhängig von der Familiensynode finde ich schon faszinierend, was so einem Mann wie Papst Franziskus schon vor der Synode gelungen ist. Seit dieser Papst im Amt ist, haben viele Menschen, die bisher dachten, ich habe da keinen Platz in dieser Kirche, wieder den Eindruck, ich gehöre sehr wohl dazu. Wenn wir das vermitteln könnten:Gott steht auf deiner Seite und nimmt Dich an, wie Du bist. Dann hätten wir viel erreicht.

Immer weniger Priester müssen immer mehr Gemeinden betreuen. Sollte daher nicht auch das Thema Zölibat auf die Tagesordnung?

Ehrlich gesagt, halte ich schon viel vom Zölibat. Ich tue mich schwer damit zu sagen: Schaffen wir den ab, dann haben wir die Probleme gelöst. Dem traue ich nicht. Ich glaube, der Zölibat ist eine Lebensform, die man eigentlich nur aus dem Glauben heraus verstehen kann, ich könnte auch sagen aus der Liebe heraus. Da ist ein Mensch so verliebt in Gott, dass er dafür alles einsetzt.

Ihr Bischofssitz, der Mariendom im Stadtteil St. Georg, ist umgeben von Moscheen. Sehen Sie den Islam als eine Bedrohung an?

Der Islam als solcher ist für mich keine Bedrohung. Und deswegen bin ich auch sehr an dem interreligiösen Dialog interessiert. Eine Bedrohung sind für mich immer Menschen, die mit ihrer Religion in fanatischer Weise umgehen.

Viele Christen kehren ihrer Kirche den Rücken. Müssten die katholische und die evangelische Kirche aufgrund dieser Tatsache nicht noch enger zusammenarbeiten?

Ich bin sehr dankbar, dass jetzt gemeinsam die Volksinitiative zum Gottesbezug in der Verfassung von Schleswig-Holstein gestartet wurde, auch mit Muslimen und Juden. Ich unterstütze diese Initiative deswegen, weil ich glaube, dass mit dem Verweis auf Gott zum Ausdruck gebracht wird, dass unser Leben umfassender und größer ist als wir selbst. Dass es ein Ziel hat, dass es einen Sinn hat. Und für diesen Sinn haben wir Christen einen konkreten Namen und das ist Jesus Christus.

Zur Person

Stefan Heße, am 7. August 1966 in Köln geboren, wurde 1993 in der Domstadt zum Priester geweiht. Bis 1997 arbeitete er als Kaplan, danach 2003 als Subregens in einem Theologenkonvikt. 2001 promovierte er in Theologie. Seit 2003 arbeitete Heße im Kölner Generalvikariat. Als Diözesanadministrator leitete er ab Februar 2014 das Erzbistum Köln, bis der neue Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki ernannt wurde. Dieser machte ihn erneut zum Generalvikar. Papst Franziskus ernannte Heße im Januar zum Erzbischof von Hamburg.

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