„Fest des Glaubens“

Kirchentag sucht Antworten auf große Krisen

+
Tausende Menschen nehmen am Schlussgottesdienst des Kirchentags 2015 in Stuttgart teil.

Stuttgart - Fast wie bei einer Sommerparty entfaltet der Kirchentag ausgelassene Stimmung. Doch globale Krisen und das Leid von Flüchtlingen lassen die Besucher nicht kalt. Bei der Suche nach Lösungen gibt es nicht immer eine einhellige Antwort.

Nicht nur an den Wasserzapfstellen oder unter den Feuerwehrfontänen auf dem Konzertplatz - es war ein Evangelischer Kirchentag der Durstigen im drückend heißen Stuttgart. Ein Durst der 135.000 Teilnehmer nicht nur nach Erfrischung, sondern bei den vielen Gebetstreffen und Debatten auch nach einer dringend nötigen Stärkung des Glaubens.

Der droht im Alltag gemessen an den Mitgliederzahlen der Kirche verloren zu gehen - und auch der Kirchentag zählte 20.000 Dauergäste weniger als noch vor zwei Jahren in Hamburg. Dennoch sei es "ein Fest des Glaubens" gewesen, von dem ein Appell des Friedens ausgegangen sei, sagte Kirchentagspräsident Andreas Barner. Zum Abschluss zog ein Open-Air-Gottesdienst noch einmal 95 000 Menschen an.

Die deutschlandweiten Christentreffen sind schon lange kein Ort empörter politischer Proteste mehr. Unter dem Motto "damit wir klug werden" ging es in Stuttgart vielmehr um einen differenzierten Blick auf drängende Fragen.

Antworten zur Flüchtlingsproblematik, dem Kirchenasyl oder globalen Krisen sind für die Kirche nicht mehr so einfach wie zu Zeiten der Nachrüstungsdebatte in den 80er Jahren - das zeigten die Diskussionsforen mit ihrer kirchentagstypischen Ballung von Spitzenpolitikern und Experten. Von einer "neuen Nachdenklichkeit" sprach Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär: Statt publikumswirksamer Antworten seien die Themen in ihrer Komplexität diskutiert worden.

Der plakative Protest in Stuttgart - eine Menschenkette für Frieden mit 1500 Teilnehmern am Samstag und eine Demonstration vor dem Hauptquartier der US-Streitkräfte - wurde denn auch nicht vom Kirchentag, sondern einer Friedensinitiative organisiert. Die Theologin Margot Käßmann, die sich in den Protest einreihte, kritisierte, der Kirchentag habe sich zu wenig dem Thema Frieden gewidmet. Die Organisatoren betonten, niemand sei ausgeschlossen worden, in einer Vielzahl der Foren sei es um Syrien, Flüchtlinge und die Bewältigung von Kriegen und Krisen gegangen.

Auf den Podien war unterdessen eher ein Kuschelkurs angesagt. Zuhörer machten Handyfotos prominenter Gäste oder ließen sich schnell noch ein Autogramm von Ex-Bundespräsident Christian Wulff geben.

Natürlich setzte der Kirchentag wieder auf Zugpferde, die Tausende in die Hallen locken - Margot Käßmann wetterte gegen die Wirtschaft und die Rüstungsindustrie, der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan sprach über die großen Krisen. Und Bundespräsident Joachim Gauck sowie Kanzlerin Angela Merkel waren auch da.

Neben den Massenevents, darunter die großen Open-Air-Gottesdienste und Konzerte, waren es auch die kleinen der rund 2500 Veranstaltungen im Programm, aus denen die Protestanten Kraft schöpfen. "Es ist eine Ermutigung für die Menschen in den Gemeinden vor Ort", meinte Käßmann.

Außerdem ist der Kirchentag eine große Experimentierwerkstatt für die Vermittlung des Glaubens, die schon lange nicht mehr über den klassischen Sonntagsgottesdienst allein funktioniert. Eine ökumenische Beatmesse, eine Rockandacht für Spätaufsteher, ein Workshop zu Gottes Idee von Sex und Liebe oder ein Kabarett "Machs nochmal, Martin" über die fiktive Rückkehr Luthers auf Erden - die Vielfalt der Wege, den Glauben lebendig werden zu lassen, war in Stuttgart fast unbegrenzt.

Nötig ist dies, denn bis 2040 rechnet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit einem Rückgang der Zahl der Protestanten von derzeit 23,4 auf 16 Millionen.

Zu einem stimmungsvollen Abschlussgottesdienst am Sonntag auf dem Cannstatter Wasen - sonst der Platz für Deutschlands zweitgrößtes Volksfest - kamen noch einmal jede Menge Gläubige. Laut Veranstalter wollten 95 000 Menschen zusammen beten. "Das war ein unglaubliches Gefühl von Gemeinschaft, das ich nie vergessen werde", meinte eine Besucherin zu ihren Erlebnissen. 2017 kommt der Kirchentag dann nach Berlin und in die Luther-Stadt Wittenberg. Dort steht das 500-jährige Reformationsjubiläum im Mittelpunkt.

Von Michael Evers und Monika Wendel/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare