Museen in Niedersachsen

Land sucht weiter nach Nazi-Raubkunst

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Foto: Eine alte Inventarliste vom Niedersächsischen Landesmuseum Hannover.

Hannover - Fast 70 Jahre nach Ende der NS-Herrschaft hängen in deutschen Museen immer noch Bilder, die verfolgten Juden gestohlen wurden.Forscher überprüfen auch in Niedersachsen Ankäufe zwischen 1933 und 1945 auf Ungereimtheiten.

Die Aufarbeitung der Nazi-Zeit ist in den niedersächsischen Museen und Bibliotheken noch längst nicht abgeschlossen. Etliche Einrichtungen des Landes erwarben zwischen 1933 und 1945 Kunstwerke oder Bücher, die den meist jüdischen Vorbesitzern gestohlen oder unrechtmäßig entzogen worden waren. Es könne noch keine Aussage getroffen werden, wie lange es dauern wird, bis alle Bestände untersucht worden sind, sagte eine Sprecherin von Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajić (Grüne) der dpa in Hannover. Dem Ministerium sei es wichtig, alle Fälle von Raubkunst in Niedersachsen umfassend zu erfassen und aufzuklären.

Im Landesmuseum Hannover und im Oldenburger Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte sind Provenienzforscher den gestohlenen Bildern auf der Spur. Sie überprüfen alle Zugänge ihres Museums nach 1933 auf Ungereimtheiten. Die Stelle in Hannover ist im Stellenplan verankert, die Stelle in Oldenburg wird aus Projektmitteln des Bundes finanziert. Das Herzog-Anton-Ulrich-Museum hat seine Nachforschungen dagegen bereits abgeschlossen, auch weil sich der Großteil der Sammlung bereits seit über 300 Jahren in Braunschweig befindet.

Der Fall Cornelius Gurlitt hatte das Thema auf die Agenda gebracht: Nach der Entdeckung von mehr als 1200 Bildern bei dem Münchner Kunsthändlersohn war im In- und Ausland Kritik am Umgang der Deutschen mit NS-Raubkunst laut geworden. Die Bundesregierung will die Mittel für die Herkunftsforschung daher von derzeit jährlich 2,7 Millionen Euro aufstocken.

„Die Provenienzforschung steht auch in Niedersachsen noch am Anfang“, heißt es dazu aus dem Ministerium. Wie viele Raubgüter in den Sammlungen lagern, sei unklar. Sieben Werke aus den Landesmuseen seien an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben worden, zwei weitere Rückgaben würden vorbereitet.

Die Überprüfung der Bestände in Hannover ergab, dass 70 Prozent der Werke rechtmäßig im Besitz des Landesmuseums sind. Bei 30 Prozent ist ein Entzug durch die Nationalsozialisten nicht auszuschließen. Seit 2010 seien 25 Kunstwerke mit zweifelhafter Herkunft der staatlichen Koordinierungsstelle in Magdeburg gemeldet und daraufhin in die „Lost Art“-Datenbank eingestellt worden, berichtete Provenienzforscherin Claudia Andratschke. Die Kunsthistorikerin bietet Führungen zum Thema an, zuletzt etwa „Auf den Spuren der Monuments Men“. George Clooneys neuer Kinofilm beschäftigt sich mit den Jägern von Hitlers Raubkunst.

Auch die Landesbibliotheken in Hannover, Wolfenbüttel und Oldenburg sowie die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen arbeiten ihre NS-Vergangenheit auf: So gab es 2002, 2005, 2007 und 2011 wissenschaftliche Tagungen zu dem Thema, Mitarbeiter werden in Fortbildungen aufgeklärt.

Im vergangenen Jahr überreichte die Göttinger Universitätsbibliothek dem SPD-Ortsverein Verden 167 während der Nazi-Zeit beschlagnahmte Bücher. Auch nach Frankreich und Polen wurden als Raubgut identifizierte Werke zurückgegeben. Insgesamt haben Wissenschaftler in einem Forschungsprojekt rund 1100 Bücher aus dem Göttinger Bestand als eindeutige oder verdächtige NS-Raubgutfälle identifiziert. Die Bibliothek bemüht sich, ihre rechtmäßigen Besitzer zu finden.

dpa

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