Todespfleger Niels H.

Klinik Delmenhorst weist Mitschuld von sich

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Foto: „Wir müssen lernen, hinzuschauen“: Der Anwalt des Klinikums Delmenhorst, Erich Joester, und Geschäftsführerin Sonja Drumm äußerten sich zum Fall Niels H.

Delmenhorst - Mehr als drei Monate nach dem Beginn des Mordprozesses gegen den sogenannten Todespfleger Niels H. herrscht im Klinikum Delmenhorst noch immer Ratlosigkeit. Das Krankenhaus will keine Indizien für eine Mordserie erkannt haben.

Ihr Statement las sie vom Blatt ab, für die anschließende Befragung hatte sie sich juristischen Beistand mitgebracht. Mit Geschäftsführerin Sonja Drumm hat sich am Freitag erstmals das Klinikum Delmenhorst öffentlich zum Fall des sogenannten Todespflegers Niels H. geäußert. Der Anwalt der Klinik, Erich Joester, wies eine Mitschuld des Krankenhauses an der möglichen Mordserie auf der Intensivstation zurück.

Pfleger Niels H. arbeitete von Dezember 2002 bis Juli 2005 in dem Klinikum. Seit September dieses Jahres steht er wegen zweifachen Mordes und dreifachen Mordversuchs vor dem Landgericht Oldenburg. Die Anklage wirft ihm vor, den schwer kranken Patienten im Klinikum Delmenhorst ohne Befugnis das Herzmittel Gilurytmal gespritzt zu haben, das zu Atemstillstand und zum Tod führen kann. Der Angeklagte schweigt im Gericht. In der bisherigen Beweisaufnahme wurde deutlich, dass der ehemalige Krankenpfleger für wesentlich mehr Todesfälle verantwortlich sein könnte.

178 Verdachtsfälle

Inzwischen gibt es nach Angaben des niedersächsischen Justizministeriums 178 Verdachtsfälle. In der Stellungnahme von Krankenhauschefin Drumm wurde deutlich, dass mehr als drei Monate nach dem Beginn des Mordprozesses in der Klinik noch immer Ratlosigkeit herrscht. Sie hat das Amt erst im Mai dieses Jahres übernommen. „Ohne ein Geständnis des Angeklagten wird eine annähernd vollständige Aufklärung wohl nie gelingen.“ Sie nannte Niels H. „einen fehlgeleiteten Einzeltäter“ und wies darauf hin, dass die damalige Klinikleitung bereits 2005 die Ermittlungsbehörden auf eine erhöhte Zahl von Todesfällen hingewiesen habe.

Dass es in dem Krankenhaus eine Mordserie geben könnte, sei während des möglichen Tatzeitraums aber „für Delmenhorst nicht zu ersehen“ gewesen, sagte Anwalt Joester. Er widersprach Vorwürfen, die damalige Leitung des Hauses hätte durch den erhöhten Verbrauch des Mittels Gilurytmal auf die Vorfälle auf der Intensivstation aufmerksam werden können. Das Mittel sei 2002 bereits per PC bestellt und der Vorgang durch ein Passwort gesichert gewesen. Gleichwohl sei das Medikament auf der Station vorrätig und damit selbstverständlich auch für den Pfleger zugänglich gewesen, erläuterte Joester. Er forderte eine Änderung der Standards und gesetzlichen Regelungen. „Auf den Intensivstationen müssen viele Dinge geändert werden. Wir müssen lernen, hinzuschauen.“

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte gestern, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Niedersächsischen Landtags einzusetzen. Schließlich gehe es nicht nur um das Versagen der Justiz, sondern auch um ein Versagen der Krankenhäuser, in denen der mutmaßliche Täter gearbeitet hat, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Auch müsse sich der Landtag damit beschäftigen, wie solche Tragödien künftig vermieden werden könnten. Die Sonderkommission „Kardio“ sucht nach Aussage eines Polizeisprechers zurzeit nach weiteren Arbeitsstätten des Pflegers. In dieser Woche war bekannt geworden, dass Niels H. auch nach seiner Festnahme 2005 noch als Krankenpfleger gearbeitet hat. Nach einer Beschwerde der Verteidigung sei er im September 2005 auf freien Fuß gekommen, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Oldenburg, Carolin Castagna. Zwischen Januar und Juli 2008 arbeitete er in einem Altenheim in Wilhelmshaven. Das Berufsverbot gegen Niels H. gilt erst seit Dezember 2008.

Von Vera Jansen und Kristian Teetz

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