Zukunftsforschung

Und was kommt jetzt?

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Foto: Prophezeiungen
 
sind ein riskantes Geschäft.

Hannover - Zukunftsforscher sind die Wahrsager unter den
 Wissenschaftlern – doch Prophezeiungen
 über fliegende Autos oder Internetkühlschränke 
sind ein riskantes Geschäft.

Kurz kneift er die Augen zusammen, dann blickt er aus dem Fenster in die Ferne. Für einen Moment wirkt er, als entdecke er dort etwas, das nur er sehen kann. „Nein, ans fliegende Auto glaube ich nicht“, sagt Jens Hansen. „Nicht als Massenprodukt. Nicht in den nächsten Jahrzehnten.“

Der 38-Jährige steht in seinem Büro zwischen Designerlampen und Sperrholzmöbeln. Nebenan sitzen junge Leute mit Hornbrillen und Strickmützen hinter Bildschirmen. Designer, Programmierer, kreative Köpfe. Lounge-Musik perlt aus Lautsprechern, die nicht wie Lautsprecher aussehen. Der stylische „Coworking-Space Edelstall“ im schicken Teil von Hannover-Linden ist eine Bürogemeinschaft eigener Art. Etwas für Leute, die „the next big thing“ suchen. Ein Ort für Zukunftsforscher wie Jens Hansen.

Im Studium – Betriebswirtschaft und Politik – hat er sich mit Globalisierung und den Risiken von Weltraumwaffen beschäftigt. Später machte er sich mit seiner Firma Zukunftsstark selbstständig. „Es geht darum, Trends aufzuspüren“, sagt er. Wer heute weiß, was morgen sein wird, hat die Nase im Wettbewerb vorn. Je schneller sich die Welt wandelt, umso wichtiger wird das. Zukunftsforschung ist eine Zukunftsbranche: „Die Traditionsfirma Kodak ist gescheitert, weil sie nicht rechtzeitig auf Digitalkameras gesetzt hat“, sagt Hansen. Deshalb engagieren Unternehmen Zukunftsforscher wie ihn. Hansen hält Vorträge vor Unternehmensverbänden, besucht Messen und Konferenzen, organisiert Workshops für Firmen. Gerade schreibt er an einem Buch über die Zukunft.

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem „autonomen Auto“ – Fahrzeugen, die niemand lenken muss und die ganz ohne Fahrer ihr programmiertes Ziel ansteuern. „Die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch, dass sich autonome Autos am Markt durchsetzen und andere Modelle verdrängen“, glaubt Hansen. Große Autobauer forschen längst daran, es gibt bereits Prototypen – und der Nutzwert für ganz normale Familien, findet Hansen, ist immens: Die Eltern können das Auto unbemannt losschicken, um das Kind von der Schule abzuholen. Familien, die bisher zwei Autos brauchten, könnten künftig eines sparen – oder sich ihren Wagen gar mit anderen teilen. Wenn Autos nicht mehr sinnlos auf Abstellflächen warten müssen, sondern fahrerlos von Nutzer zu Nutzer pendeln, werden Parkhäuser überflüssig. Busse und Bahnen bekommen Konkurrenz, und der Umsatz der Autobauer sinkt: „Die Autobranche“, sagt Hansen, „steht vorm größten Umbruch ihrer Geschichte.“

Seit jeher wollen Menschen in die Zukunft schauen, den Schleier lüften, der das Kommende verbirgt. Jede Art von Planung basiert ja ganz unwillkürlich auf Vermutungen, was irgendwann irgendwo passieren wird. Wahrsager versuchen, getrieben von menschlicher Neugier, dem Schicksal in die Karten zu gucken – oft mit dem paradoxen Ziel, gerade durch Vorhersagen das Vorhergesagte zu verhindern. Zukunftsforscher hingegen versuchen, auf Grundlage validen Datenmaterials seriöse Prognosen zu treffen. Dabei bewegen sie sich irgendwo zwischen Soziologie und Ingenieurswesen, Psychologie und Betriebswirtschaft – und man tut ihnen nicht Unrecht, wenn man sagt, dass doch auch ein wenig Spökenkiekerei in ihr Geschäft hineinspielt.

„Über die Megatrends sind sich die meisten Zukunftsforscher weitgehend einig“, sagt Hansen. Der Fachterminus „Megatrends“ bezeichnet ein gutes Dutzend langfristiger, umfassender Konstanten des Wandels: Globalisierung und digitale Vernetzung gehören dazu, aber auch gewaltige Fortschritte im Gesundheitswesen. Oder die Notwendigkeit, Energie zu sparen. Oder die Neujustierung der Geschlechterrollen. Interessant wird es an den Schnittmengen mehrerer Megatrends: „Das fliegende Auto etwa widerspricht gleich zwei Megatrends: dem zur Ressourcenknappheit und dem zur Verstädterung“, sagt Hansen. Daher gibt er solchen Energiefressern, die sich für kurze Distanzen kaum lohnen, keine Chance. Das autonome Auto hingegen passe perfekt in die Megatrends zur Digitalisierung, zur Mobilität und zum Energiesparen. Behält Hansen recht, tun sich damit ganz neue Geschäftsfelder auf. Denn wer wird fahrerlose Autos bauen und via Satellit durch den Verkehr lotsen? Google? Die Deutsche Bahn? Eine Allianz von Volkswagen und Facebook?

