Unglücksursache des Fluges MH17

„Können Sie mich hören?“

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„Im nächsten Schritt werden wir physische Beweismittel sammeln, die zu gegebener Zeit vor Gericht präsentiert werden können“: Noch immer steht die Absturzstelle unter ukrainischer Kontrolle.

- Ein gespenstischer Dialog, „schnell fliegende Objekte“ und 298 Tote: Der Bericht zum Absturz in der Ukraine gibt erste Antworten. Die richtigen?

Es ist ein Meer aus weißen Luftballons, das in den Himmel steigt. „Wir können sie nicht vergessen. Viele waren noch so jung“, sagt Erik, 85-jähriger Einwohner aus dem niederländischen Hilversum, der auch an diesem Tag wieder auf den Marktplatz gekommen ist. Viele der Todesopfer stammten aus diesem Ort. Sie alle starben auf dem Weg in den Urlaub, zu Familienbesuchen, zu einem Aids-Kongress. Sie alle waren am 17. Juli an Bord der Boeing 777-200 der Malaysia Airlines, als diese zu ihrem zwölfstündigen Flug nach Kuala Lumpur startete.

Auch in der malaysischen Hauptstadt geht das Leben fast zwei Monate nach der Flugzeugkatastrophe noch lange nicht seinen gewohnten Weg. Die vielen Tausend Touristen, die jeden Tag die Petronas Towers, das zweithöchste Gebäude der Welt, besuchen, müssen an einer Bushaltestelle mit einem überdimensionalen Plakat vorbei. Es zeigt die Umrisse eines Flugzeugs und die Worte „Wir trauern.“ Hunderte haben auf der weißen Fläche unterschrieben. Knapp zwei Monate sind vergangen, die Wunden sind noch frisch. Daran ändert auch der lange erwartete Zwischenbericht über die Unglücksursache nichts, der gestern in Den Haag veröffentlicht wurde.

Er ist wohl mehr als Versuch gemeint, endlich Antworten auf die bohrenden Fragen der Angehörigen und Freunde von 298 Toten zu finden. Aber er lässt zugleich vieles offen. Um die Lücken zu schließen, müssten die Ermittler Trümmerteile einsammeln und untersuchen. Bislang aber ist ihnen der Zugang verweigert worden. Und so mussten sie die die Schäden anhand Fotos analysieren, die ukrainische und malaysische Experten auf eigene Faust von den Wrackteilen gemacht haben.

Das Wort, auf das alle gewartet haben, taucht in dem 34-seitigen Bericht gar nicht auf: Rakete. Und doch deutet offenbar alles darauf hin, dass die Boeing abgeschossen wurde. Die ersten Indizien hat nun das 25-köpfige Ermittlerteam unter Leitung des Dutch Safety Board (DSB) schwarz auf weiß vorgelegt: „Die bisherigen Ergebnisse der Untersuchung weisen auf eine externe Ursache hin.“ Weiter heißt es: „Die Art des Schadens, der im Flugzeugrumpf zu beobachten war, passt nicht zu bekannten Betriebsfehlern am Flugzeug, den Triebwerken oder dem System.“

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte reagiert auf die Veröffentlichung der ersten Untersuchungsergebnisse wie auf einen Freispruch: „Es ist gut zu wissen, dass der Flug normal verlief und die Ursache von außen kam.“ Rutte hatte sich immer wieder fast schon verzweifelt bemüht, den Opfern den Beistand der Regierung, vor allem aber deren Entschlossenheit zu signalisieren, die Schuldigen zu finden. Von einem „barbarischen Akt“ sprach er erst vor einer Woche, als das Parlament in der ersten Sitzung nach der Sommerpause der Toten gedachte.

Was also passierte wirklich mit Flug MH17?

Es ist 12.31 Uhr (Ortszeit) am 17. Juli, als der Jet mit 298 Menschen an Bord vom Flughafen Amsterdam-Schiphol abhebt. Die ersten drei Stunden verlaufen völlig normal. Der Stimmenrekorder verzeichnet keine Warnsignale im Cockpit, die Crew tauscht routinemäßig technische Informationen aus. Gegen 15.08 Uhr befindet sich MH17 im Osten der Ukraine im Bereich der Flugkontrolle Dnipropetrowsk. „Malaysian eins-sieben meldet sich für Flugfläche 330“, lautet der erste Funkspruch, der die Kontrolleure erreicht.

