Baumschutz

Ab in die Krone

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Lieber nicht fällen: Karsten Weller sieht sich als Anwalt der Bäume.

Celle - Sie können klettern und sägen - Deutschlands beste Baumkletterer messen sich derzeit in Celle. Es geht um Sport, aber darum, die Bäume zu schützen.

Gurt, Seil, Helm - so ausgerüstet klettert Jürgen Unger an einem Seil steil 20 Meter hoch in eine massive Eiche im Celler Schlosspark, um zu überprüfen, ob alles richtig vorbereitet ist. Dort laufen bis Sonntag die Deutschen Baumklettermeisterschaften und Unger ist Schiedsrichter für einen der fünf Wettbewerbe - an der von ihm präparierten Station müssen die 65 Teilnehmer beweisen, dass sie einen Verletzten schnell und sicher aus großer Höhe auf den Boden bringen können. „Ich habe noch keinen Unfall im Baum erlebt, aber man muss darauf vorbereitet sein. Baumkletterer müssen immer zu zweit im Einsatz sein, damit im Notfall einer den anderen retten kann“, sagt Unger, einer von 2500 bei der Berufsgenossenschaft gemeldeten Baumkletterern.

Seine Firma ist im Umkreis von 100 Kilometern rund um Osnabrück tätig. Als Gutachter erkundet Unger den Zustand der Bäume, mit der Säge in der Hand entfernt er totes Holz aus den Kronen, ab und zu wird er als Baumfäller aktiv, immer gesichert an einem Seil - der studierte Landschaftsarchitekt arbeitet in rund 25 Metern Höhe. „Es gibt auch Hebebühnen, aber mit denen kommt man nicht an jeden Baum ran“, sagt der 45-Jährige. Eine eigenständige Berufsausbildung für Baumpfleger gibt es in Deutschland nicht. Wer als Baumkletterer arbeiten will, muss einen 40-stündigen Kurs im Klettern und für Motorsägearbeiten im Baum besuchen.

Das hat auch der Landschaftsgärtner Karsten Weller getan, der in Göttingen Arboristik studiert hat. Er nimmt in Celle zum fünften Mal an der Baumklettermeisterschaft teil. „Das Klettern lernt man nicht im Studium. Entscheidend ist, dass man die Seilklettertechnik für das Besteigen der Bäume lernt und beherrscht“, sagt der 31-Jährige, der in Göttingen in einem Drei-Mann-Betrieb als angestellter Baumpfleger arbeitet.

Auftraggeber sind oft Kommunen - jeder öffentliche Baum muss einmal im Jahr auf seinen Zustand hin überprüft und nicht selten beschnitten werden. Auch Privatpersonen nehmen Wellers Dienste in Anspruch. Die wollen mitunter einen großen gesunden Baum in ihrem Garten fällen lassen, weil er zu viel Schatten wirft und das Laubharken lästig ist. „Ich verstehe mich als Anwalt des Baumes und zeige Alternativen wie das Kürzen auf. In Städten mit Baumschutzsatzung wie Hannover und Göttingen braucht man für das Fällen zudem eine Genehmigung, und die gibt es nicht, wenn der Baum gesund ist.“

Den ganzen Tag bei Wind und Wetter in Bäumen rumklettern und mit der Motorsäge arbeiten, das ist anstrengend und verlangt körperliche Fitness. Weller sagt: „Ich bin abends geschafft, aber das ist ein schönes Gefühl. Bäume faszinieren mich, je älter sie sind, umso größer ist die Ehrfurcht. Es ist erstaunlich, was sie alles an Belastungen wie Stürme oder Abgase wegstecken.“

Das Programm der Baumklettermeisterschaft gibt es hier.

von Joachim Göres

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