Ähnlich epochale Umwälzungen könnten uns 3-D-Drucker bescheren, die aus Pulver oder Flüssigstoffen dreidimensionale Gegenstände aufbauen: Alte Handwerkstechniken wie Gießen oder Schweißen könnten damit obsolet werden. Montage, Logistik – all das lässt sich sparen, wenn Kunden künftig eine im Internet entdeckte Küchenlampe bequem daheim ausdrucken können. „Diese Verfahren brauchen noch etwas Zeit, aber es wird einen großen Umbruch geben, der viele Branchen erfasst“, prophezeit Hansen. „Dentallabore oder Goldschmiede sind davon teils jetzt schon betroffen.“

Große Erwartungen setzt der Zukunftsforscher auch in die Bildungsrevolution: Die Megatrends zur Wissensgesellschaft und zur Digitalisierung könnten klassische Schulbuchverlage in Bedrängnis bringen. Wird im digitalisierten Klassenzimmer jedes Kind seine eigene Lerngeschwindigkeit haben? Und welche Chancen bietet das Onlinewissen für abgelegene Dörfer in der Dritten Welt?

Mit ganz ähnlichen Fragen beschäftigen sich auch die Trendforscher vom Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Institut. Forschungsleiterin Karin Frick hat beispielsweise einen Trend zu bewusster Ernährung ausgemacht: „Wir sehen ein zunehmendes Bewusstsein für Qualität“, sagt sie. Hinzu kommt die Moralisierung von Essen: Immer mehr Menschen fragten nach der Nachhaltigkeit von Nahrung. „Darauf müssen auch die großen Hersteller achten“, sagt sie. Außerdem greife die Flexibilisierung des Lebens um sich. Insbesondere in der Arbeitswelt lösten sich Grenzen auf: Man bleibt nicht mehr lebenslang bei einem Arbeitgeber oder an einem Wohnort. „Das bedeutet mehr Freiheit, aber auch mehr Stress“, sagt Frick. Zudem sieht sie eine wachsende Entmaterialisierung: Smartphones sind heute Musikanlage, Computer, Adressbuch, Navigationsgerät in einem. Wer braucht da die vielen monofunktionalen Geräte, die es heute noch überall zu kaufen gibt?

„Möglich wird irgendwann all das sein, womit sich Geld verdienen lässt“, sagt Zukunftsforscher Hansen: Die Wirtschaft ist das Schwungrad der Zukunft. Natürlich müsse auch die Technik neuer Produkte ausgereift und bezahlbar sein, es muss eine Infrastruktur und einen rechtlichen Rahmen für sie geben: Wer zahlt zum Beispiel, wenn das fahrerlose Auto einen Unfall verursacht?

Freilich bergen alle Vorhersagen große Risiken: Die Spinner von heute können morgen als die Visionäre von gestern dastehen – oder eben als Spinner von gestern. „Einerseits können ,Wildcards‘ dazwischenkommen – unvorhergesehene Wirtschaftskrisen, Wirbelstürme oder Weltkriege, die Entwicklungen unerwartet stoppen oder beschleunigen“, sagt Hansen. Und andererseits lassen sich auch allseits anerkannte Megatrends ganz unterschiedlich interpretieren. So gibt es unter Zukunftsforschern durchaus verschiedene Glaubensschulen: Matthias Horx etwa, der Nestor der deutschen Zukunftszunft, glaubt nicht ans fahrerlose Auto – weil insbesondere die männlichen Fahrer sich das Lenkrad nicht aus der Hand nehmen ließen.

Nicht alles, was technisch möglich ist, muss sich auch durchsetzen. „Entscheidend ist auch das Timing – neue Produkte dürfen nicht zu früh und nicht zu spät auf den Markt kommen“, sagt Hansen. Er zeigt auf ein Kurvendiagramm: Fernseher, Autos, Internetanschlüsse – all diese Neuerungen legten sich zuerst kleine Gruppen elitärer Trendsetter zu, ehe dann die breite Masse nachzog. Die Frage aber, was überhaupt noch Zukunftsmusik ist, wird heute immer uneinheitlicher beantwortet: Googles Internetbrillen sind schon ein alter Hut für all jene, die längst fragen, was nach Facebook kommt. Andere hingegen halten das Internet auch 2013 noch für Neuland. Die Gesellschaft zerfällt: „Was Zukunft ist, hängt immer stärker vom eigenen Standpunkt ab“, sagt Hansen. Er blickt wieder aus dem Fenster in die Ferne: „So gesehen“, sagt er nachdenklich, „leben einige schon in der Zukunft der anderen.“

Von Simon Benne 
und Nicola Zellmer

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