Ein Lotse bestätigt, dass er die Maschine auf dem Schirm hat. Um 15.19 Uhr weist er den Piloten an, „wegen Flugverkehrs bitte direkt zum Wendepunkt Romeo-November-Delta“ zu fliegen. MH17 empfängt die Nachricht „klar und deutlich“. Als der Mitarbeiter der Luftraumüberwachung eine Minute später den Jet noch einmal ruft, antwortet die Crew nicht mehr. In fast 11 000 Metern Höhe wird die Boeing 777 um diese Zeit von mehreren „schnell fliegenden Objekten durchlöchert“. Die Beschädigungen sind so gravierend, dass die Boeing auseinanderbricht, explodiert und in Einzelteilen auf die Erde stürzt. In den Leichen werden später Tausende Metallsplitter entdeckt.

Die nüchterne Chronik der Katastrophe schweigt zur Frage, wer für den Abschuss verantwortlich sein könnte. Aber die Fakten sind vielsagend. Viele kleine Einschlagsstellen sind beispielsweise typische Schäden, wie sie bei einem Angriff mit einer Rakete vorkommen, die kurz vor dem Ziel explodiert. Dazu gehören auch die Boden-Luft-Geschosse vom Typ BUK-M2, wie sie die pro-russischen Separatisten noch wenige Tage zuvor im Internet stolz präsentiert hatten. Die Waffe stammt aus russischer Produktion. Es gibt tragbare Varianten, die keine große Höhe erreichen. Aber die prorussischen Rebellen hatten das stationäre System gezeigt, das bis zu 22 Kilometer hochsteigen kann. Unmittelbar nach der Katastrophe am Himmel über Donezk sind die Bilder plötzlich aus dem Netz verschwunden.

Der Versuch Moskaus, ukrainische Abfangjäger für den Abschuss verantwortlich zu machen, ist nach Angaben von Experten durch den Untersuchungsbericht als Irreführung bloßgestellt. In den Ausführungen des DSB heißt es: „Laut den Radardaten befanden sich zum Zeitpunkt drei zivile Flugzeuge im selben Kontrollraum wie MH17. Alle wurden von der Kontrolle in Dnipropetrowsk überwacht. Um 15.20 Uhr war die nächste Maschine 30 Kilometer entfernt.“ Von einem Militärjet wird in dem Funkverkehr nichts erwähnt.

Die ukrainische Luftwaffe ist größtenteils mit Maschinen vom Typ Suchoi Su 25 ausgestattet. Dabei handelt es sich um ein 40 Jahre altes Flugzeug, das über keine Stealth-Technologie verfügt, die eine Annäherung ohne Radar-Identifizierung möglich machen würde. Dieses Kampfflugzeug hätte sich darüber hinaus bis auf fünf Kilometer der malaysischen Maschine nähern müssen, um - beispielsweise - auf den Jet schießen und diese Beschädigungen verursachen zu können. Das hätte die Flugkontrolle mitbekommen.

Doch die Ermittler wissen, dass ihre Darstellung nur vorläufig ist. Bisher konnten sie keine Wrackteile untersuchen, weil diese unter Verschluss gehalten werden, die Unglücksstelle nicht zugänglich ist. Das könnte sich ändern, wenn die Fahnder sich demnächst mit den Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten zusammentun. Denn dort weiß man ganz offensichtlich längst mehr.

Der malaysische Premierminister Najib Razak kündigte jedenfalls vor einigen Tagen an: „Uns liegen Geheimdiensterkenntnisse zum Schicksal von MH17 vor, und diese Berichte sind schlüssig.“ Und wieder forderte Razak gestern uneingeschränkten Zugang zur Absturzstelle. Es sei ausgesprochen wichtig, „alle sterblichen Überreste zu bergen, die Untersuchung abzuschließen und die Wahrheit zu ermitteln“.

Unterstützung erfährt er vom australischen Regierungschef Tony Abbott: „Im nächsten Schritt werden wir physische Beweismittel sammeln, die zu gegebener Zeit vor Gericht präsentiert werden können. Mit ihnen werden wir ohne jeden Zweifel nachweisen, dass das Flugzeug mit einer Rakete abgeschossen wurde.“ Die Angehörigen der Opfer müssen weiter auf eine schlüssige Antwort warten.

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