Saisonkräfte

Knochenjob mit Meerblick

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Rudolf Fritz mit 25 Jahren bereits Küchenchef.

Spiekeroog. - Ohne sie läuft an der Nordseeküste nichts. Wer an der Nordseeküste kellnert oder kocht, muss Überstunden und geringe Bezahlung in Kauf nehmen. Dafür gibt es Sonne, Strand und Wellen satt.

Bloß weg. Nichts wie runter von der Insel. Das waren ihre ersten Gedanken. Ihr Zuhause, ihre Freunde, ihre Eltern: Alles das war mehr als 600 Kilometer weg. Die Arbeit war lang und anstrengend, Schluss war erst spät am Abend. Und dieses eigenartige Meer, das mal da war und mal nicht, war ihr auch kein Trost. „Beinahe“, sagt Stephanie Dultz, „hätte ich das Ganze damals gleich wieder abgebrochen.“

Die junge Frau lächelt. Neun Jahre liegt all dies zurück. 18 war sie damals. Heute ist sie 27. Stephanie Dultz ist immer noch da, oder besser: schon wieder. Zum neunten Mal. Ein wenig ist alles wie damals. Hinten, am Ende des Tranpads, beginnt das Dünenwäldchen, Kiefern auf sandigem Grund, auf der Terrasse der „Dünenklause“ sind fast alle Plätze besetzt. Nur dass Stephanie Dultz heute im Gegensatz zu damals euphorisch sagt: „Einmal Insel, immer Insel.“ Was sie zu einem Glücksfall für ihren Chef macht.

Die Frau mit dem leichten sächsischen Zungenschlag ist eine sogenannte Saisonkraft - und damit ein äußerst begehrtes Gut an der Nordseeküste. Ohne sie geht es nicht: Niemals könnten zum Beispiel die gerade mal rund 700 Spiekerooger allein all die Gäste bewirten und beherbergen, die zum ersten Saisonhöhepunkt zu Pfingsten an die Küste kommen. Rund 150 dieser Saisonkräfte sind allein auf Spiekeroog im Einsatz, mehrere Tausend werden an der gesamten Küste gebraucht.

Es wird jedoch immer schwerer, die wichtigen Helfer zu bekommen - ihre Verfügbarkeit entscheidet inzwischen über Wohl und Wehe des Geschäfts. „Wer ein Restaurant öffnen will, bangte früher um den Kredit von der Bank“, sagt Georg Germis, Vorsitzender der Hotel- und Gaststättenverbandes auf Spiekeroog. „Heute ist die wichtigste Frage: Hast du überhaupt die Arbeitskräfte dafür?“

Leicht war es noch nie, Mitarbeiter für einen temporären Einsatz auf den Inseln zu gewinnen. Lange Arbeitszeiten, Sechstagewoche, die absehbare Arbeitslosigkeit im Winter, dazu das Leben in der Fremde: Alles das schreckt von jeher viele ab. Zurzeit haben Hoteliers und Restaurantbesitzer aber noch einen besonders mächtigen Gegner: Die gute Konjunktur in Deutschland. Man möge ihn nicht falsch verstehen, bittet Dehoga-Chef Germis: „Aber wenn die Arbeitslosigkeit höher ist, haben wir es in diesem Punkt einfacher.“

Auch Stephanie Dultz kam eher aus Verzweiflung nach Spiekeroog: Die Dresdnerin fand nach ihrer Ausbildung zur Restaurantfachfrau in einem Vier-Sterne-Hotel keine Stelle. Die Anfrage aus Spiekeroog erreichte sie damals über einen Bekannten ihrer Chefin. Auf umständliche Formalitäten verzichtete ihr neuer Arbeitgeber damals großzügig, erinnert sich Stephanie Dultz: „Am Telefon war die einzige Frage: ‚Wann kannst Du anfangen?‘“

Inzwischen gehört die Zeit auf der Insel für sie fest zu ihrem Leben. Im Winter, in ihrer Heimat, arbeitet sie auf dem Dresdner Striezelmarkt oder springt zu Spitzenzeiten in Restaurants ein. Von Anfang März bis Ende Oktober ist sie hier, auf der Insel - und genießt die Vorzüge: Macht an sonnigen Tagen wie diesen in der Nachmittagspause einen Abstecher ans Wasser. Oder sie trifft sich nach Dienstschluss noch mit anderen Saisonkräften am Strand. „Ich bin absolut zufrieden hier“, betont sie. Aber sie sagt auch: „Es ist schon eine Typfrage, ob man hier zurechtkommt.“

Und was sind das für Typen, die das Saisonkraftdasein schätzen? Die womöglich gar immer wiederkommen, trotz aller Erschwernisse? Da sind zum Beispiel die, für die die Arbeit hier ein Karrieresprungbrett ist. Rudolf Fritz ist 25 Jahre alt, seit drei Jahren ausgelernter Koch - und hier bereits Küchenchef in einem angesehenen gutbürgerlichen Restaurant. Nach seiner letzten Station in St. Anton in Österreich wollte der Wilhelmshavener wieder näher an die Heimat. Langweiliges Inselleben? Für ihn ein Trugschluss. Eine Flamme lodert unter der Pfanne hervor, es ist heiß in der Küche. „Wenn mittags die ersten Bons reinkommen, knallt’s hier richtig“, sagt er. Bei den abendlichen Feiern mit Kollegen, so kann man heraushören, ist es kaum anders.

Wieder andere suchen sich die Insel bewusst als ruhigen Gegenpol zu einem bisher nomadischen Leben. Kathrin Gajewski sitzt im Spiekeroog-Polohemd im „Haus des Gastes“ und berät Besucher über Inselwanderungen und Vortragsabende. Die 26-jährige Hotelfachfrau aus Dresden arbeitete nach ihrer Lehre drei Sommer auf Mallorca und die Winter in Österreich, absolvierte ein Praktikum in Ecuador und fuhr auf einem Kreuzfahrtschiff durchs Mittelmeer - fasst zu viel des Unterwegsseins: „Ich wollte eigentlich immer zu Hause bleiben.“ Inzwischen studiert sie an einer Fernuni Gesundheitstourismus - und hofft, auf der Insel möglichst wenig abgelenkt zu werden: „Bis zur Prüfung in zwei Jahren will ich bleiben.“

Um Mitarbeiter wie sie zu finden, schickt die Emder Agentur für Arbeit ihre Berater inzwischen bis nach Tschechien. Seit einigen Jahren kommen immer mehr Osteuropäer als Saisonkräfte auf die Inseln. Ihr Einsatz hat allerdings Grenzen: Zumindest beim Kontakt mit Gästen ist tadelloses Deutsch Pflicht. Der Inselbesucher ist anspruchsvoll - zu Stephanie Dultz’ Gästen zählte lange auch der verstorbene Altbundespräsident Johannes Rau, dessen Haus gleich gegenüber liegt.

Stephanie Dultz dürfte der Insel noch eine Weile erhalten bleiben - was auch daran liegt, dass sie inzwischen mit ihrem Freund, von Beruf Koch, zusammen nach Spiekeroog kommt. Inzwischen planen sie sogar, komplett auf die Insel überzusiedeln. „Man kann hier“, so haben sie festgestellt, „doch einfach ziemlich gut leben.“

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