Bildungsforschung

Längere Sommerferien, keine im Herbst

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Foto: Auf in die Ferien: Nach dem Stress haben die Kinder eine Auszeit bitter nötig.

Göttingen - Die Ferien im Sommer könnten länger werden, auf die Herbstferien sollte dann verzichtet werden – zu diesem Ergebnis kommen Bildungsforscher der Universität Göttingen. Sie hatten die Stressbelastung von Schülern und Lehrern durch unterschiedlich lange Schuljahre untersucht.

Besonders kurz und besonders stressig - das am nächsten Mittwoch zu Ende gehende zweite Schulhalbjahr hat nur 86 Unterrichtstage. Es ist damit rund ein Fünftel kürzer als im vergangenen Jahr. Weil die Vorgaben des Kultusministeriums über den Stoff, die Zahl der Klassenarbeiten und Klausuren aber gleich bleiben, setzen kurze Schuljahre Lehrer und Schüler unter großen Druck. Aus pädagogischen und lernpsychologischen Gründen fordern Bildungsforscher der Universität Göttingen deshalb ein Ende der sogenannten rollierenden Sommerferien.

Sie treten für feste Sommerferien zu einen immer gleichen Zeitpunkt ein, die dann aber nicht nur sechs, sondern sieben Wochen dauern sollten. Gleichzeitig könnten die Herbstferien abgeschafft werden, schlägt Peter Brammer vor, Lehrbeauftragter am pädagogischen Institut der Uni Göttingen.Sie seien ja historisch gesehen als Ernteferien gedacht gewesen. Dies sei mittlerweile überholt.

Gestützt sieht sich der Forscher durch seine jüngste Studie, die der HAZ exklusiv vorliegt. 85 Prozent der befragten Gymnasial- und Gesamtschullehrer geben an, dass die jährlich wechselnden Ferientermine ihren Unterricht negativ oder sogar sehr negativ beeinflussen. Die restlichen 15 Prozent sehen gar keinen Einfluss. Positive Wirkung attestiert kein einziger Pädagoge. Gleichbleibende Ferienzeiten wie in Bayern und Baden-Württemberg würden 60 Prozent der Befragten bevorzugen. Ein Großteil (65 Prozent) hat in diesem kurzen Schuljahr nicht alle vorgegebenen Themen durchgenommen. Unterbrechungen, ob kurz oder länger, wirken sich für jeden zweiten Lehrer negativ auf den Unterricht aus. Weil in Niedersachsen im vergangenen Sommer die Schule erst im September gestartet ist und in diesem Sommer der Ferienbeginn schon Ende Juni liegt, gibt es nur 174 reguläre Unterrichtstage - 14 Prozent weniger als im Schuljahr 2011/12 (202 Tage Unterricht). Hinzu kommen Ausfälle durch Klassenfahrten, Abiturprüfungen, Projektwochen, Sportfeste, Tage der offenen Tür, Praktika, Austauschprogramme oder Berufsorientierungstage. Ganz zu schweigen von Stunden, die ausfallen, weil Lehrer krank werden oder auf Fortbildung sind.

Am Beispiel eines Gymnasiums haben die Wissenschaftler ausgerechnet, dass durch Projekttage, Klassenfahrten und ähnliches 37 der 174 Unterrichtstage ausgefallen sind. Für die Teilnehmer eines Austauschprogramms kamen noch 59 hinzu. Nur zwischen November und Dezember 2012 hatten die Schüler im laufenden Schuljahr einmal fünf Wochen am Stück Unterricht, und das, obwohl längere Lernphasen für die Verfestigung des Stoffs nach Expertenansicht unerlässlich sind. Das zweite Halbjahr ist besonders kurz, dies bekommen gerade die Abiturienten zu spüren. Laut Brammer wurden an einigen Schulen noch am 10. Juni die letzten Klausuren geschrieben, da standen aber die Zeugniskonferenzen schon an. „Für die Lehrer bedeutet dies Korrekturen rund um die Uhr“, heißt es in der Untersuchung. „Stress, pauken für Klausuren, Verdichtung von Unterrichtsinhalten, Misserfolg bei Schülern und Burn-out-Erscheinungen bei Lehrern sind eine zwangsläufige Folge.“

Brammer plädiert dafür, den Schulen mehr Freiheit zu geben, selbst über Formen der Leistungsstandüberprüfung und über die Zahl der Klausuren, Tests und Arbeiten zu entscheiden. Auch die vielfältigen Aktivitäten außerhalb des Fachunterrichts müssten in die Bewertung einfließen.

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