Kostendruck steigt

Landgestüt in Celle sucht nach neuen Wegen

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„Wir öffnen uns den Wünschen unseres Publikums“: Landstallmeister Axel Brockmann sieht sich in einem der Ställe um.

Celle - Landstallmeister Axel Brockmann steht vor einer schwierigen Aufgabe: Weil das Interesse an Hengstparaden nachlässt, sollte die Veranstaltung vom nächsten Jahr an komplett ausfallen. Nun hat sich das Landgestüt aber anders entschieden und will ab 2016 eine Präsentation im neuen Gewand zeigen.

Das Interesse an den klassischen Hengstparaden lässt nach, und der Kostendruck wird immer größer.

Vor wenigen Tagen hatte der Betrieb sogar mitgeteilt, die Traditionsveranstaltung vom kommenden Jahr an ganz aufzugeben. Mittlerweile ist von einem kompletten Aus der Hengstparade zwar nicht mehr die Rede - aber der Betrieb steht vor großen Veränderungen. „Das Landgestüt muss zeitgemäß und vorwärtsweisend neue Entwicklungen aufspüren und mitgestalten“, fordert Landwirtschaftsminister Christian Meyer.

„Wir öffnen uns den Wünschen unseres Publikums“, sagt Landstallmeister Axel Brockmann, Hausherr im Celler Landesbetrieb. Und tatsächlich hat sich schon einiges getan: Himmelfahrtsgottesdienst, Gartenfestival, internationales Turnier historischer Kutschenfahrer, Weihnachtsmarkt und Christmesse - wer heute einen Blick hinter die Zäune des Gestüts und in die historischen Pferdeställe werfen möchte, ist schon lange nicht mehr auf die traditionellen Hengstparaden angewiesen.

Ab 2016 will das Landgestüt eine Präsentation im neuen Gewand bieten. „Wir sind in Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsministerium aber noch nicht am Ende unserer Überlegungen“, sagt Brockmann im Gespräch mit der HAZ. In diesem Jahr wird er allerdings noch viermal vor der Ehrentribüne stehen und bei der Hengstparade die Gäste aus aller Welt begrüßen - genau so, wie es seine Vorgänger gehalten haben, im dunklen Anzug und mit schwarzer Melone.

Als Landstallmeister, so der offizielle Titel, steht der promovierte Landwirt Brockmann seit Anfang 2008 an der Spitze des Landesbetriebes, der seit 1735 nur einen wesentlichen Auftrag hat, nämlich die Zucht guter Pferde zu fördern und die Stutenhaltung im Lande zu unterstützen. Wenn Brockmann mit Gästen in diesen Tagen durch seinen Betrieb geht, sind die meisten Hengste wie stets in dieser Jahreszeit auf den Deckstellen und verhelfen den Hannoveraner-Stuten zum Mutterglück. Sattelmeister Otto Ahlvers kümmert sich derweil um den Junghengst Talisman. Der dreijährige Rappe könnte ein neuer Star unter den Celler Hengsten werden. Sein Vater ist Totilas, der zur Spitzenklasse der Dressurpferde zählt und von Paul Schockemöhle im Jahr 2010 für geschätzte 10 Millionen Euro gekauft wurde - Totilas sollte sich in Niedersachsen auch als privater Deckhengst bewähren. Doch aktuell ist es still um ihn geworden. Ob seine Großkinder dem Landgestüt zu neuem Ruhm verhelfen können, wird sich frühestens im nächsten Jahr erweisen. Talisman ist zum ersten Mal im Deckeinsatz. Maximal 100 Stuten darf sein Sperma in der laufenden Saison übertragen werden. Für jede Bedeckung berechnet das Gestüt 950 Euro.

13 Lehrlinge absolvieren derzeit auf dem Gestüt eine Ausbildung zum Pferdewirt - wie etwa Dominik Böhm. Der 18-Jährige, der selbst aus einer Züchterfamilie stammt, ist zurzeit in der zum Landgestüt zählenden Hengstprüfungsanstalt in Adelheidsdorf tätig. Dort müssen die Nachwuchstiere beweisen, ob sie für die Zucht geeignet sind. Fallen sie durch, folgt gewöhnlich die Kastration. Als Wallach werden sie dann an Freizeit-, Spring- oder Dressurreiter verkauft.

Für die Jungtiere in Adelheidsdorf ist die Vorbereitung auf die Hengstprüfung bereits die zweite Station auf dem Weg in den Staatsdienst. Brockmann kauft in jedem Jahr 50 Fohlen, die in Hunnesrück bei Einbeck ihre Kinderzeit verbringen. Etwa die Hälfte qualifiziert sich für die Aufnahme in die Prüfungsanstalt, die 1975 vom Land errichtet wurde.

Das Celler Hengstauswahlverfahren hat dem Gestüt auch international zu einem hervorragenden Ruf verholfen. Selbst Züchter aus Nordamerika, aber auch aus Osteuropa und Russland lassen sich tiefgefrorenes Sperma der Celler Hengste schicken. „Auch dieses Geschäft bringt viel Geld in die Kasse“, sagt Brockmann.

Grundsätzlich blickt der Landstallmeister optimistisch in die Zukunft. Vielleicht liegt es auch daran, dass es in den vergangenen Tagen viele Sympathiebekundungen für seinen Betrieb gegeben hat. So unterstützen alle Landtagsparteien den Versuch, dem Gestüt einen Weg in eine gesicherte Zukunft zu ebnen.

Im Herbst lädt das Landgestüt Celle zu vier Hengstparaden ein. Zwei finden am 26. und 27. September statt, zwei weitere unter dem Motto „25 Jahre Deutsche Einheit“ am 3. und 4. Oktober.

Von Klaus von der Brelie

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