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Kirmes in Kabul

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Kabul - Mit Afghanistan und seiner Hauptstadt verbinden die meisten Menschen ein eher freudloses Leben, geprägt von der Herrschaft der Taliban und später folgenden Terroranschlägen. Umso überraschender ist die Tatsache, dass es in Kabul auch eine Kirmes gibt. Sehr zur Freude der Menschen dort.

Der Alltag in Kabul bietet nicht viel Freude: Die Anschlaggefahr ist ständiger Begleiter, das Freizeitangebot ist dürftig. Doch hier, im Westen der afghanischen Hauptstadt, sind Freudenschreie auf der Straße zu hören. Sie stammen von den Besuchern des "City Park", Afghanistans neuestem Rummelplatz. 30 Afghani, rund 40 Euro-Cent, kostet der Eintritt ins Spaßparadies - das den Menschen ein paar Stunden Abwechslung vom harten Leben bietet.

Der "City Park" liegt eingezwängt zwischen einer Hauptstraße und dem Kabul-Fluss, der im Winter dank der Regenfälle nicht nur Müll, sondern auch Wasser führt. In der Nachbarschaft liegt der triste Kabuler Zoo, wo das Krokodil aus Plastik ist und das einzige Schwein ein sehr einsames Leben lebt. Vor dem Eingang des Rummelplatzes treibt einSchäfer seine Schafe vorbei. Hinter der Schafherde bietet ein Verkäufer Ballons feil.

Vom Krieg ist kaum etwas zu spüren auf der Kirmes. Das Kettenkarussell dreht sich, die Schiffsschaukel lässt nicht nur Jungenherzen höherschlagen, im Autoscooter prallen Jugendliche beiden Geschlechts aufeinander. Das Riesenrad erlaubt einen Blick von oben auf die Stadt - wenn auch nur aus den vergitterten Luken der eiförmigen Kabinen.

Daneben verdreht ein Kraken-Karussell Afghanen den Kopf, von denen manche dem Schwindel zu trotzen versuchen und Selfies mit ihren Handys schießen. Die zwölfjährige Madina strahlt übers ganze Gesicht, als sie aus der Krake kommt. "Es ist wunderbar", sagt sie.

Über die Längsseite des Rummels führt eine Bahn, die nur auf den ersten Blick an die "Wilde Maus" erinnert: Sie hat keine Kurven auf der Strecke und bewegt sich eher in Zeitlupe. Überhaupt drehen sich die Karussells im "City Park" langsamer, als man es aus dem Westen kennt. Der Freude tut das erkennbar keinen Abbruch. Vielleicht haben die afghanischen Besucher im Alltag schon genug Adrenalin-Stöße.

Dass manche Attraktionen aus westlicher Sicht eigenwillig wirken, mag ihrer Herkunft vor allem aus China geschuldet sein: Etwa das Karussell, wo Besucher in übergroßen Tassen sitzen, die sich um ihre eigene Achse und zugleich um eine gigantische Teekanne drehen.

Im "7 D"-Erlebnis-Kino erfordert der gruselige Genuss von Streifen wie "Blutige Straße Zwei" und "Kürbisgeist" offenbar mehr als drei Dimensionen. Dass manche der Kirmes-Besucherinnen Burka und einige der Wachmänner Schnellfeuergewehre tragen, erinnert dann doch daran, dass der Rummelplatz in Kabul liegt - und dass das Gruseln außerhalb der stacheldrahtbewehrten Zäune oft Realität ist.

Natürlich habe er Sorge, dass der Rummel - wo Frauen und Männer gemeinsam ihre Freizeit verbringen - zum Ziel von Anschlägen werden könnte, sagt "City Park"-Chef Dschawid Karim Esmati. Drohungen der Taliban habe er aber "noch nicht" bekommen. "Das ist ein Freizeitpark", sagt Esmati. "Sogar einige Mullahs kommen hierhin." Am Tag danach reißt ein Selbstmordattentäter am gegenüberliegenden Flussufer sechs afghanische Soldaten mit in den Tod.

Zur Eröffnung im Herbst, wenn es in Kabul tagsüber noch warm ist, besuchten täglich bis zu 12.000 Menschen den "City Park". Jetzt - im kalten Winter - sind es laut Esmati bis zu 2000. Einer davon ist Haschmatullah. Er verbringt seinen Freitag, der in Afghanistan dem deutschen Sonntag entspricht, auf der Kirmes. Er bete dafür, dass es keinen Anschlag geben werde - weder auf dem Rummelplatz noch anderswo. "Das ist der beste Ort, um sich in Kabul zu erholen", sagt der 20-Jährige. "Ich sehe hier nur Menschen, die lächeln."

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