Lesbisches Paar aus Café verwiesen

Ein Kuss mit Folgen

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Küssen verboten: Das beliebte Café Prückel in Wien.

Wien - Wie und wie lange Eva und Anastasia einander geküsst haben, ist nicht dokumentiert. Nach ihrem "Begrüßungskuss" wurde das lesbische Paar nicht mehr bedient.

„Ein Begrüßungskuss“ sei es gewesen, sagt die 19-jährige Anastasia Lopez. Christl Sedlar will allerdings „mehr als das“ gesehen haben, obwohl sie gar keine Augenzeugin war. Sie ist die Besitzerin des vornehmen Cafés Prückel in Wien. Der Streit um die Liebesbezeigung schlägt jedenfalls hohe Wellen: Mehr als 4000 Facebook-User haben zugesagt, sich am kommenden Freitag zu einem demonstrativen Kiss-in vor dem ehrwürdigen Etablissement an der Ringstraße einzufinden.

Nach ihrem Kuss hatten die beiden jungen Frauen am Dreikönigstag erst nur einen missbilligenden Blick des Kellners und dann noch ihren Tee bekommen, dann aber nichts mehr. Als sie sich nach einer Stunde Ignoranz durch das Bedienungspersonal bei der Chefin beschweren wollten, bissen die zwei Frauen auf Granit. Sie sollten ihre „Andersartigkeit“ lieber „im Puff“ ausleben, soll die betagte Dame gesagt und sich „voll hinter“ ihren Kellner gestellt haben.

Selbst vom ORF befragt, mochte Sedlar das nicht dementieren. Man müsse „ja nicht so zeigen, dass man zusammengehört“. Im Übrigen habe sie auch schon Paare unterschiedlichen Geschlechts zur Zurückhaltung ermahnt.

Der Fall schlug rasch Wellen. Die Wirtschaftskammer, Pflichtvertretung aller Selbständigen, ergriff Partei für die Wirtin, „eine offene Frau, die aus einer anderen Generation kommt“, lautete die Begründung. Voll und ganz überzeugt der Hinweis auf das Alter von Frau Sedlar nicht. Schließlich weist die Prückel-Chefin immer wieder gern auf die vielen jungen Leute in ihrem Café hin, die hier das kostenlose WLAN nutzen.

Dass der Kuss mit Folgen von Menschenrechtlern und schwul-lesbischen Aktivisten derart wichtig genommen wird, hat einen Grund: Denn das Antidiskriminierungsgesetz in Österreich schützt nur vor Zurücksetzungen im Arbeitsleben, nicht in der Öffentlichkeit. Wer keine Homosexuellen in seinem Lokal haben will, darf sie straflos hinauswerfen. Ein Boykott des Prückel stößt dennoch auf Skepsis. Den Konkurs des beliebten Traditionscafés mit seinem charmanten 50er-Jahre-Intérieur will am Ende aber auch niemand verursachen. Immerhin führt die Sedlars-Familie das Haus seit 1905.

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