Klassik im Knast

Klavierstunden im Jugendgefängnis sollen Häftlinge stärken

+
Foto: Die Internationale Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation ermöglicht Klavierstunden in rund 15 deutschen Frauen- und Jugendgefängnissen.

Hameln - Im größten Jugendgefängnis Deutschlands studieren verurteilte Schläger und Räuber gefühlvolle Stücke am Klavier ein. Das Projekt „Musik hinter Gittern“ will Gefangene emotional ansprechen und stark machen – für ein Leben in Freiheit ohne weitere Straftaten.

In ihrem Leben vor dem Knast hätten die jungen Männer nicht im Traum daran gedacht, Klavierstunden zu nehmen. Sie warfen Drogen ein, raubten andere Jugendliche aus oder schlugen sie brutal zusammen. Jetzt verbüßen die fünf 18- bis 22-Jährigen ihre Haftstrafen in der Jugendanstalt Hameln - und treffen sich einmal in der Woche zum Unterricht bei Klavierlehrer Georgi Dimitrov. Der Klavierraum ist eine Oase im größten Jugendgefängnis Deutschlands: Es ist zwar eng hier, das Fenster ist vergittert, doch die Musik lässt die Schüler für ein paar Stunden vergessen, wo sie sind.

Die Internationale Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation ermöglicht Klavierstunden in rund 15 deutschen Frauen- und Jugendgefängnissen. Ziel ist es, die Resozialisierung zu fördern. Immer wieder geben hochkarätige Musiker auch klassische Konzerte in diesen Anstalten, auch die inhaftierten Klavierschüler spielen dann vor. „Meine Schwester hat nach meinem Auftritt geweint“, erzählt Andreas mit dem Format eines Türstehers. „Ich hatte vor der ersten Klavierstunde Angst, dass meine Finger zu dick zum Spielen sind. Aber es klappt ganz gut.“

Die Warteliste für das Projekt ist lang. Mitmachen dürfen Häftlinge, die noch mindestens ein Jahr im Gefängnis sind und sich gut benehmen. Eine Gefährdung der Sicherheit ist auszuschließen, denn sie sind mit dem Klavierlehrer allein. Anstaltsleiterin Christiane Jesse beobachtet, dass die Musik etwas bei den Straftätern bewirkt. „Sie werden offener, selbstbewusster und bauen Ängste ab.“ Gewaltprävention sei wie bei allen Freizeitaktivitäten ein Nebeneffekt, sagt die Psychologin. Mehr als 60 Prozent ihrer Kunden sind wegen eines Gewaltdelikts hier. Jede körperliche Auseinandersetzung oder Misshandlung im Knast wird bei der Polizei angezeigt.

Beim Projektstart vor sechs Jahren wurden die Schüler einzeln zum Lehrer geführt. Mittlerweile hat Dimitrov gemeinsamen Unterricht durchgesetzt. „Musik ist eine soziale Sache“, betont der Inhaber einer Klavierschule und bringt stets Cola und Chips mit. Die Stimmung ist ruhig und konzentriert, die Stücke meist Balladen. Andächtig lauschen alle, wenn sich Arthur an das Grotrian Steinweg Piano setzt. „Er hat drei Stücke selbst geschrieben, die sind traumhaft schön“, sagt der Lehrer.

Arthur hat wie seine vier Mitschüler ein Keyboard für die Zelle bekommen. Wenn er nachts stundenlang bei offenem Fenster spielt, machen andere Gefangene den Fernseher in ihren Zellen aus und hören zu, berichten die Kollegen. Das Klavier hat Arthur verändert. Der vorher aufsässige Einzelgänger sieht nun eine Perspektive und träumt von einem Musikstudium. Einiges an Musiktheorie hat er sich mit Hilfe von Büchern schon beigebracht.

„Alles was gut laufen könnte, läuft gut. Aber hier im Knast ist die Messlatte auch tief gelegt“, sagt der Pianist mit den kurz geschorenen Haaren und den selbstgestochenen Tätowierungen an den Fingern. Im Klavierraum wirkt er wie ein schüchterner Künstler, nicht wie ein Straftäter mit dicker Akte. Kulturprojekte im Knast sind meist von Ehrenamtlichen und externen Geldgebern abhängig. Mehr als 100.000 Euro jährlich flossen in den vergangenen 15 Jahren in das Projekt „Musik hinter Gittern“, unter anderem sind Anstalten in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern beteiligt.

Dem Stifter Erich Fischer geht es um die Humanisierung des Strafvollzugs. „Die jungen Menschen lernen am Klavier Disziplin, Ausdauer und merken „Da funktioniert was““, sagt Hartmut Zimmermann, Mitglied der Stiftungsleitung. Sie erlebten Wertschätzung und entwickelten Vertrauen in die eigene Leistung. „Unser Ziel ist nicht, Berufsmusiker auszubilden, aber in Hameln ist jetzt vielleicht sogar einer dabei.“

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare