Honorarverhandlungen

Landärzte gesucht - über 400 Plätze frei

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Hoffnungsvoll gestartet: Vor einem Jahr präsentierte der Arzt Jürgen Bohlemann das zur Praxis umgebaute Wohnmobil, das sechs Dörfer bei Wolfenbüttel anfährt.

Hannover - Die Honorarverhandlungen zwischen Ärzten und Krankenkassen stehen vor der Tür. Doch selbst wenn Hausärzte danach mehr Geld bekommen - der Ärztemangel auf dem Land wird so nicht behoben.

„Ärzte aufs Land zu locken bleibt schwierig“, sagt Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Inzwischen gebe es 357 freie Sitze für Hausärzte und 83 für Fachärzte. Auch Kliniken auf dem Land klagen über einen Mangel an Medizinern.

Kommunen und Berufsverbände testen immer neue Modelle, um die Versorgung auch in dünn besiedelten Gegenden zu gewährleisten. Doch was zunächst vielversprechend klingt, kann sich in der Praxis als untauglich erweisen. So steht die vor einem Jahr mit hohen Erwartungen gestartete bundesweit erste „Rollende Arztpraxis“ in Wolfenbüttel bereits vor dem Aus. Nach Angaben des Landkreises wird sie wohl nach der Versuchsphase Ende des Jahres ihren Betrieb einstellen. „Ein Arzt, der mit einem Bus unterwegs ist, kann nicht so viele Menschen behandeln“, erläutert KVN-Sprecher Haffke. Maximal acht Patienten habe der Wolfenbütteler Mediziner an einem Vormittag - zu viel Zeit verbringe er zwischendurch am Steuer der „rollenden Praxis“.

Unterdessen startet im Emsland ein anderer Versuch: Da die Region mit einem Versorgungsgrad von 87 Prozent bei den Hausärzten schlecht dastand und weitere Pensionierungen bevorstehen, richtet die KVN in Sögel erstmals eine sogenannte Sicherstellungspraxis ein. Im neuen „Ärztehaus am Amtsbrunnen“ wird ab Oktober Niels-Christian Höllger als angestellter Arzt arbeiten. Bei der Ausstattung der Praxis und der Zusammenstellung des Teams darf der Mediziner mitsprechen. „Die Kommunikation auf Augenhöhe mit KVN und Kommune war nicht zuletzt für mich ausschlaggebend“, sagt der 45-Jährige.

„Die alleinige Übernahme einer Hausarztpraxis ist nicht mehr so gefragt“, berichtet Britta Richter von der Landesvereinigung für Gesundheit. Befragungen unter Medizinstudenten hätten gezeigt, dass viele der inzwischen meist weiblichen Studierenden sich Praxisgemeinschaften und Teilzeitstellen wünschten. Für die Ortswahl ausschlaggebend seien unter anderem Verkehrsanbindung, Schulen und Kindergärten. Die Landesvereinigung berät Kommunen bei der medizinischen Versorgung. Beispielhaft könnte ein Projekt im Heidekreis sein, meint Richter. „Ein Bürgerbus bringt dort neuerdings Patienten aus den Dörfern zu Walsroder Ärzten.“ Dennoch hat gerade der Heidekreis kürzlich in einem öffentlichen Aufruf um weitere Ärzte geworben. „Elf Arztpraxen suchen einen Nachfolger“, heißt es darin.

Eine Unterversorgung gibt es der KVN-Statistik nach offiziell nirgends in Niedersachsen - dazu müsste der Versorgungsgrad unter 75 Prozent sinken. Zu den Gebieten mit dem höchsten Hausärztebedarf zählen die Regionen Braunschweig, Buchholz/Nordheide, Meppen, Leer und Buxtehude. Hoher Bedarf an Fachärzten besteht unter anderem in der Rehamedizin, bei Augenärzten, Frauenärzten und Kinderärzten.

Das Problem setzt sich in den Kliniken fort. „In den Kliniken fehlen 4000 Ärzte“, sagt Helge Engelke von der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft. „Die Tendenz der Ärzte geht auch hier Richtung Stadt.“ Das liege unter anderem an der Angst vor häufigen Bereitschaftsdiensten an kleineren Standorten. Selbst ausgeklügelte Arbeitszeitmodelle, mit der etwa das Heidekreis-Klinikum wirbt, helfen jedoch nur bedingt. „Eine Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht“, sagt Engelke.

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