Neu Darchau

Landen die Pläne für Elbbrücke im Papierkorb?

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„Eintrittsgeld in den Landkreis Lüneburg“: Derzeit geht’s für Autofahrer oder Radfahrer nur per Fähre bei Bleckede (l.) oder Hitzacker über die Elbe. Foto: George

Lüneburg - Seit Jahren wird über eine Elbbrücke bei Neu Darchau gestritten. Nach neuesten Kostenschätzungen sehen sich die Gegner bestätigt. Landen die Pläne für die Elbquerung bei Lüneburg im 25. Jahr der Wiedervereinigung nun im Papierkorb?

Mehr als 20 Jahre lang gab es vor allem vollmundige Versprechen: Die geplante Elbbrücke im Landkreis Lüneburg war von Anfang an kein Projekt, bei dem es besonders reibungslos lief. Doch ausgerechnet im 25. Jahr der Wiedervereinigung steht ein Herzensprojekt der Deutschen Einheit kurz davor, für viele Jahre in der Schublade zu landen. Oder gleich ganz im Papierkorb.

Entstehen sollte die Brücke bei Neu Darchau, gelegen zwischen Bleckede und Hitzacker im nordöstlichen Teil Niedersachsens, für rund 45 Millionen Euro. Inzwischen gehen die Planer von 58 Millionen Euro aus, und das ist für Lüneburgs Landrat Manfred Nahrstedt (SPD) der Grund, die Reißleine zu ziehen. „Ich werde vorschlagen, die Planungen einzustellen“, sagt er.

Bislang sollte der Landkreis Lüneburg sich mit 9,25 Millionen Euro an den Baukosten beteiligen; bestätigen sich die jüngsten Schätzungen, müsste er laut Nahrstedts Berechnungen 22,25 Millionen Euro auf den Tisch legen. Geld, das der Kreis nicht hat. „Mehr als 10 Millionen Euro kann sich der Landkreis nicht leisten. Wir sind ein Entschuldungslandkreis.“ Der Landkreis Lüneburg hat den sogenannten Zukunftsvertrag mit dem Land Niedersachsen geschlossen, ein Entschuldungspakt für klamme Kommunen. „Was ich für die Brücke mehr ausgeben würde, müsste ich woanders einsparen“, sagt Nahrstedt. „Ich sehe nicht, wo das sein soll.“

„Ja zur Brücke, Ja zur Einheit“ lautet der Slogan der Brückenbefürworter. Sie sehen in der Elbbrücke nicht nur einen Wirtschaftsfaktor für Handwerk und Tourismus, sondern auch ein Symbol für Wiedervereinigung und Willkommensgefühl. Denn Amt Neuhaus auf der östlichen Seite der Elbe gehörte zwar seit Ende des 17. Jahrhunderts zum Fürstentum Lüneburg und damit zum Königreich Hannover. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Alliierten die Elbe als natürliche Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten, und Amt Neuhaus gehörte über Nacht zu Mecklenburg-Vorpommern. Nach der Wiedervereinigung votierten die Einwohner für die Rückkehr nach Lüneburg - und die Politik versprach ihnen eine Brücke. Das war 1993.

Mehr als 20 Jahre später herrscht Frust zwischen den weiten Wiesen und wilden Auen. Grit Richter, parteilose Bürgermeisterin von Neuhaus, schwankt zwischen Wut und Enttäuschung, wenn sie an das gebrochene Versprechen von damals denkt. „Wir sind die finanziell am drittschlechtesten aufgestellte Gemeinde in ganz Niedersachsen. Wenn die Brücke nicht kommt, bedeutet das für uns Stillstand. Unsere Natur ist wunderschön, aber wirtschaftlich sind wir durch die Regeln des Biosphärenreservats begrenzt. Von Tourismus lässt sich hier nicht leben.“

Jörg Sohst vom Verein „Brücken bauen“ sagt: „Die Menschen haben resigniert. Man hängt sie ab, gibt ihnen nicht die Chance, sich zu entwickeln. Blühende Landschaften werden wir hier zwar niemals bekommen, aber zumindest den Abwärtstrend aufhalten - das könnte die Brücke.“ Für ihn ist klar: Ob die Brücke gebaut wird oder nicht ist weniger eine Frage des Könnens, sondern des Wollens. „Wenn man die Brücke will, kann man sie auch bezahlen.“ In den nächsten Tagen wollen Vertreter des Vereins nach Berlin reisen und ausloten, ob sich das Land Mecklenburg-Vorpommern an der Finanzierung der Elbquerung beteiligen könnte, das von der Brücke ebenfalls profitieren könnte.

Aber wo Befürworter sind, da gibt es meist auch Gegner. Die Bürgerinitiative„Ja zur Fähre - Nein zur Brücke“ beruft sich auf eine Bürgerbefragung von Anfang 2013. Damals habe sich ein Viertel klar gegen die Brücke ausgesprochen, argumentiert Andreas Conradt, ein weiteres Viertel der Befragten akzeptiere eine Beteiligung von höchstens 10 Millionen Euro an den Kosten. Angesichts der neuesten Zahlen „lautet das Signal, dass die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger im Landkreis Lüneburg gegen die Brücke ist“, sagt Conradt.

„Die Realität muss die Oberhand gewinnen“, sagt Landrat Nahrstedt. „Ich glaube, das Amt Neuhaus ist sehr stark an den Landkreis herangewachsen, es bestehen viele Verbindungen zwischen hüben und drüben. Jetzt werden wir uns Gedanken machen, wie wir den Menschen bei den Fährkosten entgegenkommen.“ Günstigere Fährtickets als Ersatz für die versprochene Brücke? Am anderen Elbufer findet der Landrat mit dieser Idee wenige Freunde. Bürgermeisterin Richter nennt die Tickets das „Eintrittsgeld in den Landkreis Lüneburg“.

Von Carolin George

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